- Der Alte Leipziger Bahnhof in Dresden soll ein Gedenkort werden.
- Das Konzept umfasst eine Shoah-Gedenkstätte, ein NS-Dokumentationszentrum und eine Begegnungsstätte.
- Das vorliegende Konzept dafür muss überarbeitet und weiterentwickelt werden, entsprechende Fördermittel bewilligte am Donnerstag der Dresdner Stadtrat.
Nach heftigen Diskussionen hat der Dresdner Stadtrat am Donnerstag mit einer knappen Mehrheit von 36 zu 35 Stimmen entschieden, dem Verein Förderkreis Leipziger Bahnhof eine Projektförderung in Höhe von 100.000 Euro zur Verfügung stellen.
Das Geld soll ermöglichen, das bisherige Konzept für einen NS-Gedenkort im Alten Leipziger Bahnhof weiter zu entwickeln. Dabei werden 75.000 Euro sofort bereitgestellt, weitere 25.000 Euro folgen im vierten Quartal, wenn der Verein eine überzeugende Strategie über seine weitere Bildungs- und Gedenkarbeit vorgelegt hat.
Erleichterung trotz Uneinigkeit im Stadtrat Dresden
Rita Kuhnert vom Gedenkort Alter Leipziger Bahnhof e. V. zeigte sich erleichtert. Sie sagte MDR KULTUR, es sei schön, dass die Stadträtinnen und Stadträte eine gemeinsame Lösung gefunden hätten. Auch wenn die nun anders aussehe, als man sich das vorgestellt habe: Es sei immerhin eine Grundlage: „Es geht um Forschungen, es geht um pädagogische Konzepte im Bereich Kinder- und Jugendbildung, was wichtig ist.“ Auch aktuelle Ausstellungen könnten jetzt weiter finanziert werden, so Kuhnert: „Und auch natürlich der Kontakt zu Nachfahren von Überlebenden, die ja nun weltweit verstreut sind, die uns eben auch sehr am Herzen liegen.“
Alter Leipziger Bahnhof: Ort mit dunkler Geschichte
Vom Alten Leipziger Bahnhof fuhren ab 1942 die Deportationszüge Richtung Osten in die Vernichtungslager. Einen solchen Zug sollte im Februar 1945 auch die damals neunjährige Renate Aris besteigen. Durch die Bombardierung der Stadt kam es anders. Das Brand-Inferno habe ihr das Leben gerettet, so Aris. Wäre der Alte Leipziger Bahnhof nicht zerstört gewesen: „Ich wäre von dort aus nach Theresienstadt gekommen.“
Überlebende des Holocaust setzt sich für Gedenkort ein
Insofern ist es nur allzu begreiflich, dass sich die 90-Jährige für einen Gedenkort an dieser Stelle engagiert. Angesichts der Situation, dass es mit den Plänen nur schleppend vorwärts geht, gibt sich Renate Aris – die letzte Holocaustüberlebende im Raum Dresden, Chemnitz und Görlitz – kämpferischer denn je.
Wenn es uns nicht mehr gibt, dann legt sich jeder die Geschichte zurecht, wie er will.
Renate Aris, Holocaustüberlebende
Es sei eine Verantwortung gegenüber allen Ermordeten: „Wenn es uns nicht mehr gibt, dann legt sich jeder die Geschichte zurecht, wie er will“, betont sie. Deshalb sei ein Ort wichtig, an dem die leidvolle Geschichte erfahrbar und erlebbar gemacht wird.
Engagement gegen Antisemitismus nicht nur an Gedenktagen
Einer von Aris‘ Mitstreitern vom Förderverein ist André Lang. Er wurde 1946 in Manchester im Exil geboren und kam dann mit seinen Eltern nach Dresden, zurück in die einstige Heimat. Er findet, erinnerungspolitische Arbeit sollte das ganze Jahr über stattfinden, nicht nur an ausgewählten Tagen.
Erinnerungskultur ist, so habe ich das Gefühl, in unserer Stadt immer nur an bestimmte Tage gebunden.
