„Wen rufe ich an, wenn ich Europa sprechen will?“ Dem ehemaligen US-Außenminister Henry Kissinger wird das Zitat zugeschrieben, obwohl er den Satz wohl nie gesagt hat, zumindest kann er sich selbst nicht mehr daran erinnern.

Aber als EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen im vergangenen Jahr den Karlspreis in Aachen überreicht bekam, erinnerte Bundeskanzler Friedrich Merz in seiner Laudatio an Kissinger, der heute sicher nicht mehr sagen müssen, „dass er nicht weiß, wen er anrufen soll, um mit Europa zu sprechen“. Nur, so klar ist es eben doch nicht.

Auf Reisen repräsentiert auch Ratspräsident Antonio Costa, der Chef des Gremiums der 27 Mitgliedstaaten, häufig die Union. Gibt es zu viele Häuptlinge in Brüssel? So jedenfalls sieht es Manfred Weber, Chef der christdemokratischen Europäischen Volkspartei. Er fordert, die Rollen zu verschmelzen – und stattdessen ein Gesicht, eine Stimme für die EU zu haben. Abgesehen davon, dass es schwer danach klingt, als wolle es sich Weber selbst auf Europas Thron bequem machen, ist die Idee weder neu noch realistisch.

Denn so lange es keine Vereinigten Staaten von Europa gibt – mit einer Identität, einem wirklichen Verständnis, einer zusammenschmelzenden Kultur, einem Steuer-, Gesundheits- oder auch Verteidigungssystem, so lange bleibt die EU ein Projekt mit weitgehend unbekannten Akteuren, das viele Menschen als entrückt empfinden. Würde sich die Gemeinschaft für tatsächlich mehr Integration aussprechen, müssten die nationalen Regierungen Macht und Sichtbarkeit abgeben. Das Gegenteil scheint der Fall. Nicht nur fehlt das Vertrauen untereinander, die einzelnen Länder machen die Dinge auch zunehmend unter sich aus, zum Beispiel bei Migrationsfragen, oder gründen neue Formate neben der EU, etwa für die Ukraine-Unterstützung.

Vornweg die großen Mitgliedstaaten stellen nur ungern ihre nationalen Interessen hinter die der Gemeinschaft. Das wird sich nicht nur angesichts der Erfolge der Rechtspopulisten in etlichen Teilen Europas kaum ändern. Vor einem Vierteljahrhundert mag sich die EU das vielversprechende Motto „In Vielfalt geeint“ gegeben haben. Damals wurde ein Projekt gefeiert, das durch die Verschiedenartigkeit seiner Mitglieder noch gestärkt werden sollte. Heute wird die Unterschiedlichkeit zunehmend zu einem Problem.