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München – Es war eines der schlimmsten antisemitischen Verbrechen der Nachkriegszeit. Beim Brandanschlag auf ein jüdisches Altenheim in München am 13. Februar 1970 starben sieben Menschen. Zwei von ihnen hatten die Vernichtungslager der NS-Zeit überlebt. Der Täter war mehr als fünf Jahrzehnte lang unbekannt, doch jetzt hat er möglicherweise einen Namen: Bernd V., ein Neonazi und Berufskrimineller.

Nach Recherchen des Spiegel fiel der Mann mit dem „Hitler-Tick“ in den 60er- und 70er-Jahren mehrfach durch Straftaten und offenen Judenhass auf. Doch Bernd V. kann für die grausame Tat nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden. Er starb bereits im Jahr 2020 im Alter von 76 Jahren. Dass er der mutmaßliche Täter ist, davon sollen die Ermittler jedoch überzeugt sein.

Zeugin bringt Ermittler auf neue Spur

Auf seine Spur kamen die Ermittler Anfang 2025, als sich eine Zeugin bei der Münchner Generalstaatsanwaltschaft meldete, so BILD-Informationen. Laut dem Zentralen Antisemitismusbeauftragten der Bayerischen Justiz, Andreas Franck, hatte sich „eine Privatperson“ an ihn „mit neuen Hinweisen zum Fall“ gewandt. Ein naher Verwandter der Zeugin sei früher Mitglied in Bernd V.s Einbrecherbande gewesen. Jahre später habe der Komplize im Familienkreis ein Geheimnis offenbart, berichtet der SPIEGEL. Am Abend des Brandanschlags im Februar 1970 habe er gemeinsam mit Bernd V. und einem weiteren Komplizen versucht, in ein Juweliergeschäft am Münchner Gärtnerplatz einzubrechen.

Die Bestatter mussten insgesamt sieben tote Menschen wegfahren

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Foto: picture-alliance/ dpa

Der Einbruch scheiterte. Laut Zeugenaussage sei der damals 26-jährige Bernd V. deshalb immer wütender geworden, habe auf Juden geschimpft und auf das jüdische Gemeindezentrum gedeutet. Sinngemäß habe er gesagt, er werde es jetzt anzünden. Danach sei er weggegangen.

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Die Aussage wirkte detailliert und schlüssig. Doch Bernd V. war bereits im Juni 2020 gestorben, ebenso seine mutmaßlichen Komplizen. Trotzdem suchten die Ermittler in München weiter nach Spuren. In alten Akten der Gerichte fand sich der Hinweis auf einen Mann, den Zeugen in Tatortnähe gesehen hatten. Beschrieben wurde er als „etwa 25 Jahre alt“, mit „dunklem Teint“ und „langen, schmalen Koteletten“. Laut SPIEGEL passte die Beschreibung zu Bernd V.

Hinzu kam eine zweite Zeugenaussage. Ein Häftling hatte sich schon Jahre nach dem Anschlag gemeldet. Sein Zellennachbar habe angedeutet, das Feuer gelegt zu haben. Der Name des Mannes: Bernd V. Doch offenbar wurde der Hinweis damals nicht verfolgt.

Eine Bewohnerin wurde mit einer Rauchvergiftung aus dem Altenheim geholt

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Foto: picture alliance / Joachim Barfknecht/dpa

Neonazi mit langer Gewaltkarriere

Bernd V. wuchs als Sohn eines wohlhabenden Zahnarztehepaares im Münchner Süden auf. Bekannte beschrieben ihn als intelligent, aber manipulativ und gewaltbereit. Ein Onkel, früher Mitglied der SS-Leibstandarte „Adolf Hitler“, habe ihn laut eigener Aussage bei einem Gerichtsprozess in „Liebe zum Führer“ erzogen.

Der inzwischen verstorbene Berufsverbrecher Bernd V. galt als glühender Hitler-Fan

Der inzwischen verstorbene Berufsverbrecher Bernd V. galt als glühender Hitler-Fanatiker

Foto: Polizei München

Schon als Jugendlicher sorgte Bernd V. für Schlagzeilen. Mit 18 sprengte er zum Besuch des damaligen französischen Präsidenten Charles de Gaulle zwei Telefonzellen in München in die Luft. Später spezialisierte er sich auf Tresoraufbrüche. 1971 war er am spektakulären Diebstahl der „Blutenburger Madonna“ beteiligt. Im Prozess hatte Bernd V. zu Unrecht behauptet, dass ihn Volksschauspieler Walter Sedlmayr dazu angestiftet hatte. Im Februar 1972 wurde Bernd V. wegen mehrerer Straftaten zu sechseinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Dass er womöglich auch für den tödlichen Brandanschlag auf das jüdische Seniorenheim verantwortlich sein könnte, wusste das Gericht damals nicht. Die zuständige Generalstaatsanwaltschaft München bestätigte die Personalie Bernd V. auf BILD-Anfrage nicht, verwies auf laufende Ermittlungen.