Die Nazi-Vergangenheit öffentlich einschweißen: »Bringing Gustav Metzger Back to Nürnberg« von Michaela Melián

Die Nazi-Vergangenheit öffentlich einschweißen: »Bringing Gustav Metzger Back to Nürnberg« von Michaela Melián

Foto: privat

Der Plakatierer hat gerade mit seiner Arbeit begonnen. Der 18. September 2025 ist ein warmer Spätsommertag. Die Menschentraube wächst, Kunstpublikum und Passant*innen, die stehenbleiben. Erst allmählich kann man sehen, was da mit routinierten Handgriffen plakatiert wird: der Reichsparteitag der NSDAP in Nürnberg, ein vergrößerter Abzug eines historischen Pressefotos vom 10. September 1938. Applaus kommt auf, als die Arbeit getan ist. Ein Schock: Hitler grüßt aus seinem Wagen die frenetische Menschenmenge. Die Bildpropaganda wirkt – immer noch. Am 9. September 2000 wurde Enver Şimşek von der neonazistischen Terrorgruppe NSU ermordet. Weitere Taten in Nürnberg, Hamburg, München, Rostock, Dortmund und Kassel folgten. Bei den kommenden Landtagswahlen sind weitere Zugewinne für die AfD zu erwarten. Dies ist der Kontext der politischen Gegenwart.

Im Nürnberger Stadtbild verdichtet sich damit deutsche Geschichte und wird zur Kulisse für die Banalität des Alltags. Das beschriebene Plakat ist nur wenige unheimliche Augenblicke zu sehen, bevor es von einer schweren Stahlplatte verdeckt und eingeschweißt wird. Dieses Geschehen ist Teil der künstlerischen Arbeit »Bringing Gustav Metzger Back to Nürnberg« der Künstlerin Michaela Melián, ein Reenactment von Metzgers »Historic Photographs: Hitler-Youth, Eingeschweißt«. Gustav Metzger realisierte dieses Kunstwerk 1997 für eine von Justin Hoffmann kuratierte Ausstellung im Kunstraum München – es war die erste Präsentation seiner Kunst in Deutschland – nach seiner Emigration mit einem Kindertransport von Nürnberg nach England 1939. Er entkam mit seinem Bruder den Nazis und starb als staatenloser Künstler 2017 in London.

Kunstwerk des Monats

Für Goethe ist die Kunst »eine Vermittlerin des Unaussprechlichen«. Was ist daran bewegend, was politisch? Das erklären wir an einem aktuellen oder historischen Beispiel: Das Kunstwerk des Monats.

Geboren 1926 in Nürnberg musste er als Sohn orthodoxer Juden miterleben, wie sich die deutsche Gesellschaft in den 30er Jahren radikalisierte und aus Jugendkamerad*innen begeisterte Hitlerjungen und -mädchen wurden. Seine Werkreihe der »Historic Photographs« führte Metzger auf ein Erlebnis zurück, das er im Spätherbst 1990 hatte. Damals las er in einer italienischen Zeitung von der Erschießung arabischer Menschen in Jerusalem und fühlte sich davon getroffen. Danach entwickelte er künstlerische Arbeiten, die Betrachter*innen körperlich direkt mit der fotografierten Szene konfrontieren. Dies erreichte er, indem er Bilder von Gewalt vergrößerte und so präsentierte, dass man hinter Vorhänge oder unter Tücher schlüpfen musste, um etwas sehen zu können. Man konnte die Bilder unmittelbar berühren, aber niemals ganz erfassen. Oder er verbaute den Zugang zum Bild durch dicke Holzbalken, die nur eine sehr beschränkte Ansicht freigaben. Die richtige Distanz zum Dargestellten einzunehmen, eine körperliche und intellektuelle Vorstellung, ein Verhältnis dazu zu bekommen, ist unmöglich. »Historic Photographs: Hitler-Youth, Eingeschweißt« verbarg das eingeschlossene Bild sogar ganz.

