31. Januar 2026. Irgendwann an diesem denkwürdigen Abend geistert Fabian Hinrichs, oder vielmehr die Figur, die er spielt, wie eine Mischung aus Darth Vader und Anonymous-Aktivist durch das eigene Leben. Im dunklen Cape, auf dem seltsame Embleme blinken, umrundet er auf einem Elektroroller immer und immer wieder das Häuschen, in dem er sein kleines Leben lebt. Oder läuft, schreit, ruft. Paul heißt er hier, es ist dunkel, ganz buchstäblich, aber auch in jedem anderen denkbaren Sinn. Weil die Welt dunkel ist. Aber was ist eigentlich passiert?

Es hatte als banaler Beziehungsstreit begonnen: Claudia und Paul, ein Allerweltspaar im Dauerclinch, spielte beim gemeinsamen Joggen die wohl immer gleiche Platte der gegenseitigen Verwerfungen ab. Noch hat sich der Eiserne Vorhang nicht gehoben, sehen wir Fabian Hinrichs zwischen beiden Rollen hin und her switchen. Wer hat jetzt zu wem „Fick dich!“ gesagt? Warum lässt sie ihn immer warten? Hat er schon wieder ihren Schlüssel verloren? Sie will, dass er aufhört, mit seinen ewigen Selbstmorddrohungen. Das sind keine Drohungen, sagt er. Hinrichs redet sich in beiden Rollen in einen Verzweiflungsmodus, joggt hilflos, rennt, hüpft auf der Stelle und kommt nicht raus aus diesem Beziehungskäfig. 

Ehekrieg als Spiegel 

Dann hebt sich der Eiserne Vorhang und besagtes Häuschen erscheint. Die Bühne drumherum ist weit und leer – und plötzlich scheint dieser banale wie quälende Privatkrieg eines Paares nur der Nukleus aller weiteren Verwerfungen der Welt zu sein, die aktuell die Perspektiven so verdüstern. Bloß: wie fing das alles einmal an? „Irgendetwas ist passiert“ haben Fabian Hinrichs und Anne Hinrichs den gemeinsam entwickelten Abend überschrieben, der an die letzte Arbeit von Hinrichs und René Pollesch anschließt „ja nichts ist ok„, die zwei Wochen vor Polleschs Tod im Februar 2024 herauskam. 

Erschlagende Bilderflut © Apollonia Theresa Bitzan

Polleschs Tod ist eines dieser Dinge, die „passiert“ sind. Sein Bild klebt an der Hauswand, neben anderen, darunter auch ein Plakat für den gerade herausgekommenen Trump-Film „Melania“. „Er wird nicht wiederkommen“, sagt Hinrichs. Und macht alleine weiter – jetzt mit seiner Frau Anne Hinrichs, die als Psychotherapeutin und Analytikerin arbeitet. Und nun als Co-Autorin und -Regisseurin ihr Theaterdebüt gibt. 

Apokalyptische Existenzfragen

Auf dem Display einer Werbestele vor dem Haus laufen unentwegt Anzeigen für Luxusprodukte, während drinnen in der Küche Fragen wie „Haben wir noch Paprika?“ den immerwährenden Alltag vor die apokalyptischen Existenzfragen schieben, die die Welt gerade zum Unort machen. 

Irgendetwas ist passiert 01 1200 Apollonia Theresa BitzanUms Haus herum © Apollonia Theresa Bitzan

Fabian Hinrichs lässt die Verwerfungen der Welt durch seinen Körper laufen, spricht von den Bildern, in denen sich diese Verwerfungen verdichten: der kleine Alan Kurdi, der 2015 am Strand von Bodrum angeschwemmt wird, ertrunken auf der Flucht aus Syrien, die Toten in der Ukraine, in Gaza oder im Sudan, die ausgehungerten israelischen Geiseln. Die Körper, die 2001 aus den brennenden Türmen des New Yorker World Trade Centers stürzten. Die fast zwei Millionen Tonnen Trümmer, an denen nicht nur Reste der Toten klebten, sondern auch ihre Angst. Hat damals alles angefangen? Aber er ist ja keiner dieser Toten, sagt Hinrichs immer wieder. Er kocht, schläft und lebt sein unbedeutendes Leben. Wird aber darin zunehmend unbehaust. 

Ein Haus, das nicht mehr behaust

Schon wie das geschrieben ist, in dieser Verdichtung von Alltagsbeobachtung und Reflexion, ist atemberaubend – und dann, wie Hinrichs diese Texte durch seinen Körper jagt, ausstößt, daran würgt. Wie er mit diesem typischen flirrenden Hinrichs-Sound zwischen Staunen und Verzweiflung den Schmerz der Welt auf seinen Spielerschultern balanciert. 

