Die Europäische Union reagiert auf US-Zolldrohungen mit Vergeltungsplänen und stärkt ihre Position durch ein neues Freihandelsabkommen mit Indien. Deutschland profitiert als stabiler Investitionsstandort.
Die Europäische Union rüstet sich mit neuen Handelswaffen und Partnerschaften gegen die unberechenbare Handelspolitik der USA. Hintergrund sind jüngste Zolldrohungen Washingtons im Streit um Grönland.
Grönland-Streit bringt EU an den Rand eines Handelskriegs
Mitte Januar eskalierte der Ton aus Washington deutlich. US-Präsident Trump drohte acht europäischen Nationen – darunter Deutschland und Frankreich – mit gestaffelten Strafzöllen. Sie sollten ab 1. Februar zunächst 10 Prozent betragen und bei ausbleibender Einigung über einen US-Kauf Grönlands ab Juni auf 25 Prozent steigen. Die Reaktion in Brüssel folgte prompt. EU-Ratspräsident António Costa berief einen Sondergipfel ein. Aus Kommissionskreisen wurde bestätigt, dass ein Vergeltungspaket gegen US-Waren im Wert von bis zu 93 Milliarden Euro vorbereitet war. Die deutsche Wirtschaft forderte eine klare Antwort: Europa dürfe sich nicht erpressen lassen.
Die „Handels-Bazooka“ liegt entsichert bereit
Im Zentrum der internen Debatte stand ein neues Instrument: das Anti-Coercion Instrument (ACI), das Ende 2023 eingeführt wurde. In Brüssel wird es wegen seiner Schlagkraft auch als „Handels-Bazooka“ bezeichnet. Es erlaubt der EU, flexibel auf wirtschaftliche Nötigung zu reagieren – mit Vergeltungszöllen, Handelsbeschränkungen oder dem Ausschluss von US-Firmen von öffentlichen Aufträgen. Vor allem Frankreich drängte auf eine Einsatzbereitschaft. Zwar wurde der Dialog mit Washington zunächst priorisiert. Doch die Botschaft ist klar: Die EU ist zur Abwehr bereit.
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Indien-Abkommen als strategisches Gegengewicht
Parallel zur Abschreckung setzt Brüssel auf strategische Diversifizierung. Als direkte Antwort auf die US-Unberechenbarkeit einigte sich die EU am 27. Januar auf ein umfassendes Freihandelsabkommen mit Indien. Analysten werten dies als wichtigen Schritt, um die Widerstandsfähigkeit der europäischen Wirtschaft zu stärken und ein Gegengewicht zu den USA und China zu schaffen. Das Abkommen soll Zölle auf 96,6 Prozent des Wertes der EU-Exporte nach Indien senken oder streichen. Die möglichen Einsparungen: rund vier Milliarden Euro pro Jahr. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen betonte: „Wir entscheiden uns für fairen Handel statt für Zölle und für Partnerschaft statt Isolation.“
Deutschland profitiert von amerikanischer Unberechenbarkeit
Die anhaltenden Spannungen hinterlassen ihre Spuren an den globalen Finanzmärkten. Die Nervosität ist spürbar, denn ein verlässlicher politischer Rahmen für Investoren fehlt. Interessanterweise scheint Deutschland in diesem unsicheren Umfeld zu gewinnen. Jüngsten Analysen zufolge haben ausländische Unternehmen 2025 erstmals seit Jahren wieder mehr in der Bundesrepublik investiert. Experten führen dies auf die hohe Rechtssicherheit und Berechenbarkeit des Standorts zurück – ein klarer Kontrast zur erratischen Politik in Washington. Politische Instabilität lenkt offenbar globale Investitionsströme um.
EU bereitet sich auf dauerhafte strategische Rivalität vor
Die unmittelbare Zolldrohung im Grönland-Konflikt scheint nach Gesprächen in Davos vorerst gebannt. Die grundsätzliche Spannung im transatlantischen Verhältnis bleibt jedoch. Die Episode hat in Brüssel zu einem Umdenken geführt. Die EU hat bewiesen, dass sie geschlossen und schnell reagieren kann. Die strategische Hinwendung zu Partnern wie Indien zeigt den Willen, die eigene Position aktiv zu gestalten, statt nur auf Washington zu reagieren. Die kommenden Monate werden zeigen, ob der Weg der Deeskalation hält. Die Vorbereitungen für eine Ära des strategischen Wettbewerbs laufen auf jeden Fall auf Hochtouren.