was sind Millionen Kilometer
gegen eine Ringbahnfahrt zu dir“
Alexander Schnickmann, Gestirne
Das Treiben in unserer Hauptstadt ist so unergründlich wie der Kosmos. Die Kurierfahrer schwirren wie Teilchen durch die Straßen und die Kreuzungen sind chaotische Sternhaufen voller dieselbetriebener Trabanten. So – oder so ähnlich – fühlt sich Berlin in Alexander Schnickmanns Gedichtband „Gestirne“ an. In seinem zweiten Buch geht es um die unergründlichen Weiten des Kosmos, aber auch um die alltäglichen Umtriebe in einer Großstadt.
Wir treffen Schnickmann an einem eiskalten Winterabend vor dem Zeiss-Großplanetarium auf einen Spaziergang durch den verschneiten Prenzlauer Berg. Der 31-Jährige trägt eine braune Felljacke, und man muss bei der Kombination Planetarium-Jacke-Schnee irgendwie an Star Wars und an diesen Eisplaneten zu Beginn von „Das Imperium schlägt zurück“ denken. Die Kuppel des 1987 eröffneten Planetariums leuchtet rosarot und sieht ein wenig aus wie ein fremdes Raumschiff auf intergalaktischer Mission durch den Orbit.

Für seinen Gedichtband hat Alexander Schnickmann sehr viel über den Kosmos recherchiert.Markus Wächter/Berliner Zeitung
„Orbit“, das ist schon so ein Wort, das wie gemacht ist für Lyriker wie Schnickmann. „Diese wissenschaftlichen Begriffe wie ‚Orbit‘ oder ‚Trabant‘, die haben einen unfassbar mystischen Klang“, sagt er. Sprachlich und ästhetisch ist der Kosmos also die ideale Ausgangssituation für einen Schriftsteller, der sich in seinen Gedichten mit ebenjenem beschäftigen will. Dafür habe er viel recherchiert. „In der Stabi habe ich viele Bücher über die Planeten gelesen“, so Schnickmann.
Und dort hat er nicht nur gelesen. In der Staatsbibliothek am Potsdamer Platz hat Schnickmann im Sommer 2024 fast das komplette Buch geschrieben, abends nach der Arbeit oder an freien Tagen. „Nur für das Ende bin ich nach Brandenburg gefahren, in ein Ferienhaus“, sagt er.
Alexander Schnickmanns „Gestirne“ mit „poetischem Bums“
Schnickmanns Gedichte haben ein irres Tempo. Wie chaotische Sternenfelder erscheinen die Verse auf dem Papier. Man gleitet durch dieses 98 Seiten lange Büchlein wie ein Satellit durch das All, und wenn man fertig ist, möchte man es am liebsten sofort nochmal lesen. Im Klappentext lobt der Schriftsteller Clemens Meyer den „poetischen Bums“ von Schnickmanns „Gestirnen“. Dem kann man nur zustimmen.
„Ich lese wenig Lyrik“, sagt Schnickmann. Über die Bilder, die er mit seinen Versen erzeugen will, denke er zunächst sehr filmisch nach. Und auch sonst ist der Entstehungsprozess seiner Gedichte irgendwie ungewöhnlich, irgendwie aber auch symptomatisch für einen Lyriker. Alle seine Gedichte schreibe Schnickmann per Hand, „mit einem Füller“, sagt er. Die Verbindung von Gehirn, Arm und Stift gebe dem Schreibprozess etwas Unmittelbares, was einen Einfluss auf seine Lyrik habe.
Geboren ist Alexander Schnickmann 1994 in Lünen, aufgewachsen in Bergkamen, in Nordrhein-Westfalen. Wie schon in seinem Romandebüt „Requiem“, das ebenfalls in Versform verfasst ist, verbindet Schnickmann in „Gestirne“ die großen existenziellen Fragen mit dem Alltag in Berlin. War es in „Requiem“ ein Weltuntergang, der sich in apokalyptischer Schönheit über die Hauptstadt ergießt, sind es in „Gestirne“ die kosmischen Gedanken eines schwer verliebten lyrischen Ichs, das durch die Straßen eines schwül-sommerlichen Berlins zieht. Zwischen Ringbahn und Staatsbibliothek denkt es über die unfassbare Leere der Atome nach.
Die Verse sind mystisch aufgeladen. Schnickmann interessiert sich sehr für den amerikanischen Horrorliteraten H.P. Lovecraft, der für seinen „Cthulhu“ bekannt ist, dieses interstellare Tentakelwesen, das in der Lage ist, ganze Welten zu verschlingen. „Das Tolle daran ist, dass wir dem Cthulhu egal sind“, sagt Schnickmann begeistert. Es sei wie mit dem Kosmos, der sich vollkommen gleichgültig zur menschlichen Spezies verhält. Und auch sonst befasst sich Schnickmann in „Gestirne“ mit allmöglicher Astrologie und Esoterik, die überall in der westlichen Welt gerade eine Renaissance erfahren.
Wo ist man in Berlin dem Kosmos am nächsten?
In „Gestirne“ kann es aber auch ganz irdisch zugehen. Das lyrische Ich beobachtet das städtische Treiben, lebt sein Leben, irgendwo zwischen Westend und Staatsbibliothek. Wie schon in „Requiem“ wird die Ringbahn in Schnickmanns neuem Gedichtband besonders prominent erwähnt: „was sind Millionen Kilometer/gegen eine Ringbahnfahrt zu dir“, fragt das lyrische Ich an einer Stelle.
Woher kommt die Faszination für diese ominösen Linien S41 und S42? Er sei ein großer Fan der beiden S-Bahn-Linien. „Der größte Luxus an einer Großstadt ist, dass man rund um die Uhr nach Hause kommt“, sagt Schnickmann. „Egal wo man ist, die Ringbahn ist immer am Horizont.“
Viele Verse in Schnickmanns Gedichtband hat er auf Englisch verfasst. Die Gedichte wechseln zwischen den zwei Sprachen, wie zum Beispiel bei einer in Versform verfassten Unterhaltung zwischen dem lyrischen Ich und seiner Liebschaft, die auf Englisch antwortet. „Auf Englisch zu schreiben erlaubt mir eine unfassbare Distanz“, sagt Schnickmann. Manche Sätze könne man nur auf Englisch schreiben, auch wenn man dabei in Kauf nehme, dass es einige Leser nicht verstehen.

„Erst wenn alles geregelt und gesichert ist, kann ich kreativ werden.“Markus Wächter/Berliner Zeitung
Obwohl Schnickmann leidenschaftlich über seine Lyrik spricht, kann er sich nicht vorstellen, hauptberuflich als Schriftsteller zu arbeiten. Zurzeit arbeitet er als Referent beim Bildungsforum gegen Antiziganismus in Kreuzberg. „Erst wenn alles geregelt und gesichert ist, kann ich kreativ werden“, sagt Schnickmann. Er brauche einen geregelten Job und Routine, damit das klappt. Auf das Leben eines prekären Schriftstellers, der sich von Stipendium zu Stipendium hangelt, habe er keine Lust. Gerade arbeite er in Teilzeit, um sich einem größeren Romanprojekt zu widmen.
Alexander Schnickmann: Gestirne. Matthes & Seitz Berlin 2026, 98 Seiten, 20 Euro