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Herzrasen, Schwitzen, Zittern – die Symptome eines Insulinoms sind so unspezifisch, dass viele Ärzte zunächst ratlos sind. Die Diagnose erfolgt oft erst nach langer Odyssee.
Frankfurt – Unwohlsein, Schwäche, Schwitzen, Zittern, Herzrasen, Heißhunger, Nervosität, Kopfschmerzen, gelegentlich Verwirrtheit, in schweren Fällen auch Krampfanfälle und Bewusstlosigkeit: Die Symptome eines Insulinoms – ein seltener, neuroendokriner Tumor in der Bauchspeicheldrüse – können unspezifisch sein und lassen viele Ärztinnen und Ärzte zunächst ratlos zurück. Deshalb müssen Betroffene oft eine Odyssee von Praxisbesuchen hinter sich bringen, bis sie die richtige Diagnose erhalten.
Die Bauchspeicheldrüse ist ein Drüsenorgan im oberen Bauch. © IMAGO/TIGULLA VIJAYA CHANDAR
„Nur etwa einer von einer Million Menschen erkrankt im Jahr an einem Insulinom“, sagt Annie Mathew, Leiterin des Diabeteszentrums und der Ernährungsmedizin, Klinik für Endokrinologie, Diabetologie und Stoffwechsel an der Universitätsmedizin Essen. Am dortigen europäischen Exzellenzzentrum für neuroendokrine Tumoren wird diese seltene Erkrankung interdisziplinär – also übergreifend von verschiedenen ärztlichen Fachrichtungen – behandelt.
Insulinom geht von neuroendrokrinen Zellen aus – zu viel Insulin wird produziert
Anders als Bauchspeicheldrüsenkrebs geht ein Insulinom nicht von den Verdauungssäften produzierenden Drüsenzellen aus, sondern von den neuroendokrinen Zellen – einer Mischform aus Nervenzellen und endokrinen Zellen. Sie besitzen die Fähigkeit, Hormone zu produzieren, und kommen an nahezu allen Stellen im Körper vor. Im Fall des Insulinoms funktionieren die Langerhans-Inselzellen, insbesondere die dazu gehörigen Betazellen, nicht richtig – der gleiche Zelltyp, der auch beim Diabetes die zentrale Rolle spielt.
Diabetes Mellitus ist eine Stoffwechselerkrankung, die mit einem zu hohen Blutzuckerspiegel einhergeht, was entweder daher rührt, dass der Körper zu wenig Insulin produziert oder nicht richtig darauf reagiert. Beim Insulinom hingegen produzieren die Langerhans-Inselzellen zu viel Insulin, und zwar unabhängig vom Blutzuckerspiegel, wie Annie Mathew erklärt. Das wiederum führt zu einer Unterzuckerung, der Fachbegriff dafür heißt Hypoglykämie.
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Fotostrecke ansehenWichtig, frühzeitig einzuschätzen, ob ein Insulinom bösartig ist
Die meisten Insulinome sind klein, mit weniger als eineinhalb Zentimetern Durchmesser, und kommen in der Regel einzeln vor. Insulinome sind fast immer gutartig. Schätzungsweise zehn Prozent sind bösartig und bilden dann auch Metastasen. Klassischerweise lasse sich ein bösartiger Tumor über die Histologie, also die feingewebliche Untersuchung, nachweisen, erklärt die Medizinerin. „Aber beim Insulinom können Pathologen den Unterschied nicht eindeutig erkennen. Daher zeigt sich ein malignes Insulinom erst, wenn der Tumor in ein anderes Organ metastasiert ist.“
Da die Heilungschancen jeder Krebsart rapide sinken, wenn sie Metastasen gebildet hat, ist es umso wichtiger, frühzeitig einschätzen zu können, ob ein Insulinom bösartig ist. Am Exzellenzzentrum für Neuroendokrine Tumoren in Essen hat man dafür ein eigenes Vorhersagemodell entwickelt. Ein „verdächtiges“ Insulinom kann sich durch einige Merkmale verraten: „Eine überdurchschnittliche Größe, ein schnelleres Wachstum und eine schnellere Teilung der Zellen, der Verlust der Fähigkeit, Vorformen von Insulin korrekt in Insulin umzuwandeln, ein bestimmtes Verhältnis von Insulin und Glukose sowie das Fehlen einiger Enzyme können Hinweise sein“, erklärt Annie Mathew. Außerdem zeige sich bei diesen Patientinnen und Patienten meist ein „deutlich aggressiveres klinisches Bild“, weil bei bösartigen Insulinomen mehr Insulin produziert werde als bei gutartigen.
