TTS-Player überspringen↵Artikel weiterlesen
Dresden – Plötzlich setzt das Böse die gute Miene auf. Beate Zschäpe (51) sitzt seit dem 8. November 2011 hinter Gittern. Als einziges lebendes Mitglied der rechten Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) wurde sie 2018 als Mittäterin bei der Ermordung von zehn Menschen und anderer Verbrechen zu lebenslanger Haft verurteilt. Jetzt steht Zschäpe in Dresden wieder vor Gericht. Sie soll als Zeugin mit aufklären, wie sehr Susann E. (44) die Mörderbande unterstützt hat.

Ziemlich gute Freunde: Beate Zschäpe und Susann E. in T-Shirts der Hardrock-Band AC/DC
„Ich habe aus Liebe gehandelt“
Was auffällt: Zschäpe, die mit den Neonazis Uwe Böhnhardt (†34) und Uwe Mundlos (†38) an zehn NSU-Morden beteiligt war, wirkt plötzlich wie die nette Frau von nebenan. Sie lächelt verständnisvoll, legt den Kopf zur Seite, versucht demonstrativ, sich zu erinnern, in ihren Aussagen zu gefallen. „Ich schäme mich“, hatte sie bereits an einem früheren Verhandlungstag bekannt und mit Hundeblick versichert, sie habe ihre Verurteilung von 2018 voll angenommen. Am Donnerstag, bei der dritten Fragerunde, legte Zschäpe nach. „Ich habe aus Liebe gehandelt. Ich hätte zu jeder Polizeidienststelle gehen können, um mich zu stellen, aber ich wusste, dann bringen sich Mundlos und Böhnhardt um“, erklärt sie.

Der Prozess am Oberlandesgericht Dresden wird im Hochsicherheitssaal verhandelt
Foto: Sebastian Kahnert/dpa
Angehörige der Opfer glauben Zschäpe nicht
Unter den anwesenden Mitgliedern der Opferfamilien weckt die neue, nette Zschäpe Misstrauen: „Die will doch nur schnell aus dem Knast raus“, zischt eine Angehörige auf den Besucherplätzen ihrer Sitznachbarin zu.

Das Mördertrio: Uwe Mundlos (†38, v. l.), Beate Zschäpe (heute 50) und Uwe Böhnhardt (†34) – Zschäpe führte mit beiden Beziehungen
Foto: -/Bundeskriminalamt/dpa
Der Verdacht, dass sie nun weiter Punkte für eine vorzeitige Haftentlassung sammeln will, liegt nahe. Frühestens im November 2026 wird das Münchner Oberlandesgericht darüber entscheiden. Nach BILD-Informationen tagte in dieser Woche aber bereits eine Vollzugsbeamtenkonferenz dazu.

Susann E. auf dem Weg ins Gericht. Sie wird von ihren beiden Anwälten begleitet
Foto: Olaf Rentsch
Kriminalpsychologe zweifelt an Zschäpes Wandlung
Während Beate Zschäpe als Zeugin vor Gericht die geläuterte Ex-Terroristin gibt, äußert der Kriminalpsychologe Dr. Christian Lüdke (66) Zweifel an einer tatsächlichen Veränderung: „Das ist Bauernschläue! Sie weiß genau, was sie tun muss, um einen persönlichen Vorteil zu ziehen. Das heißt nicht, dass sie sich vom Wesen verändert hat. Nur wenn sie profitieren kann, dann passt sie sich an“, erklärt der Psychotherapeut. Das Ausbleiben einer tatsächlichen Wesensveränderung ist aus seiner Sicht nur logisch: „Eine JVA ist ja auch keine therapeutische Einrichtung. Dort geht es nicht primär darum, etwas am Menschen zu ändern.“

Skeptisch, was Zschäpes Wandlung betrifft: Kriminalpsychologe Dr. Christian Lüdke
Foto: Kai Kapitän
Helferin wusste angeblich nichts von Morden
Über Susann E., die mutmaßliche Helferin, sagt Rechtsterroristin Zschäpe in ihrer Aussage nur, sie habe nichts von den NSU-Morden gewusst. Der Prozess wird fortgesetzt. Zschäpe muss nicht noch einmal aussagen. Sie sitzt weiter in der JVA Chemnitz ein.
*Experten-Porträt: Das ist Dr. Christian Lüdke
Seit über 30 Jahren arbeitet Dr. Christian Lüdke in der Betreuung von Gewalt- und Kriminalitätsopfern, kümmert sich um Menschen, die Angehörige durch Überfälle, Mord oder bei Terroranschlägen (wie u. a. am Berliner Breitscheidplatz) verloren haben. Bei der Polizei NRW leitete er jahrelang die psychologische Ausbildung von Spezialeinheiten.