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Die Handball-EM steht kurz vor dem Höhepunkt. Die Medaillen werden vergeben. Deutschland, Island, Kroatien und die Dänen machen das Edelmetall unter sich aus. Füchse-Trainer Nicolej Krickau (39) ist natürlich interessierter Beobachter. Der Däne war schon in der Vorrunde bei einigen Spielen vor Ort und fliegt jetzt zur Final-Runde noch einmal hin.
Wie gefällt Ihnen diese EM?
Also als neutraler Beobachter finde ich die EM sehr unterhaltsam. Eine Weltmeisterschaft finde ich meistens bis zum Viertelfinale eher langweilig. Aber hier ist die Konkurrenzfähigkeit der Teams viel besser als bei einer WM und in den Spielen ist wirklich sehr viel Entertainment dabei. Das ist sehr gut für unsere Sportart, davon lebt sie.
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Wie finden Sie das Niveau?
Die Top-Qualität in den Spielen fehlt leider, aber das ist nichts Ungewöhnliches bei den hohen Belastungen der Spieler vorher in ihren Ligen. Vom individuellen Spieler-Personal ist natürlich die Gruppe mit Dänemark, Frankreich, Deutschland, Portugal und Norwegen viel stärker gewesen als die andere Turnier-Gruppe. Aber was dort mit Island, Schweden, Kroatien los war, war genauso interessant und spannend. Die Ergebnisse waren sehr überraschend. Bei dieser EM konnte wirklich alles passieren.
Was hat Sie bei dieser EM überrascht?
Eigentlich habe ich taktisch und technisch nichts Neues bei den Mannschaften gesehen. Die Underdog-Teams, wie die Färöer, waren mit dem 7 gegen 6 sehr erfolgreich. Du kannst in der Nationalmannschaft natürlich die gleichen Spielzüge spielen, wie in den Vereinen, aber man hat niemals die gleiche Zeit, um viele Variationen zu trainieren. Deshalb ist das 7 gegen 6 immer ein gutes Werkzeug, um Spiele zu gewinnen. Aber überrascht haben mich wirklich nur einige Ergebnisse.
Thema Spielzüge: In ganz vielen Auszeiten von Dänemark, Slowenien oder Island, quasi durch alle Teams, hört man immer wieder „Magdeburg“ – was ist das für ein besonderer Taktik-Trick, den alle machen?
(schmunzelt) Das ist eigentlich eine Sache, die Islands Spielmacher Gisli (Gísli Kristjánsson ist auch der Mittelmann beim SC Magdeburg /d. Red.) gern macht, deshalb nennen es viele wohl einfach Magdeburg. Es ist einfach ein Stoßen-Rückstoßen mit Kreisläufersperre auf Position 4. Das spielt Gisli gern, geht an der Sperre meistens durch, geht das nicht, spielt er auch gern auf den Außen ab.
Handball-EM: „Die Dänen spielen noch keinen Champagner-Handball“
Wie haben Ihnen die Dänen gefallen?
Bisher haben sie nur gemacht, was sie müssen. Sie spielen bei dieser EM noch keinen schönen Champagner-Handball wie bei der Weltmeisterschaft. Aber sie haben gezeigt, dass sie nicht nur taktisch und technisch top sind, sondern dass sie auch kämpfen können. Das haben sie gut gemacht. Und natürlich gefällt mir Mathias Gidsel, der wieder zeigt, dass er Spiele entscheiden kann, der Schlüsselspieler ist.
Welcher deutsche Spieler würde sofort gut in die dänische Nationalmannschaft passen?
Andi Wolff im Tor, Johannes Golla am Kreis. Aber von der Spielanlage her und vom Typ Angriffsspieler sofort Nils Lichtlein. Ich persönlich hätte ihn gern länger spielen gesehen. Das ist ein bisschen schade für ihn.
Aber Juri Knorr spielt auch noch kein überragendes Turnier…
Wenn Deutschland im Finale steht, ist das völlig egal. Gegen Frankreich hat er gezeigt, was er kann. Aber ja, für ihn ist es schwierig. In Aalborg, in seinem Verein, hat er zuletzt fantastisch gespielt. In der deutschen Nationalmannschaft ist das System wieder anders. Das ist nicht optimal. Ich finde, es ist noch zu sehr, zu früh auf schnelle Würfe aufs Tor ausgerichtet.
Foto: BILD
Wie haben Ihnen die Deutschen sonst gefallen?
Abwehr und Torhüter waren wie erwartet stark. Bei der Niederlage gegen Serbien hat man gesehen: Hier wäre für Deutschland das 7 gegen 6 auch eine taktische Möglichkeit gewesen, denn ich finde, im Angriff fehlt der Mannschaft manchmal ein Werkzeugkasten. Und gegen Dänemark hätten sie eigentlich gewinnen müssen, da war Dänemark schlagbar und die Chance da. Ich fand, es fehlt ein wenig Sicherheit, mehr Klarheit, welcher Spieler spielt in den entscheidenden Minuten.
Warum fehlt das?
Ich verstehe das. Alfred Gislason hat meiner Meinung nach ein Problem: Er hat kein richtiges A-Team. Er hat gute Jungs auf jeder Position, die aber alle die gleiche Qualität, das gleiche Niveau haben. Gegen Spanien hat ihm diese Breite und die vielen Wechsel geholfen, in den anderen Spielen eher nicht. Ich finde aber, in einer Meisterschaft muss man über die ganze Zeit einen Rhythmus finden, auch beim Wechseln.
Welche Spieler haben Ihnen besonders gut gefallen?
Fehlerfrei hat keiner gespielt, aber Julian Köster, Johannes Golla, Justus Fischer bei den Deutschen, Lukas Sandell bei den Schweden, der Faröer Oli Mittun, August Pedersen bei den Norwegern und Emil Jakobsen und Niclas Kirkeløkke bei den Dänen haben mir gefallen. Und Dika Mem hat bei den Franzosen in der Abwehr gezeigt, warum wir uns bei den Füchsen schon so auf ihn freuen.
Wer wäre denn bei Ihnen im EM-Allstar-Team?
Im Tor Andi Wolff, auf Linksaußen August Pedersen, auf Halblinks Simon Pytlick, auf der Mitte Aymeric Minne, am Kreis kann ich mich nicht entscheiden zwischen Johannes Golla oder Luís Frade, Rückraumrechts natürlich Mathias Gidsel und auf Rechtsaußen Yanis Lenne.
Was hat Ihnen nicht gefallen?
Der Videobeweis. Also nicht falsch verstehen: Ich bin für den Videobeweis, aber in vernünftigem Rahmen. Ich finde, das ist schlecht gelaufen und hat in der ersten EM-Woche nur Chaos gestiftet und sich zum Glück zum Ende des Turniers gebessert. Das führte zu übertriebenen Zeitstrafen und dramatischen Übertreibungen. Ich würde das nicht Schauspielerei nennen, aber es wurde oft mehr aus dem Körperkontakt gemacht, als es war. Die Schiris haben den Videobeweis immer als Entschuldigung genommen: Wir überprüfen Rot, dabei führte das immer zu mehr Zeitstrafen, die sie vorher nie gegeben hätten. Ich bin dafür, dass die Trainer eine Challenge bekommen, zwei pro Spiel. Das ist gerechter als die jetzige Anwendung.
