Wenn Pascal Jungclaus nach Hause kommt, dreht er gerne mal die Heizung runter – zum Leidwesen seiner Freundin. „Sie mag es eher kuschelig“, sagt er der Morgenpost. Doch kuschelige Temperaturen hat Jungclaus den ganzen Winter. Tropische 28 Grad hat die Luft im Kombibad Seestraße in Berlin-Wedding. Während die Berliner draußen bei Minusgraden schlotternd über die eisglatten Wege schlittern, läuft Jungclaus in Badehose, Shirt und mit Sportuhr am Handgelenk durch das Bad.

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Fünf Bademeister, zwei Auszubildende und zwei Praktikanten sind dort an diesem Vormittag im Einsatz. Sie überwachen die Becken, machen sauber und warten die Technik. Die ist in dem Bad (Baujahr 1980) inzwischen in die Jahre gekommen. Auch die gelben Fliesen sorgen für einen gewissen Retro-Charme. Jungclaus stört das nicht. „Die Technik kenne ich schon aus meinem Ausbildungsbetrieb“, sagt er. Damals, in einem kleinen Dorf in Schleswig-Holstein, sah es ähnlich aus.

Doch damit könnte es bald vorbei sein. In dieser Woche wurde bekannt, dass die Berliner Bäder bis 2030 für 200 Millionen Euro saniert werden sollen. Ein Großteil von 170 Millionen soll an die Hallenbäder gehen. Im Kombibad Seestraße steht eine Komplettsanierung an.

Ein Tag im Kombibad Seestraße

Schwimmmeister Pascal Jungclaus analysiert im Technikraum die Wasserqualität vom Kombibad Seestraße.
© FUNKE Foto Services | Jörg Carstensen

Gigantische Traglufthalle im Bezirk Berlin-Mitte

Wenn man den Bademeister fragt, wofür er das Geld verwenden würde, denkt er zuerst an seine Kollegen. „Es wäre schön, wenn auch was davon beim Personal ankommt.“ Außerdem könne man das Bad energieeffizienter aufrüsten. Die großen Glasfenster der Halle seien zwar toll, sollten aber durch Dreifachverglasung ersetzt werden. „Die Frage ist doch: Brauche ich hübsche Fliesen? Oder investiere ich dort, wo es der Kunde nicht sieht, aber es für das Bad am besten ist?“ Ähnlich sieht man das auch in den Führungsetagen der Berliner Bäder-Betriebe. Insbesondere für die Energieeffizienz der Bäder wolle man Geld ausgeben, hatte BBB-Vorständin Marie Rupprecht mitgeteilt.

An einer Wasseraufbereitungsanlage, an der normalerweise Auszubildende lernen, gibt Jungclaus inzwischen dem Reporter einen Crashkurs. „Nach jedem Gast werden rund 30 Liter Frischwasser hinzugefügt“, erklärt er. In gigantischen Tanks im Untergeschoss wird das eigentliche Wasser für die Becken aufbereitet. Es ist eine der unsichtbaren Routinen dieses Ortes – doch eine, ohne die hier nichts funktionieren würde. Was das Kombibad Seestraße besonders macht, liegt allerdings nicht im Keller, sondern draußen.

Ein Tag im Kombibad Seestraße

Blick in die Traglufthalle vom Kombibad Seestraße.
© FUNKE Foto Services | Jörg Carstensen

Kombibad Seestraße: Das Tropical Island von Berlin-Wedding

Durch eine Schleuse kommt man von der Schwimm- in die Traglufthalle, die im Winter zwei Becken im Außenbereich überspannt. Die futuristisch anmutende Kuppel steht im Kontrast zu den gelben Fliesen in der Halle. Der Luftdruck ist leicht erhöht, spürbar auch im Reporter-Ohr. „Der Druck hilft, die Halle stabil zu halten“, erklärt Jungclaus. Ein wenig fühlt es sich an wie im Tropical Island – nur ohne die vielen Touristen. Mehr als 4000 Quadratmeter Fläche gewinnt das Bad im Winter dank der Konstruktion dazu. Zwei Wochen dauert der Aufbau. Laut den Berliner Bäder-Betrieben ist es die größte Traglufthalle Deutschlands.

