Wegen „versuchter Republikflucht“ musste Peter Keup 1981/82 acht Monate hinter Gittern verbringen. Jetzt erzählen US-Produzenten seine Geschichte in einem Dokumentarfilm. Das Ergebnis ist ähnlich bedeutend wie „Das Leben der Anderen“.
Mangelnde Ehrlichkeit kann man dem allerletzten Stasi-Chef nicht vorhalten. Im Gegenteil: „Es ist nicht zu erwarten, dass ich jetzt im Büßerhemd am Pranger stehe“, bekennt Heinz Engelhardt geradezu frech vor der Kamera: „Das wird nicht stattfinden.“ Dabei hätte er jeden Grund, Buße zu tun. Denn fast 28 Jahre lang, von August 1962 bis Mai 1990, diente Engelhardt dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR.
Vom Berufsanfänger stieg er auf zum Chef der Stasi im Bezirk Frankfurt (Oder), verantwortlich für die Kontrolle von mehr als 700.000 Untertanen des SED-Regimes. Schließlich trat er Ende 1989 als jüngster Stasi-Generalmajor an die Stelle des vormaligen Ministers Erich Mielke, um zumindest Teile der Geheimpolizei irgendwie zu retten, unter dem Namen „Amt für Verfassungsschutz“. Doch Bürgerrechtler und empörte DDR-Bürger verhinderten das durch den Sturm auf die Stasi-Zentrale in Ost-Berlin am 15. Januar 1990. Also leitete Engelhardt stattdessen die Auflösung des Apparates mit rund 91.000 hauptamtlichen Mitarbeitern und 180.000 Spitzeln. Auf wenige Menschen passt das Sprichwort besser, hier sei der Bock zum Gärtner gemacht worden.
Im Dokumentarfilm „The Spies Among Us“ (zu Deutsch: „Spione unter uns“) der beiden US-Filmemacher Gabriel und Jamie Coughlin Silverman kann man Engelhardt bei seiner Selbstentlarvung zusehen. Es ist geradezu abstoßend, wenn der Ex-Generalmajor beispielsweise auf die „große Stasi-Keule“ schimpft oder hämisch erklärt, die SED-Geheimpolizei sei eben „kein Mädchen-Verein, kein karitativer Verein“ gewesen.
Doch das ist noch nicht einmal das Schlimmste – das kommt, als er grinsend lügt: „Aber es kam ja niemand körperlich zu Schaden oder zu Tode.“ Dabei liegt die niedrigste Schätzung für die Gesamtzahl politischer Gefangener in der DDR bei 170.000, die höchste seriöse bei 280.000; unzählige von ihnen überwanden die psychischen und eben auch physischen Schäden niemals. Noch viel mehr Ostdeutschen haben SED und Stasi das Menschenrecht auf ein selbstbestimmtes Leben genommen. Rund tausend Männer, Frauen und sogar Kinder starben gewaltsam beim Versuch, das Grenzregime zu überlisten – getroffen von Kalaschnikow-Geschossen, zerfetzt von explodierten Minen, ertrunken zum Beispiel in der Ostsee. Fakten, die Heinz Engelhardt rundheraus negiert.
Erstaunlich ist, dass der Stasi-General sich überhaupt äußert. Denn Hauptperson des Films ist Peter Keup, den die DDR-Geheimpolizei überwacht und „bekämpft“ hat. Es dürfte, abgesehen von eher zufälligen Begegnungen in wenigen journalistischen Produktionen in den 1990er-Jahre, das erste Mal sein, dass Täter und Opfer des Mielke-Apparates vor der Kamera aufeinandertreffen.
Keups Eltern waren 1956 aus der Bundesrepublik in die DDR übergesiedelt. Zwei Jahre später kam er in Radebeul zur Welt, als mittleres von drei Kindern. Trotz der massiven Einschränkungen im Alltag verlebte Peter eine glückliche Kindheit – aber zugleich wusste er bereits, dass es ein weiteres Deutschland gab, in dem nämlich seine Großeltern wohnten. Die Lügen der SED-Propaganda emotional zu durchschauen, lernte er so relativ früh.
Im Winter 1974/75 stellten seine Eltern einen Ausreiseantrag, um die DDR wieder zu verlassen. Doch die Übersiedlung in die SED-Diktatur erwies sich als Einbahnstraße. Und schlimmer noch: Nun galt die ganze Familie der Stasi als feindlich gesinnt. Peter Keup musste die weiterführende Schule in seiner Heimatstadt nach der 10. Klasse verlassen und eine Lehre absolvieren; Abitur durfte er nicht mehr machen. Auch aus seinem Sportclub schied er aus. Stattdessen tanzte er nun auf Leistungssportniveau, zusammen mit seiner jüngeren Schwester. 1981 belegten die beiden den dritten Platz bei den DDR-Meisterschaften; Reisen zu Turnieren in den Westen aber lehnte das MfS ab.