In der jüngeren Kunstgeschichte gilt Metzger als Erfinder der auto-kreativen Kunst, 1959 veröffentlichte er ein »Manifest zur auto-destruktiven Kunst«, 1977 rief er die Künstler*innen zu einem »Art Strike« auf. Er hatte kein Interesse an der Herstellung von marktförmigen Kunstobjekten. Ihm ging es um Erfahrungen, die im Gedächtnis bleiben, als Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen. 1999 zeigte die Kunsthalle Nürnberg Metzgers erste Einzelausstellung in Deutschland: »Ein Schnitt entlang der Zeit«. Das brachte ihn zurück in seine alte Heimatstadt. Im Katalog der Ausstellung beschreibt Astrid Bowron Metzgers »Historic Photographs« als künstlerische Arbeiten, »die das zerstörerische Potenzial des Menschen zeigen: Fotos von Holocaust und Vietnamkrieg, von dem Konflikt zwischen Israel und Palästinensern, von Terrorismus und der Zerstörung der Natur«. Die Aktualität dieser verdichteten Diagnose ist evident. Und dennoch ist die Kunst von Metzger historisch situiert, mischt sich ein, wird konkret, ohne einseitig zu sein oder sich vereinnahmen zu lassen, und ergeht sich nicht im allgemein Menschlichen. Das Nachleben der Bilder vergegenwärtigt die ungelösten Konflikte, die neuen Kriege.

Bei einem Podiumsgespräch in der Kunsthalle Nürnberg, das ebenfalls am 18. September 2025 stattfand, stellten Wolfgang Brauneis (Kurator und ehemaliger Direktor des Kunstvereins Nürnberg), Justin Hoffmann (Leiter des Kunstvereins Wolfsburg), Michaela Melián, Alexander Schmidt (Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände Nürnberg) und Michaela Unterdörfer (zusammen mit Astrid Bowron, Kuratorin der Einzelausstellung von Gustav Metzger in der Kunsthalle Nürnberg 1999) die Bedeutung Metzgers für die Kunstgeschichte und die Erinnerung an den Holocaust heraus. Meliáns künstlerische Arbeit entstand im Rahmen des »Symposion Urbanum« Nürnberg 2025. Bereits 2023 zeigte Melián in der von Brauneis kuratierten Ausstellung »Der Dritte Raum« im Kunstverein Nürnberg erinnerungspolitische und recherchebasierte Arbeiten zu Nationalsozialismus und Antisemitismus.

Was bedeutet es nun, Gustav Metzger zurück nach Nürnberg zu bringen? Diese Frage stellt die künstlerische Arbeit von Melián in den öffentlichen Raum Nürnbergs und verleiht Metzgers Kunst damit neue Dringlichkeit. Ein Schaukasten und eine Homepage geben die nötigen Hintergrundinformationen zu Metzgers Leben und Kunst. Die an der historischen Stadtmauer vor der Nürnberger Kunsthalle installierte Stahlplatte hingegen verschweigt, welch unheilvolles Propagandabild darunter eingeschweißt ist. Nur wer sich die Mühe macht, etwas verstehen zu wollen, wird erfahren, was es damit auf sich hat.

Die Aufgabe des Erinnerns lässt sich nicht einfach an Kunst, Denkmale, Gedenktage oder sonstige Formen ritualisierter Erinnerungspolitik abtreten. Es braucht mehr als das, damit nicht die Bilder der Vergangenheit zu neuen Projektionsflächen für die Gegenwart werden. In einer zunehmend polarisierten Kultur und Gesellschaft erstaunt, wie wenig Wahrnehmung Meliáns Arbeit für Gustav Metzger bislang erfahren hat. Informationen zur Veranstaltung am 18. September mussten vorab gesucht werden. Und auch die mediale Berichterstattung danach blieb überschaubar. Die Tränen des Bundeskanzler Friedrich Merz bei der Wiedereröffnung der von den Nationalsozialisten zerstörten Synagoge in der Münchner Reichenbachstraße am 15. September 2025 lösten große öffentliche Resonanz aus. Die Eröffnung in der Kunsthalle Nürnberg wurde nur von wenigen wahrgenommen.

Auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände wird auf einer der größten Kulturbaustellen Europas ein neues Opernhaus gebaut. Allen Bedenken und Widerständen zum Trotz soll die Spielzeit 2028/29 des Staatstheaters dort erstmals eröffnet werden. Auch all dies gehört zum politischen Kontext der Gegenwartskultur. Was also bedeutet es, nun Gustav Metzger zurück nach Nürnberg zu bringen?

https://michaelamelian-gustavmetzger.de/