Umfangreiche Diagnostik, um Insulinome aufzuspüren
Grundsätzlich bedarf es einer umfangreichen Diagnostik, um Insulinome – gutartige ebenso wie bösartige – aufzuspüren. Annie Mathew erklärt, wie dabei vorgegangen wird: „Eine dokumentierte Unterzuckerung und Besserung der Beschwerden nach der Zugabe von Zucker und Glukose sind ein erster wichtiger Hinweis auf ein Insulinom.“ Bei einer Blutuntersuchung lässt sich typischerweise eine Unterzuckerung bei gleichzeitig erhöhten Werten von Insulin, Pro-Insulin und C-Peptid nachweisen; letzteres entsteht bei der Insulinproduktion in den Betazellen.
Außerdem wird bei den Patientinnen und Patienten ein oraler Glukose-Toleranztest gemacht, wie es auch beim Verdacht auf reaktive Unterzuckerung üblich ist. (Reaktive Unterzuckerung bezeichnet einen starken Abfall des Blutzuckerspiegels einige Stunden nach einer Mahlzeit.) „Dabei wird eine Zuckerlösung mit 75 Gramm Glukose verabreicht, anschließend misst man regelmäßig über fünf Stunden unter anderem den Glukosewert im Blut“, erläutert Annie Mathew. Reagiere jemand mit überschießender Insulinproduktion und Unterzuckerung, so könne das auf eine fehlgeleitete Insulinproduktion und beginnenden Diabetes hindeuten.
Zur Diagnose wird der Glukosewert beobachtet
Nach dem Glukose-Toleranztest gehen die Patientinnen und Patienten dann stationär in einen 72-stündigen „Fastentest“. Das bedeutet: „Sie dürfen während dieser Zeit nichts essen, was den Blutzuckerspiegel verändern könnte. Dabei beobachten wir dann kontinuierlich den Glukosewert mit einem Glukosesensor“, erklärt die Ärztin: „Patienten mit einem Insulinom unterzuckern relativ rasch, spätestens am dritten Tag.“
Lokalisieren lässt sich der Tumor am besten mit einer Endo-Sonographie. Dabei wird, wie bei einer Magenspiegelung, ein Endoskop über die Speiseröhre eingeführt und die Bauchspeicheldrüse per Ultraschallsonde untersucht. Die Therapie besteht in einer operativen Entfernung des Insulinoms, bei kleinen Tumoren geschieht das minimalinvasiv. „Bei gutartigen Tumoren sind nahezu 100 Prozent der Patientinnen und Patienten danach geheilt“, sagt Annie Mathew. Einzige Ausnahme: Genetisch bedingte Insulinome bedürfen, obwohl gutartig, einer lebenslangen Nachsorge, und bei gruppenweisem Auftreten muss dann auch manchmal die komplette Bauchspeicheldrüse entfernt werden.
Bei bösartigen Insulinomen benötigt man eine systemische Behandlung
Anders sieht es bei bösartigen und somit in der Regel bereits metastasierten Insulinomen aus: „Hier ist nicht die Operation die Erstlinientherapie, sondern die systemische Behandlung“, erklärt die Ärztin. (Systemisch bedeutet: den ganzen Körper betreffend.) In Frage kommen Medikamente, die den Zuckerspiegel erhöhen und eine Unterzuckerung verhindern sollen, außerdem zielgerichtete Krebsmedikamente. Auch eine Chemotherapie ist möglich. Da maligne Insulinome oft bereits Metastasen gebildet haben, wenn sie entdeckt werden, ist die Prognose nicht so gut wie bei den gutartigen Formen.
Eine Folgeerkrankung aller Insulinome kann Diabetes sein. Auf jeden Fall sei eine Ernährungsberatung wichtig, sagt Annie Mathew. „Wir empfehlen Patientinnen und Patienten eine Ernährung mit komplexen Kohlenhydraten und die Mahlzeiten über den Tag verteilt in kleinen Portionen zu essen.“