Irgendetwas ist passiert 03 1200 Apollonia Theresa BitzanFabian Hinrichs © Apollonia Theresa Bitzan

Nina von Mechow hat ein Häuschen aus dem Geist von Edward Hopper und Bert Neumann auf die Bühne gestellt. Erst wirkt es noch wie die ideale Kulisse für den properen Traum vom guten Leben. Zunehmend sieht es dann wie eine Ruine aus. Irgendwann türmen sich in den gigantischen Rundhorizont projizierte Bilder von den Krisengebieten dieser Welt darüber auf – Trümmerlandschaften, soweit das Auge reicht, endlose Flüchtlingsströme, Panzer oder Putin beim Angeln und Trump beim Golfen. Im letzten Bild liegen Claudia und Paul in einem Schlafsack hinter ihrer Garage neben einem Schutthaufen. Ein Soldat läuft vorbei. Die Bilder von der Welt im Krieg haben sie aus ihrem Leben vertrieben. Und jetzt?

Aber vielleicht auch: Und René Pollesch? Was ist das für ein Abend, der so aus seinem Geist gestrickt, aber dann doch etwas ganz Eigenes ist? Der auch noch einmal stark verdeutlicht, wie groß Hinrichs‘ Anteil an den gemeinsamen Abenden stets war. Letztlich hätten sich Nähe und Vertrauen dieser Arbeitsbeziehung mit niemand als der eigenen Frau wieder herstellen lassen, hat Fabian Hinrichs im Interview gesagt. Und so formuliert dieser Abend in der ganzen Fatalität, mit der er ein apokalyptisches Lebensgefühl abzubilden versteht, am Ende auch so etwas wie eine Utopie. Zumindest auf dem Theater könnte die Welt also gerettet werden. Vielleicht. 

Irgendetwas ist passiert
von Fabian Hinrichs und Anne Hinrichs
Konzept, Text und Regie: Fabian Hinrichs, Anne Hinrichs, Bühne: Nina von Mechow, Kostüme: Tabea Braun, Licht: Frank Novak, Künstlerische Assistenz: Lara Weidemann.
Mit: Fabian Hinrichs. Statisterie: Jean-Baptiste Riese / Aimé Oschatz.
Premiere am 30. Januar 2026
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.volksbuehne.berlin

Kritikenrundschau

„Sowohl auf politischer als auch auf moralischer, philosophischer und analytischer Ebene bleiben die Befunde reichlich banal. Dass Fabian und Anne Hinrichs inszenatorisch zudem kaum andere Mittel zur Hand haben als Nachrichtenbilder und Bombenhagel, wirkt dann gänzlich hilflos“, sagt Barbara Behrendt im rbb Inforadio (31.1.2026). „Ein Abend, der keinen einzigen neuen Gedanken wachsen lässt. Und der dennoch vom treuen Hinrichs-Fanpublikum stehend gefeiert wird.“

„Der begeisterte Applaus in der Berliner Volksbühne ist der gerechte Lohn für eine Show, die sympathisch, intelligent und komisch ist, aber auch ein Abenteuerausflug in die holprigen Wüsten der Banalität,“ schreibt Wolfgang Höbel auf Spiegel.de (31.1.2026). Höbel spricht vom grellem Entertainment und fragt: „Kann es sein, dass Theaterleute in Berlin derzeit finden, man könne der schrecklichen Realität nur noch mit den Mitteln der Boulevardkomödie beikommen?“ Vor allem aber ist diese Aufführung aus Sicht dieses Kritikers „eine sehnsuchtsvolle Verbeugung vor dem Theaterverbündeten René Pollesch, von dem Hinrichs nun auf der Bühne sagt, dass er ihn ‚geliebt‘ habe. Und schrecklich vermisse – gerade jetzt, ‚wo ich ihn nicht mehr ärgern kann‘.“

„Gegenwärtiger als diesen Sekunden wird Theater in diesem Jahr kaum werden,“ schreibt Sören Kittel in der Berliner Morgenpost (31.1.2026). „Es geht um eine Gesellschaft, die es sich angewöhnt hat, mit Oberflächen, mit Abbildern der Realität über eine lange Zeit zufrieden zu sein. Und jetzt ist es zu spät, etwas ist gekippt – oder wird bald kippen – und alles, was wir gelernt haben, ist: liken, sharen und sich empören, aber keine echte Auseinandersetzung, weder miteinander noch mit anderen.“ Irgendwann jedoch stellt sich für den Kritiker das Gefühl ein, „das alles schon einmal gesehen zu haben.“