Die Tage werden zwar wieder länger – doch Berlin quält sich durch eine nicht enden wollende Winterperiode. Vereiste Bürgersteige machen Fußgängern das Leben schwer, selbst vor dem Bundeskanzleramt ist der Boden mit einer Eisschicht überzogen. Im politischen Berlin wird erzählt, dass sogar ein Staatsgast übers Eis tippeln musste.

„Die Chirurgen arbeiten die Nächte durch“  Berliner Krankenhäuser und Rettungsdienste im Glatteis-Stress

Warum bekommt Berlin das Eis nicht in den Griff? Für das Räumen der Straßen und Radwege ist die Berliner Stadtreinigung (BSR) zuständig, während Eigentümer auf den Wegen vor den Häusern verantwortlich sind – doch hier lässt der Winterdienst oftmals zu wünschen übrig.

Was sagen die Eigentümer?

Die aktuelle Glatteissituation stelle hohe Anforderungen an den Winterdienst, sagte ein Sprecher des Verbands Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU) stellvertretend für die landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften Howoge, Degewo und Gesobau auf Anfrage.

Die Landeseigenen kämen ihren gesetzlichen Verkehrssicherungspflichten nach und hätten auch die erforderlichen Kapazitäten abgesichert. Das Räumen übernähmen eigene Hausmeisterdienste sowie externe Unternehmen. „Die derzeitige Wetterlage mit anhaltenden Minusgraden und wiederholter Glättebildung ist dennoch besonders herausfordernd“, teilte der Sprecher mit.

Der Verband Haus und Grund verwies darauf, dass kleine Eigentümer oft gar nicht vor Ort seien. Zugleich kritisierte er die Winterdienstfirmen. „Selbst die Übertragung der Erfüllung der Eis- und Schneebeseitigungspflicht auf professionelle Dienstleister hat auch in dieser Saison nicht funktioniert“, sagte der Vorsitzende Carsten Brückner. Diese würden die Verträge nicht, nicht ausreichend oder nicht rechtzeitig erfüllen. Aufgrund der vorherigen milden Winter hätten die Firmen in den vergangenen Jahren offensichtlich Kapazitäten abgebaut.

Reichstagskuppel ist geschlossen

Die bei Touristen beliebte Kuppel auf dem Reichstagsgebäude in Berlin sowie die Dachterrasse sind wegen des Winterwetters gesperrt. Das teilte die Bundestagsverwaltung auf dpa-Anfrage mit. Sie bleiben angesichts der für die kommenden Tage angekündigten Minusgrade voraussichtlich das gesamte Wochenende geschlossen.

Grund sei Unfallgefahr aufgrund von Glatteis. Auch das Innere der 23 Meter hohen und 40 Meter breiten Glaskuppel sei gesperrt. Diejenigen, die bereits einen Besuch dort gebucht haben, sollen darüber vom Besucherservice informiert werden.

Üblicherweise ist die vom britischen Star-Architekten Sir Norman Foster entworfene Kuppel aus Stahl und Glas im Winter von 8 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt für Kuppel und Dachterrasse ist frei. (dpa)

Über eine Änderung des Straßenreinigungsgesetzes könne der Winterdienst komplett an die BSR übertragen werden, die die Aufträge an private Firmen geben könne, sodass ganze Straßenzüge einheitlich bearbeitet werden, forderte Brückner. Dadurch lasse sich die Durchführung leichter kontrollieren – und im Zweifel durchsetzen. „Die Grundeigentümer stoßen hier schnell an ihre (juristischen) Grenzen.“ Die Kosten könnten über Gebührenbescheide für die Straßenreinigung eingezogen werden.

Die Forderung, den Winterdienst komplett an die BSR zu übergeben, hatten bereits die Grünen per Antrag ins Parlament eingebracht. Die Stadtreinigung hatte den Vorschlag zuletzt allerdings abgelehnt – der zusätzliche Ressourcenbedarf sei extrem hoch und die Vergabe an Fremdfirmen mangels ausreichenden Angebots unrealistisch.

