Schon auf der Heimfahrt nach Berlin geht es los. Eine Lok setzt sich in Bewegung, schnaufend, röchelnd, Druckwellen ausstoßend. Dabei handelt es sich um einen ICE und bei der Geräuschquelle im Großraum, zweite Klasse, um einen Mann Anfang 50.

Ein Blick den Gang hinunter trifft auf seine gerötete Rotznase und einen gequälten Gesichtsausdruck. Keine Maske, natürlich, weder die Lightversion für den OP noch FFP2 für die Intensivstation, obwohl es sich vom Klangbild her um einen Notfall handelt – und leider keinen Einzelfall. Denn im Öffentlichen Personennahverkehr der Hauptstadt geht es später weiter.

Als hätte so etwas wie Corona nie stattgefunden. Haben diese Menschen vergessen, dass seinerzeit schon ein leichtes Räuspern in Bus und Bahn die sofortige Isolation zur Folge hatte, bei Platzmangel jedoch mindestens zu strafenden Blicken führte? Wo waren all die heutigen Virenschleudern während der Pandemie? In einer erdfernen Umlaufbahn? Jetzt jedenfalls bevölkern sie als Fahrgäste zu Hunderten den städtischen Raum. Und sie machen aus ihrem Husten keine Modergrube.

Da wird gehustet auf Tuberkel komm raus, wobei unterschiedliche Techniken zur Anwendung gelangen. In seltenen Fällen das vom Robert-Koch-Institut und anderen Infektionsverfolgungsbehörden empfohlene gedämpfte In-die-Ellenbeuge-Prusten. Häufiger ist dessen Placebo-Version zu beobachten: Der Ellbogen wird auf Höhe von Mund und Nase angehoben, verharrt allerdings in 20 Zentimeter Entfernung, damit der Jackenärmel nicht benetzt oder mit Krümeln des soeben verzehrten Croissants beschmutzt wird.

Das ist ungefähr so, als würde man ein unwiederbringlich zerstörtes Sofa auf dem Gehweg entsorgen, versehen mit dem schriftlichen Hinweis: Zu verschenken. Man gibt sich als Philanthrop, wohlwissend, dass man das genaue Gegenteil ist: eine Belastung für seine Umwelt.

Ebenso unsozial wie weitverbreitet ist das In-die-Faust-Husten, die umgehend die nächstbeste Haltestange umklammert und mit Viren kontaminiert, in die kurz darauf ein ahnungsloses Opfer hineinlangt. Großer Beliebtheit erfreut sich auch eine Abart, bei der die Handinnenfläche vor das Gesicht gehalten wird, bevorzugt die rechte, die irgendwann, frisch mit Keimen besiedelt, für eine herzhafte Begrüßung ausfährt.

Die maximale Beschleunigung von Speichel

Da gerade von Ausscheidungen die Rede ist: Es reicht eine simple Anfrage im Internet bei einem der einschlägigen Chatbots, um zu erfahren, dass beim Husten Speichel auf eine maximale Geschwindigkeit von 30 Meter pro Sekunde beschleunigt, umgerechnet 108 km/h. Große Tropfen fliegen etwa zwei Meter weit, mittlere kommen auf bis zu vier Meter. Bei feinsten Partikeln, den in der Pandemie zu großer Berühmtheit gelangten Aerosolen, lautet das Motto: The sky is the limit – der Himmel ist die Grenze. Oder vielmehr das Gesicht des BVG-Kunden gegenüber.

Immer mehr in Mode kommt eine Methode, bei der seitlich auf den Boden gehustet wird, als virulenter Subtyp auch niesend ausgeführt. Als würden die Erreger wie Steine herunterplumpsen und von den Passagieren festgetreten werden wie gebrauchte Coffee-to-go-Becher. Mit diesem Irrtum räumt der konsultierte Chatbot rasch auf, er teilt mit: „Husten erzeugt Kurzstrecken-Spritzer und langlebige Schwebepartikel.“

Sehr anschaulich beschreibt der Bot auch den Effekt von Schutzmasken. OP‑Maske: „Wie Wasser durch einen Schwamm gedrückt.“ FFP2: „Wie Nebel durch ein dichtes Filtervlies.“ Dagegen ohne alles: „Wie ein kräftiger Wasserstrahl aus einem Gartenschlauch.“ In diesem Sinne hat sich übrigens auch der Huster aus dem ICE beizeiten ins Bordbistro verabschiedet. Diesmal ausnahmsweise nicht nach ihm, sondern mit ihm – die Sintflut.