Leipzig. Aktuell erobert ein Trend Instagram. Menschen posten Fotos von sich aus dem Jahr 2016. Auf den verpixelten Bildern grinsen sie in karierten Hemden und mit Pinterest-Frisuren in die Kamera. Woher kommt sie, die Nostalgie für die 2010er Jahre? Vielleicht erschien damals die Welt noch ein bisschen mehr in Ordnung, vor Pandemie, dem russischen Überfall auf die Ukraine und der Inflation. Kein Wunder, dass der Wunsch nach Realitätsflucht aufkommt und sich in digitale Zeitkapseln entlädt.
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Die musikalische Analogie der Fotos auf Instagram: 2026 ein Konzert von All Time Low besuchen. Die US-amerikanische Boyband hat am Freitagabend nach 23 Jahren Bandgeschichte das erste Mal in Leipzig gespielt.
All Time Low prägten die Emo-Rock-Szene der 2010er Jahre enorm und lieferten eine Blaupause für massentauglichen Pop-Punk. Musik für missverstandene Teenager. Im Haus Auensee ist aus dieser Altersgruppe jedoch kaum jemand im Publikum. Die damaligen Teenager sind erwachsen (Es war wirklich keine Phase, Mama) und können sich ein 60-Euro-Konzertticket leisten. Dafür, dass die Fans ihr „hart verdientes Geld“ in diesen Abend investieren, bedankt sich Sänger Alex Gaskarth gleich zu Beginn. Auf Tour für ihr neues Album „Everyone’s Talking“ sind die vier Musiker mit Unterbrechung seit Oktober und haben in diesem Zeitraum etwa 50 Konzerte gespielt.
Mit diesem Adjektiv beschreibt All Time Low Leipzig
Schon vor dem Hauptact ist die Stimmung im Haus Auensee angeheizt. Denn wer Fan von All Time Low ist, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit auch Fan von Vorband Mayday Parade („Jamie All Over“, „Miserable At Best“). Als All Time Low dann die Bühne betreten, steht Alex Gaskarth mit umgedrehter Basecap da, und Bassist Zack Merrick mit ärmellosen Flanellhemd. Über der Bühne leuchtet ein riesiges „Everyone’s Talking“-LED-Schild.
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Das Konzert ist dicht getaktet. 25 Songs in unter 90 Minuten. In den wenigen Pausen dazwischen ermuntert Gaskarth sein Publikum zum Beispiel: „Passt aufeinander auf. Wenn jemand hinfällt, dann helft der Person wieder hoch.“ Eine wichtige Ansage, denn das Moshpit in der Mitte des Raums hat es in sich. An anderer Stelle nutzt Gitarrist Jack Barakat einen Moment, um Leipzig zu beschreiben: „Es ist eine sehr europäisch aussehende Gegend.“ Ein Kompliment? Nicht ganz klar. Alex Gaskarth wird deutlicher: Es gebe etwas „einzigartig Cooles an deutschen Menschen“. „Niemand hat es so sehr gemeistert, cool an einer Ecke zu lehnen und zu rauchen.“
Der Pop-Punk-Klassiker zum Abschluss
Obwohl es eine Tour zum neuen Album ist, besteht die Setlist zur Hälfte aus Liedern vor 2020. Für Songs wie „Weightless“ (2009), „Time-Bomb“ (2011) oder „Lost in Stereo“ (2010) sind die Menschen schließlich hier. Musikalisch klingen die Songs live verspielter.

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Die Band variiert Melodien leicht und baut kleine Schlenker ein. Vielleicht muss Alex Gaskarth bei der Menge an Konzerten auch mit seiner Stimme haushalten – die hohe Note am Ende von „Something’s Gotta Give“ spart er sich zum Beispiel. Bei „Remembering Sunday“ übernimmt Taylor Acorn, zweiter Support-Act, den weiblichen Part.

Und dann beendet die Band den Abend dort, wo alles begann, mit ihrem ersten großen Durchbruch: „Dear Maria, Count Me In“. Heute ein Pop-Punk-Klassiker, der auch 2026 noch eine Menge zum Toben bringt. Vielleicht ist es nicht das Wochenende, vielleicht auch nicht das Jahr. Aber für anderthalb Stunden fühlt sich alles ein wenig an wie früher.
LVZ