Wie reagiert die BSR?

Die Stadtreinigung stellte klar: Für die allermeisten Gehwege in Berlin sind die Anlieger verantwortlich. Eine Ausnahme seien Gehwege vor öffentlichen Grünanlagen und auf Flächen ohne Anlieger wie etwa Brücken. „Für unseren sehr begrenzten Zuständigkeitsbereich beim Gehweg-Winterdienst haben wir entsprechende Dienstleister beauftragt: Sollten diese ihre Arbeit mitunter nicht ordnungsgemäß ausgeführt haben, gehen wir solchen Fällen selbstverständlich nach“, teilte die BSR mit.

Die Streugutlager der Stadtreinigung seien ausreichend gefüllt, hieß es. „Wir ordern verbrauchtes Streugut kontinuierlich nach – und werden auch mit neuem Streugut beliefert.“

Was passiert, wenn nicht gestreut wird?

Berliner können ungeräumte Fußwege online über ordnungsamt.berlin.de melden. Behörden prüfen die Hinweise, zeigen die zuständigen Anlieger bei Verstößen an und fordern sie auf, den Winterdienst nachzuholen. Passiert das nicht, werden Bußgelder fällig.

Behörden können außerdem die BSR dafür eine „Ersatzvornahme“ anfordern – die wird den Verantwortlichen dann in Rechnung gestellt. Zahlen zu tatsächlich erfolgten Ersatzvornahmen konnte die BSR auf Anfrage nicht nennen. Die Bezirke verzeichnen teils zahlreiche Meldungen und Anzeigen wegen Glätte – aber Bußgeldbescheide sind noch rar. Fast überall sind die Verfahren noch in Bearbeitung.

Wie sieht es bei Schulen und Kitas aus?

Für Grundstücke, die der Stadt oder den Bezirken gehören – etwa Behörden, Schulen und Kitas – sind ebenfalls die Anlieger zuständig. Für die öffentlichen Schulen beauftragen die Bezirke Winterdienstfirmen, organisiert meist über das bezirkliche Facility Management oder die Schul- und Sportämter. Hausmeister übernehmen vielerorts zusätzliche Kontroll- und Nachstreuarbeiten. Berlinweit berichten die Bezirke allerdings von erheblichen Qualitätsproblemen – und reagieren mit einem Mix aus Kontrolle, Fristsetzung und Sanktionen.

Aus dem Bezirk Mitte hieß es: „An ca. 20 Schulen wurden die Winterdienstarbeiten gar nicht, äußerst mangelhaft oder erst nach wiederholten Aufforderungen (durch die Schulhausmeister und das Facility Management) durchgeführt. An den betroffenen Schulen haben die Schulhausmeister die Erstsicherungsmaßnahmen durchgeführt.“ Auch der Eigenbetrieb Kindergärten City beklagte, die Zuverlässigkeit externer Dienstleister sei „problematisch“.

Vor Schulen schlecht gestreut? Das tun die Bezirke:

Mitte: An rund 20 Schulen wurden Winterdienstarbeiten nach Angaben des Bezirks gar nicht oder nur sehr mangelhaft durchgeführt; Schulhausmeister haben Erstmaßnahmen übernommen.

Friedrichshain-Kreuzberg: Hier gab es zahlreiche Meldungen, aber nur begrenzte Kontrollkapazitäten. Erfolgt nach Aufforderung an den externen Dienstleister keine Verbesserung, werde in Ausnahmefällen eine Ersatzvornahme durch die BSR beauftragt, hieß es vom Bezirksamt.

Pankow: Der Bezirk reagiert nach eigenen Angaben „umgehend“ auf Hinweise, Maßnahmen würden kurzfristig veranlasst und kontrolliert.

Steglitz-Zehlendorf: Der Bezirk setzt laut Bezirksamt auf eine Kombination aus Kontrolle, Kooperation und Sensibilisierung. Der Fokus liege auf der Gefahrenbeseitigung. Vielerorts engagierten sich die Hausmeisterinnen und Hausmeister der Schulen in besonderem Maße, hieß es.

