Wegen der seit Tagen anhaltenden Glätte gilt bei den Berliner Rettungsdiensten mittlerweile der Ausnahmezustand. Bei der Feuerwehr waren wegen vieler Glatteiseinsätze keine Rettungswagen mehr frei und verfügbar. Zeitweise wurde deshalb angeordnet, dass Löschfahrzeuge Patienten in die Krankenhäuser transportieren sollen.
Wegen des anhaltenden Glatteises und der vielen Einsätze wurde die „Auslastungsstufe 3“ ausgerufen. Diese gelte nur in absoluten Ausnahmefällen. Ähnlich war die Lage bereits am Donnerstag, die am Vormittag ausgerufene Auslastungsstufe 3 galt bis nachts. Zahlreiche Rettungsstellen in den Krankenhäusern konnten nur noch eingeschränkt arbeiten und keine neuen Patienten aufnehmen.
Lars Wieg, Landesvorsitzender der Deutschen Feuerwehr-Gewerkschaft, bezeichnet diesen Zustand als „organisierte Hilflosigkeit“. „Dieses Chaos ist politisch gemacht. Verantwortung dafür trägt nicht das Wetter, sondern die Untätigkeit“, heißt es in der Gewerkschaftsmitteilung.
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Krankenhäuser arbeiten am Limit
Im Unfallkrankenhaus Berlin werden derzeit viele Menschen behandelt. „Wir sind am Anschlag und das schon seit Wochen“, sagte Sprecherin Angela Kijewski dem Tagesspiegel. Sowohl die Betten als auch die Kapazitäten des Personals seien mehr als ausgelastet. „Die Chirurgen arbeiten die Nächte durch“, sagte sie am Donnerstag.
Normal sei ein Gesamtaufkommen von 160 bis 180 Verletzten, am Donnerstag seien es insgesamt 235 gewesen, teilte die Sprecherin am Freitagmorgen mit. Von den 235 Patienten waren 120 in unfallchirurgischer Behandlung, also Glätte-Verletzte.
Auch am Freitag nimmt der Zulauf nicht ab. Allein bis 9.30 Uhr behandelte die Rettungsstelle laut der Sprecherin 55 Patienten.
Die Anzahl der Neu-Patienten sei derzeit auch so hoch, weil andere Krankenhäuser ihre Verletzten dem BG Unfallkrankenhaus Berlin vermehrt zuweisen, erklärte die Sprecherin. Komplexe Frakturen könnten oftmals nur in dem für Arbeitsunfälle spezialisierten Krankenhaus operiert werden.
Derzeit gibt es demnach viele Menschen mit Knochenbrüchen, vor allem an den Händen, da Stürzende sich vor allem damit abstützen. Häufig seien aber auch Gehirnerschütterungen durch Stürze auf den Hinterkopf sowie Gesichts- und Hüftverletzungen.
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Es habe zudem auch schon Stürze gegeben, bei denen Menschen knapp einer Querschnittslähmung entkommen seien, sagte Kijewski am Donnerstag. Durch den Sturz auf spiegelglattem Boden könne man sich auch schwere Verletzungen an der Wirbelsäule zuziehen.
Außerdem habe nun die Virenzeit begonnen. Kranke mit RSV-Erregern müssten isoliert werden, was die Angestellten des Krankenhauses vor einen ganzen „Aufgabenberg“ stelle, teilte die Sprecherin mit.
Appell an angepasstes Verhalten
„Passt auf euch auf und verhaltet euch an die Lage angepasst“, appellierte sie. So sollte man vernünftiges Schuhwerk tragen und am besten Spikes an den Schuhen befestigen – das sorge für einen besseren Halt. Außerdem empfahl sie den „Pinguingang“: mit dem Oberkörper etwas nach vorn gebeugt sowie leicht gebeugten Knien über vereiste Flächen gehen. Einen Spezialtipp gab die Sprecherin des Unfallkrankenhauses auch noch mit auf den Weg: Neben Spikes helfe auch Stahlwolle unter den Sohlen, um nicht wegzurutschen.
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Die Altersgruppen, die wegen der Glätte derzeit behandelt werden müssen, seien bunt gemischt. Zwar gebe es vor allem ältere Menschen, aber auch einige junge Menschen befänden sich in der Klinik. Zudem gebe es einige Fahrradstürze. Davor könne sie nur warnen: „Bitte nicht mit dem Fahrrad fahren bei diesem Wetter.“
Das BG Klinikum Unfallkrankenhaus Berlin ist unter anderem auf Arbeits- und Wegeunfälle spezialisiert. Seit Wochen habe das Krankenhaus alle Hände voll zu tun – neben der Glätte etwa wegen der Bölleropfer zu Silvester. Die Verweildauer in der Rettungsstelle sei deswegen gerade sehr hoch und die Menschen müssten sich auf lange Wartezeiten einstellen.
Glätteunfälle belasten auch Charité und Vivantes
Die Charité teilte am Freitagnachmittag mit, die Lage in den Notaufnahmen sei seit Wochen aufgrund der vielen Verletzten nach Schnee- und Glätteunfällen sehr angespannt. „Die Unfallchirurgie verzeichnet dabei seit Beginn des Jahres durch die anhaltenden Witterungsbedingungen eine deutlich höhere Anzahl an Patient:innen“, schrieb die Uniklinik auf der Plattform X. Viele dieser Patienten müssten zeitnah neben den regulär geplanten Eingriffen operiert werden. Seit Jahresbeginn habe die Klinik deshalb einen zusätzlichen OP-Saal fast durchgehend in Betrieb, auch würden in diesem Bereich mehr Mitarbeitende eingesetzt.
Die häufigsten Verletzungen seien Armbrüche, Schulterverletzungen, Sprunggelenksfrakturen sowie bei älteren Menschen Schenkelhalsfrakturen und Kopfverletzungen.
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Auch die Vivantes-Kliniken haben mit einem vermehrten Aufkommen an Verletzten zu tun. Knochenbrüche an den Handgelenken, Knöchel- und Knieverletzungen seien auch dort allgegenwärtig, teilte ein Sprecher am Freitag mit. Das Unternehmen betreut sieben Notaufnahmen in Berlin. (mit dpa)