Im Juli 1981 versuchte Keup, aus der DDR über die damalige CSSR nach Ungarn zu gelangen, um über die dort nicht ganz so massiv ausgebauten Grenzsperren nach Österreich fliehen zu können. Doch bereits vor dem ersten Grenzübertritt endete sein Vorhaben, denn er hatte dummerweise keine Rückfahrkarte gekauft: Hinweis auf eine geplante Flucht.
Der junge Mann kam in die Untersuchungshaftanstalt der Stasi in der Bautzner Straße in Dresden; hier war er erst einmal monatelang vollkommen isoliert. Wegen der geplanten, aber nicht einmal wirklich begonnenen „Republikflucht“ erhielt er eine Strafe von zehn Monaten Freiheitsentzug und wurde im März 1982 von der Bundesrepublik freigekauft.
In seiner neuen Heimat Essen arbeitete er als Profitänzer und machte nebenbei das Fachabitur nach. Nach einer Ausbildung zum Tanzlehrer gründete Peter Keup 1989 eine eigene Tanzschule, die er zwei Dutzend Jahre lang in Dinslaken betrieb.
2012 erfuhr er aus Stasiakten, dass sein älterer Bruder Uli ihn bespitzelt und an das MfS verraten hatte; fragen konnte er ihn nicht mehr, denn er war schon bald nach der Wiedervereinigung gestorben.
Dieses Wissen krempelte Keups Leben komplett um: Er studierte Geschichte, um die Methoden wissenschaftlichen Arbeitens im Archiv zu lernen, machte seinen Abschluss und verteidigte im Mai 2025 seine Doktorarbeit über die Instrumentalisierung von Inhaftierten als Spitzel im Gefängnis. Die Tanzschule hatte er verkauft, um hauptsächlich als Historiker zu arbeiten, immer verschränkt mit seinen eigenen Erfahrungen als Zeitzeuge.
Dass sich ehemalige Stasi-Leute mit früheren Opfern ihres Apparates unterhalten, ist ausgesprochen selten – auch ohne Kamera. Zwar gibt es eine ganz Reihe von MfS-Veteranen, die sich freimütig äußerten, beispielsweise im auf seine Art ebenfalls sehenswerten Film „Das Ministerium für Staatssicherheit – Alltag einer Behörde“ von 2002. Doch die direkte Konfrontation scheuten die meisten von ihnen.
Umso erstaunlicher ist, dass es Keup gelungen ist, gleich zweimal mit Heinz Engelhardt zu sprechen – und dass der Ex-Häftling das demonstrativ gute Gewissen des früher ranghohen Täters ertragen hat. Die beiden im Abstand von etwa vier Jahren aufgenommenen Interviewpassagen sind besonders wichtig, denn sie erlauben einen ungeschminkten Blick in das Denken des SED-Repressionsapparats.
Aber der Film bietet noch erheblich mehr. Keup spricht mit einem ehemaligen Psychologie-Dozenten der Stasi-Hochschule in Potsdam-Golm, der angehenden Verhörspezialisten beibrachte, wie man Menschen verunsichern, brechen und manipulieren kann. Und mit einem früheren Stasi-Major, der den MfS-spezifischen Wortlaut der IM-Akte von Uli Keup nach seinen eigenen langjährigen Erfahrungen zurückführt auf den extrahierbaren Kern. Und übrigens zu einem etwas beruhigenden Ergebnis kommt: Zufrieden dürfte das MfS mit dem Spitzel eher nicht gewesen sein.
„The Spies Among Us“ ist der wichtigste Film über die DDR-Staatssicherheit seit dem Oscar-prämierten Spielfilm „Das Leben der Anderen“ mit Ulrich Mühe (2006). Irritierend, dass der mit gegenwärtig mit etwa 8,75 Milliarden Euro Zwangsgebühren pro Jahr gepäppelte öffentlich-rechtliche Rundfunk eine solche Dokumentation nicht zustande brachte. Umgesetzt hat die Produktion vielmehr das mit einem Kernteam von zehn Mitgliedern relativ kleine Studio-Unternehmen um das Ehepaar Gabriel und Jamie Coughlin Silverman. Ihnen, vor allem aber Peter Keup selbst in seiner doppelten Rolle als Zeitzeuge und Historiker ist damit Herausragendes gelungen.
Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Hauptthemen zählen neben Nationalsozialismus und Bundesrepublik die DDR. Mit der Stasi und ihren Methoden befasst er sich seit Ende der 1990er-Jahre immer wieder.