Neukölln: Das Ordnungsamt prüfe proaktiv sowie nach eingehenden Beschwerden per App oder telefonisch, teilte das Bezirksamt mit. Alle Meldungen würden bearbeitet.

Treptow-Köpenick: Zwei externe Firmen zeigen gute, zwei andere hingegen „ungenügende Leistungen“, hieß es aus dem Bezirksamt – ihnen werde „in der Vergütung gekürzt“ und nach der Saison gekündigt.

Marzahn-Hellersdorf und Lichtenberg: Bei Pflichtverstößen erfolgen gezielte Aufforderungen zur Nachbesserung, danach eine Ersatzvornahme durch die BSR. Die Kosten werden anschließend „vom Pflichtigen zurückgefordert“.

Reinickendorf: Hier helfen Hausmeister aktiv, Ersatzvornahmen erfolgen, „falls es die Gefahrenlage erfordert“, teilte das Bezirksamt mit.

Tempelhof-Schöneberg: In diesem Winter wurden die vertraglich zugesagten Leistungen teilweise nicht in hinreichender Qualität erfüllt, so der Bezirk. Das führe zu Sanktionen und im Zweifel zur Kündigung. In solchen Fällen sprängen eigene Kräfte – etwa Schulhausmeister – ein, konzentrierten sich aber wegen begrenzter Kapazitäten vor allem auf Hauptwege und die zwingende Verkehrssicherung.

Wie reagieren die Bezirke?

Die Berliner Bezirke verzeichnen teils zahlreiche Meldungen und Anzeigen wegen Glätte – aber Bußgeldbescheide selbst sind noch rar. Fast überall sind die Verfahren noch in Bearbeitung. Eine Abfrage bei den Bezirken ergab folgendes Bild:

  • Mitte: noch keine Anzeigen
  • Friedrichshain‑Kreuzberg: Bislang 193 bereits bearbeitete und noch mindestens 23 unbearbeitete Meldungen. Im Winter 2024/25 gab es 13 Verfahren und Bußgelder bis 500 Euro.
  • Pankow: 28 Ordnungswidrigkeitenverfahren im Jahr 2025
  • Charlottenburg‑Wilmersdorf: Seit November 2025: 169 Meldungen, davon 43 Ersatzvornahmen. Mehrere Bußgeldverfahren werden erwartet. Täglich gehen neue Hinweise ein.
  • Steglitz‑Zehlendorf: Verfahren laufen, noch keine Angaben möglich.
  • Neukölln: 40 Anzeigen im Januar 2026, insgesamt 142 Verstöße dokumentiert. Zahl der Bußgeldverfahren ist noch offen.
  • Treptow‑Köpenick: Verfahren laufen, noch keine Angaben möglich.
  • Marzahn‑Hellersdorf: 20 laufende Ordnungswidrigkeitenverfahren, Tendenz steigend.
  • Lichtenberg: Acht Anzeigen sind in Bearbeitung, noch keine Bußgeldbescheide.
  • Reinickendorf: Etwas über 40 Ordnungswidrigkeitenanzeigen; noch keine Bußgeldbescheide.
  • Spandau: Keine Angaben übermittelt.
  • Tempelhof‑Schöneberg: Zahlreiche Vorgänge werden abgearbeitet, die voraussichtlich mit Bußgeldbescheiden enden werden.

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Ein Ende des Winterwetters ist nicht in Sicht: Der Deutsche Wetterdienst warnt für Berlin weiter vor Glättegefahr. In der Nacht zum Samstag sinken die Temperaturen auf Tiefstwerte bis minus fünf Grad. In der Nacht zum Sonntag könnte es der Prognose zufolge dann sogar bis minus zehn Grad kalt werden. Immerhin bleibt es danach tagsüber überwiegend trocken – bei anhaltendem Frost. Bis zum kalendarischen Frühlingsanfang sind es noch sieben Wochen. (mit dpa)