Das einzige Hallenbad im Wedding konkurriert mit der Schwimm- und Sprunghalle im Europasportpark (SSE) am S-Bahnhof Landsberger Allee um den Titel als größtes Bad Berlins. Zwischen 30 und 40 Vereine, bis zu 20 Schulen und die Öffentlichkeit nutzen das Kombibad über das Jahr gemeinsam, schätzt Jungclaus. Für das Therapiebecken kommen Berlinerinnen und Berliner aus allen Stadtteilen, sagt er. Die vielen Käfige, in denen die Schulen ihre Schwimmbretter, Poolnudeln und Ringe lagern, zeigen, dass Jungclaus damit nicht übertreibt. „Eigentlich Irrsinn, dass die sich die Sachen nicht teilen“, meint Jungclaus. Aber jede Schule habe eben ihr eigenes Budget.

Ein Tag im Kombibad Seestraße

Schwimmhilfen für das Schulschwimmen und den Schwimmunterricht sind im Kombibad Seestraße zu sehen.
© FUNKE Foto Services | Jörg Carstensen

Wasserrettung im Schwimmbad: „Habe ich alles richtig gemacht?“

Gerade ziehen ein paar Athleten und Rentner ihre Bahnen in der Traglufthalle. In die Quere kommt sich hier kaum einer. Ab 16 Uhr dürfen dann Schulen und Vereine in das Zelt, die übrigen Besucher müssen durch die Schleuse in die Halle. „Diese Übergangsphase ist die beste Zeit, um in Ruhe seine Bahnen zu ziehen“, verrät Jungclaus. Zwar müsse man dann einmal Becken wechseln, aber es seien die wenigsten Gäste im Bad. „Morgens stehen schon 30 Frühschwimmer Schlange vor der Tür, wenn wir das Bad öffnen.“

Sauna-Meister Felix im Vabali Spa

Während Jungclaus erzählt, schweift sein Blick über die Becken. „Berufskrankheit“, sagt er und lacht. Ob er schon einmal jemanden aus dem Wasser retten musste? Im vergangenen Sommer sei er viermal ins Becken gesprungen, um jemanden herauszuziehen. „Irgendwann gehen einem die Klamotten aus“, sagt er. Größtenteils sei das Routine. Manchmal müssten auch Menschen beatmet werden. Etwa wenn ältere Gäste Herz-Kreislauf-Probleme bekommen. „Da nimmt man schon etwas mit“, sagt Jungclaus. Nach solchen Einsätzen frage man sich: Habe ich alles richtig gemacht? „Die Antwort muss lauten: Ja.“

Ein Tag im Kombibad Seestraße

Die Fliesen im Kombibad Seestraße zeugen noch von einer anderen Zeit.
© FUNKE Foto Services | Jörg Carstensen

Hallenbad Berlin: „Dann gibt es eben für einen Tag ein Hausverbot“

Jungclaus wirkt wie einer, der seinen Platz im Leben gefunden hat. Nur während der Corona-Pandemie, als das Bad geschlossen wurde, zog es ihn weg. Da habe er angefangen, Soziale Arbeit zu studieren. „Einfach mal etwas Neues probieren und sich weiterbilden“, sagt er. Letztlich blieb er im Kombibad. Bis zum stellvertretenden Badleiter hat er sich hochgearbeitet.

„Berlin braucht Abkühlung.“

Pascal Jungclaus, Fachangestellter für Bäderbetriebe

Ob es auch Nerviges an seinem Beruf hier im Schwimmbad gebe? Stressig sei es im Sommer: „32 Grad und 5000 Gäste – Berlin braucht Abkühlung“, sagt er. Und im Wedding sei nun mal viel los. Jugendliche würden gerne ihre Grenzen austesten. „Aber besser, die machen hier bei uns Blödsinn, als draußen auf der Straße“, sagt Jungclaus. „Dann gibt es eben für einen Tag ein Hausverbot.“ Sein Blick wandert wieder übers Becken. Vielleicht hätte das mit der Sozialen Arbeit doch auch sehr gut gepasst.