André Lang, Förderverein Alter Leipziger Bahnhof
„Die gegenwärtige Entwicklung, der zunehmende Rechtsextremismus und bestimmte Formen des Antisemitismus, die verlangen von uns, dass wir aus dem Erinnern heraus Lösungen schaffen und auch darstellen, dass sich so etwas nie wiederholt“, so Lang. Er hat das Gefühl, dass die Erinnerungskultur in Dresden nur an bestimmte Tage gebunden ist.
Finanzierung des neuen Dresdner Gedenkortes ist noch nicht gesichert
Was André Lang und seinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern vom Förderkreis vorschwebt, ist nicht nur eine Shoah-Gedenkstätte, sondern gleichermaßen ein Dokumentationszentrum, das NS-Geschichte aufarbeitet, aber auch Zeugnisse jüdischen Lebens in Dresden versammelt, und eine Begegnungsstätte.
Dafür wurde seitens des Vereins ein ambitioniertes Konzept erarbeitet und im März 2025 vorgelegt. Seitdem stagnierte die Arbeit daran, denn die vorgesehenen und im Haushalt dafür eingeplanten Gelder wurden bisher vom Stadtrat nicht bewilligt. 100.000 Euro für 2025 sind somit bereits verfallen. Die Förderung für 2026 wurde kürzlich im Kulturausschuss erneut abgelehnt. Mit dem Beschluss des Stadtrates kann die Arbeit jetzt aber endlich fortgesetzt werden, zumindest in diesem Jahr.
Wer zahlt: Stadt Dresden oder Freistaat Sachsen?
Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch versteht das Zögern in der Kommunalpolitik. Sie bezieht sich damit unter anderem auf die 1,5 Millionen Euro, die der Betrieb des Gedenkortes laut Konzeption jährlich kosten würde, sollte die Empfangshalle einmal saniert sein.
„Man muss vielleicht betonen, dass das Konzept ein Diskussionsangebot ist“, erklärte Klepsch. Man lebe in finanziell angespannten Zeiten. Umso wichtiger sei es, im Dialog zu bleiben. Sie sieht dabei auch den Freistaat Sachsen in der Rolle, Dresden bei diesem Vorhaben zu unterstützen.
Dass der Alte Leipziger Bahnhof als authentischer Gedenkort sowohl eine landes- als auch bundeweite Bedeutung hat, unterstreicht auch der Dresdner Landtagsabgeordnete Albrecht Pallas (SPD), der das Projekt unterstützt. Er appellierte im Vorfeld der Stadtratssitzung an alle demokratischen Fraktionen, die Mittel freizugeben: „Es gibt nicht viele Orte, die so authentisch für den Holocaust, für die Shoah stehen wie der Leipziger Bahnhof.“ Insofern ist der Beschluss vom Donnerstag gleichzeitig auch als Signal an den Freistaat zu verstehen, sich künftig in dem Prozess mit zu engagieren.
Ankauf des Alten Leipziger Bahnhofs bisher ergebnislos
Abgesehen von den Kosten sind auch die nach wie vor ungeklärten Eigentumsverhältnisse ein Problem. Damit argumentierten unter anderem die Stadträte der CDU gegen eine Freigabe der Fördermittel an der Verein.
Oberbürgermeister Dirk Hilbert ist beauftragt worden, mit dem Eigentümer, der Globus Holding, über einen Ankauf des Areals zu verhandeln – nach wie vor ergebnislos. Seitens der Stadt wird schriftlich mitgeteilt: „Die Gespräche der Landeshauptstadt mit dem Eigentümer zum Erwerb der zukünftig als Gemeinbedarfsfläche gewidmeten Grundstücksteile dauern an.“
Für die 90-jährige Renate Aris ist Abwarten aber keine Option, denn sie will die Eröffnung der Gedenkstätte noch erleben: „Natürlich will ich da mit dabei sein, aber da muss ich ja noch zehn Jahre drauflegen. Ich hoffe, es ist eher!“
Quellen: MDR KULTUR (Grit Krause), Verein Gedenkort Alter Leipziger Bahnhof, Stadt Dresden, Sächsische Zeitung,
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