Berlin Fashion Week AW26 zeigte sich im RAUM.BERLIN so konzentriert, roh und gleichzeitig vielschichtig wie selten zuvor. Clara Colette Miramon, Esther Perbandt und Selva Huygens teilten sich nicht nur einen Showroom, sondern auch ein übergeordnetes Thema: Nachhaltigkeit. Wie unterschiedlich dieses interpretiert werden kann, wurde hier auf eindrucksvolle Weise sichtbar. Drei Designerinnen, drei klar abgegrenzte Welten, verbunden durch Haltung, Konsequenz und Berlin-Spirit.

Schwarze Energie und radikale Reduktion: Esther Perbandt & Selva Huygens

Esther Perbandt bespielte den Raum mit einer stillen Intensität. ZERO POINT, inspiriert von den 169 schwarzen Sphären aus dem Dark-Matter-Universum, drehte sich um das Motiv des Kreises — fragmentiert, überlagert, perforiert. All Black, aber alles andere als eindimensional. Tüll mit schwarzen Punkten, Tailoring, Volumen im Wechselspiel mit enganliegenden Silhouetten, dazu Falten, Schlitze, Schleifen und Schnürungen. Die Kollektion vibrierte zwischen Minimalismus und Komplexität, beeinflusst von japanischer Streetwear und entwickelt für alle Körper und Geschlechter.

Der Raum selbst wurde Teil der Arbeit: Schwarze Kugeln, Leinwände, auf die live mit Grafit gesprüht wurde, Gäste, die selbst Kreise hinterließen. Mode als Prozess. Nachhaltigkeit zeigte sich hier nicht laut, sondern konsequent. Von langlebigen Materialien bis zur lokal produzierten ALLES VON HIER Bomberjacke, komplett in Deutschland gefertigt.

Direkt daneben setzte Selva Huygens einen radikaleren, fast futuristischen Kontrapunkt. Experimentelle, dreidimensionale Pieces aus recycelten Gummi-Schläuchen, Fell und Metall dominierten die Kollektion. Schwarz und Weiß führten, durchbrochen von einem einzigen farblichen Statement-Piece. Die Materialien wurden direkt am Körper geformt, behielten Gewicht, Struktur und industrielle Härte. Falten im Gummi erzeugten Volumen, Bewegung und Spannung. Eine verfremdete, alienartige Stimme im Raum verstärkte das Gefühl, sich in einer anderen Realität zu befinden. Nachhaltigkeit wurde hier zur Transformation: Schutzmaterialien wurden tragbar, widerständig und überraschend elegant.

Rosa Schleifen und Spiegelblicke: Clara Colette Miramon

Ein klarer Bruch und genau das machte den Reiz aus. Designerin Clara Colette Miramon trennte ihren Raum visuell und emotional von den anderen: rosafarbene Seidenvorhänge, Spiegel-Imitationen, weiches Licht. Spitze, leichte Materialien, rosa Schleifen, Gelb-, Rosa-, Schwarz- und Weißtöne. Die Kollektion bewegte sich zwischen Sleepwear, Lingerie und Gown Dresses, zwischen Kindlichkeit und Weiblichkeit.

Der Spiegel wurde zum stillen Beobachter, die Silhouetten erzählten von einer Teenager-Vision des Erwachsenwerdens: Winterjacke über Slip, Early-2000s-Unterwäsche, sexy Spitze mit verspielter Naivität. Nachhaltigkeit zeigte sich hier subtiler. Im bewussten Umgang mit Gegensätzen, im Hinterfragen von Rollenbildern, im emotionalen Weiterdenken von Kleidung.

RAUM.BERLIN AW26 bewies: Nachhaltigkeit ist kein Look. Sie ist eine Entscheidung — und kann radikal, poetisch oder verspielt sein.

Autorin: Jette Jäger – Fotos: Finnegan Koichi Godenschweger

RAUM.BERLIN AW26 — Drei Visionen, ein Raum: Nachhaltigkeit als Haltung Impressionen