Dr. Gwladys Awo betreut Frauen, die durch die Hölle gegangen sind: weibliche Genitalverstümmelung, Flucht, Vergewaltigung – viele ihrer Klientinnen haben dies alles bereits in jungen Jahren erlebt. Frau Awos Verein Lessan e. V. nimmt sich dieser Geflüchteten an, wenn sie in Hamburg angekommen sind, Hilfe brauchen beim Asylverfahren, beim Deutschlernen – und für ihre verletzten Seelen. Heute sitzen wir mit ihr zusammen bei der filia Frauenstiftung in Hamburg-Altona, die das Projekt fördert, und Frau Awo berichtet von ihrer Arbeit und konkreten Fällen. 

Besonders bewegend ist das Schicksal von Sedira, einer 19-Jährigen aus einem ostafrikanischen Dorf, die bereits mit sieben Jahren FGM/C Typ 3, die massivste Art der Genitalverstümmelung, erleiden musste. Nach Zwangsverheiratung mit einem rund 50 Jahre älteren Mann und ungewollter Schwangerschaft tritt die damals 14-Jährige gemeinsam mit einer Freundin die Flucht an. Auf dem Weg erfahren sie Versklavung und Vergewaltigung. Ihre Freundin stirbt an den Folgen, Sedira schafft es mit einem Schleuserschiff nach Europa und schließlich nach Hamburg. „Sie war psychisch komplett down, schwer traumatisiert und sprach nur wenig Englisch,“ beschreibt Frau Awo den Zustand der jungen Frau.  

Stiftung Hamburg: Der Verein Lessan betreut Geflüchtete und investiert in Präventionsarbeit

Lessan e. V. versorgt Sedira mit einer Dolmetscherin, vermittelt sie an eine zertifizierte gynäkologische Praxis und an eine Psychotherapeutin, begleitet sie zum Sprachkurs. Zusätzlich kann Sedira von Vereinsangeboten, wie dem musiktherapeutischen „Klangraum“ und dem Mentoring-Programm, profitieren. Heute hat Sedira einen sicheren Aufenthaltsstatus, steckt mitten im B2-Deutschkurs und möchte eine Ausbildung zur Gesundheits- und Pflegeassistentin absolvieren. 

Neben dieser lebenspraktischen Begleitung von Betroffenen investiert Dr. Awo intensiv in die Präventionsarbeit: Sie führt verschiedene Projekte in betroffenen „Communitys“ in Hamburg, bundesweit und europaweit durch, um Aufklärungsarbeit zu leisten, und schult Sozialarbeiterinnen, die meist den Erstkontakt zu den Mädchen und Frauen haben. Dabei kommen die Betroffenen aus verschiedenen Ländern, denn FGM/C ist ein weltweites Phänomen. Auch in Deutschland sind laut Schätzung des Bundesfamilienministeriums aktuell 123.000 Mädchen und Frauen betroffen oder bedroht. 

Die Stiftung wurde vor 25 Jahren von neun Frauen gegründet

Die Schilderungen und Zahlen machen schmerzhaft deutlich, wie existenziell wichtig diese Hilfe ist. Eine Hilfe, die nur möglich ist durch finanzielle Unterstützung, die unter anderem von der filia Frauenstiftung kommt. 

„Wir fördern Projekte und Initiativen, die sich für eine Welt einsetzen, in der Frauen und Mädchen die gleichen Chancen haben und ein Leben frei von Gewalt leben können“, sagt Lizzy Wazinski, Geschäftsführerin der filia Stiftung. Diese Vision ist die Triebfeder der Stiftung, die vor 25 Jahren von neun Frauen ins Leben gerufen wurde. Zusammengefunden hatten sich die Stiftungsgründerinnen über das Erbinnen-Netzwerk Pecunia mit der Idee, etwas von ihrem geerbten oder erwirtschafteten Vermögen weiterzugeben. 260.000 Euro kamen auf diesem Wege zusammen. Mittlerweile sind über 70 weitere Stifterinnen dazugekommen, das Kapital umfasst 16,4 Millionen Euro und die Geschäftsstelle ist von Wiesbaden nach Hamburg verlegt worden, wo aktuell neun Mitarbeiterinnen in Voll- oder Teilzeit arbeiten. 

Ein großer Förderschwerpunkt liegt in Osteuropa

Auch in ihrer Wirksamkeit kann die Stiftung auf eine erfolgreiche Geschichte zurückschauen: Mehr als 600 Projekte in über 50 Ländern hat die Organisation in den vergangenen 25 Jahren gefördert. Bei den meisten dieser Projekte geht es nicht um die massive, sichtbare Form von Gewalt wie bei Lessan e. V., aber immer darum, Mädchen, Frauen und LGBTQ, also Menschen, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität oft Diskriminierung erleben, zu stärken. 

Einen großen Förderschwerpunkt bilden von Beginn an Initiativen in Osteuropa. Der Blick sollte bewusst vom globalen Süden, der bereits im Fokus vieler Hilfsorganisationen stand, in die andere Richtung gelenkt werden. „In Zentralasien und dem Südkaukasus gibt es eine große Förderlücke, da kann unser Geld viel bewirken“, sagt Wazinski. Hier werden vor allem kleine Projekte unterstützt – ganz bewusst. „Struktureller Wandel kann am besten durch Graswurzel-Initiativen vorangebracht werden“, erklärt Constanze Claus, stellvertretende filia-Geschäftsführerin, „weil sie da sind, wo die Probleme auftreten und weil sie Lösungen erfinden.“ 

Über die Förderung von deutschen Projekten kommen zwölf Aktivistinnen zusammen

Empfohlen werden die Projekte von Geflüchteten und Aktivistinnen aus Ländern in der gesamten Region von Usbekistan bis Belarus. Das von der filia Stiftung aufgebaute Netzwerk trifft sich in Form des „Recommendation Committee“ regelmäßig, das nächste Mal im März dieses Jahres in Hamburg. Rund 750.000 Euro stehen jährlich zur Vergabe in Mittel- und Osteuropa über das Committee und andere Wege zur Verfügung. Die Gelder stammen aus den Erträgen von filia, Spenden sowie von anderen Stiftungen und dem Auswärtigen Amt. Diese Partner nutzen die Kontakte und die Projekt-Expertise von filia für ihre Fördertätigkeiten.  

Auch bei der Unterstützung von Projekten in Deutschland hat filia den Ermächtigungs-Gedanken in die Praxis umgesetzt und einen Beirat einberufen. Unter dem Namen „RISE“ kommen zwölf Aktivistinnen mit Migrationsgeschichte, Geflüchtete, „Women of Color“ und queere Frauen aus der ganzen Bundesrepublik zusammen. Sie sind zwischen 15 und 35 Jahren alt, diskutieren über die Projektbewerbungen und entscheiden gemeinsam über die Vergabe. Im vergangenen Jahr ging es dabei um ein Gesamtfördervolumen von 250.000 Euro – Empowerment pur.  

Damit die Stiftung weiter so kraftvoll für eine friedvollere und gerechtere Welt wirken kann, bittet sie um Spenden – oder wie es Constanze Claus ausdrückt: „Jede Person, die uns unterstützt, kann sicher sein, dass es direkt Frauen, Mädchen und LGBTQ zugutekommt, die selbst aktiv werden und für ihre Rechte kämpfen. Wer sich ein Bild von unserer Arbeit machen möchte, ist herzlich in die Geschäftsstelle eingeladen.“