Wer im Deutschen Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt die Ausstellung der besten Bauten Deutschlands betritt, sieht zunächst eine Deutschlandkarte. Dort ist eingezeichnet, wo sich die 23 Projekte befinden, die es in die engere Wahl für den DAM-Preis 2026 geschafft haben. Der Schwerpunkt liegt in Süddeutschland. München und Mannheim sind mit jeweils zwei Projekten vertreten, daneben sind Projekte aus Stuttgart, Heilbronn, Ingolstadt, Regensburg und mehreren kleineren Gemeinden zu sehen. Nach Norden hin wird es dünner – mit einer Ausnahme. Gleich fünf preiswürdige Bauten aus Berlin hat eine Fachjury ausgewählt.

Besonders beeindruckt zeigte sie sich von einem werkstattartigen Anbau an ein Güterbahnhofsgebäude von 1907 in Berlin-Moabit, der von dem Berliner Architekten Peter Grundmann für den Verein ZK/U Zentrum für Kunst und Urbanistik entworfen wurde. Die mit dem DAM-Preis ausgezeichnete Stahl-Glas-Konstruktion zeige, wie mit geringen Mitteln eine große Wirkung erzielt werde, sagte DAM-Direktor Peter Cachola Schmal, der Vorsitzende der Jury. Das Budget von sechs Millionen Euro sei eingehalten worden, der Quadratmeterpreis von 2000 Euro sei außergewöhnlich niedrig.

„Dieser ungewöhnliche Bau vereint Gestaltungswillen, Haltung und Gestaltung“, sagte Schmal. Bemerkenswert sei, dass der Architekt Peter Grundmann, ein gelernter Schiffsbauer, mit viel eigener Handarbeit kreative und  kostengünstige Lösungen gefunden habe, etwa für die Verbindung der neuen Fassade mit dem Bestandsgebäude. Jurymitglied Oliver Elser bezeichnet es als „mutig, wie hier Standards locker über Bord geworfen werden“.

Herausragendes auch in kleinen Gemeinden

Unter den fünf Finalisten ist ein weiteres Projekt aus Berlin, die Doppelschule „Allee der Kosmonauten“ von Prag Architects, gelegen zwischen Marzahn und Lichtenberg. Bereits im vergangenen Jahr ging der DAM-Preis, der seit zehn Jahren verliehen wird, an ein Projekt in Berlin, das Spore-Haus in Tempelhof. Frankfurt hingegen, wo überdurchschnittlich viel gebaut wird, ist seit jeher in den Auswahllisten des Preises schwach vertreten. Schmal findet es schade, dass in seinem Museum am Frankfurter Schaumainkai lokale Projekte nicht zu sehen sind. Kein einziges Bauvorhaben aus Hessen hat die Jury als preiswürdig erachtet. „Aber was soll man machen?“, fragt Schmal. Es handle sich nun einmal um eine Bestenauslese.

Herausragende Architektur finde sich eher in Bayern und Baden-Württemberg. Selbst kleine Gemeinden sind vertreten, etwa das fränkische Niederwerrn mit einem neuen Bürgerzentrum. Schmal führt die auffällige regionale Verteilung darauf zurück, dass es in Bayern für öffentliche Bauvorhaben häufig Architektenwettbewerbe gebe. In Hessen hingegen sei die Lage des Wettbewerbswesens „bedauerlich“.

Ansehnliche Notunterkunft: In diesem Komplex in München werden nicht nur Wohnungslose untergebracht.Ansehnliche Notunterkunft: In diesem Komplex in München werden nicht nur Wohnungslose untergebracht.Michael Heinrich

Traditionell legt der DAM-Preis den Fokus nicht auf die großen, repräsentativen Bauten, sondern auf die alltäglichen Bauaufgaben. Auch ist die architektonische Gestalt nicht das alleinige Kriterium für die Auszeichnung. Vielmehr berücksichtigt die Jury auch die Funktion und die soziale Einbettung eines Gebäudes sowie die Kosten.

Deutlich wird das am Beispiel eines Projekts aus München, das den sperrigen Namen „Übernachtungssschutz mit medizinischer Einrichtung“ trägt. Das Münchner Büro Hild und K hat ein Ensemble mehrerer Gebäude mit insgesamt 730 Übernachtungsplätzen in Mehrbettzimmern entworfen. Dort werden Wohnungslose untergebracht; die Betten stehen aber auch in Notfällen zur Verfügung, wenn zum Beispiel Wohnhäuser wegen einer Bombenentschärfung geräumt werden müssen. Die Fassade aus rostroten Holzelementen bezeichnet die Jury als „schlichte Schönheit“. Schmal lobt ausdrücklich die Stadt München als Bauherrin: „So etwas gibt es in keiner anderen Stadt in Deutschland.“

Holzbau liegt im Trend

In den zehn Jahren, in denen der DAM-Preis mittlerweile verliehen wird, ist eine Datenbank mit rund 1000 außergewöhnlichen Projekten entstanden. Christina Gräwe, die den Preis zusammen mit Yorck Förster kuratiert, macht vor allem zwei Trends aus: „Der Wohnungsbau ist keine Eintagsfliege“, sagt sie. Außerdem seien auffallend viele Holzbauten ausgewählt worden. In beide Kategorien fällt das als gemeinschaftliches Wohnprojekt entstandene Mehrgenerationenhaus in München, das in der aktuellen Ausstellung zu sehen ist. Bemerkenswert sind in den Augen der Jury die flexiblen Grundrisse: Durch eingeplante Wanddurchbrüche können die Räume je nach Bedarf getrennt oder gekoppelt werden.

Anhand eines Projekts in der Kölner Südstadt, das zu den Finalisten zählt, wird eines der Probleme des heutigen Wohnungsbaus deutlich: In einem Hinterhof hat das Architekturbüro Aretz Dürr mit Modulen vergleichsweise preisgünstig neue Wohnungen geschaffen. Teuer wurde das gesamte Vorhaben aber, weil die Stadt zusätzliche Parkplätze verlangte, die nur in einer Tiefgarage mit Aufzug unterzubringen waren. Dadurch stieg die Kaltmiete von 16 auf 20 Euro je Quadratmeter.

Umbau eines Hochhauses gewürdigt

Auch das Thema Bauen im Bestand spielt beim DAM-Preis stets eine große Rolle. In diesem Jahr ist zum Beispiel ein in Regensburg gelegenes Mietshaus mit 14 Geschossen aus den Sechzigerjahren ausgestellt. Durch einen Anbau hat das Münchner Büro Studiomolter die Zahl der Wohnungen von 60 auf 100 gesteigert, an der neuen Fassade wird über Solarmodule Energie erzeugt. „Es gibt überall solche Gebäude“, beschreibt Schmal den exemplarischen Charakter dieses Umbaus.

Die Ausstellung „Die 23 besten Bauten in/aus Deutschland“ ist bis zum 10. Mai im Deutschen Architekturmuseum (Schaumainkai 43, Frankfurt) zu sehen. Führungen werden jeweils samstags und sonntags um 16 Uhr angeboten. Außerdem werden die ausgewählten Projekte im vom DAM herausgegebenen Deutschen Architektur Jahrbuch 2026 vorgestellt.