Zu Beginn geht es mehr als sehr verspielt zu. Die Darsteller*innen entwerfen eine Szene im New York des frühen 20. Jahrhunderts: Debrecina Arega vom Theater Thikwa trägt einen altmodischen Hut und eine Federboa, sie spielt Emily Dunning Barringer, die erste Ambulanz-Chirurgin New Yorks, die sich maßgeblich für eine Professionalisierung der Notfallversorgung, bessere Ausstattung von Krankenwagen und strukturierte Ausbildung einsetzte.
Kurz darauf befinden wir uns plötzlich auf dem Mond. Dort steht ein zurückgelassenes Mondauto von Neil Armstrong – das sich zum Erstaunen aller als Tesla entpuppt. War Neil Armstrong, fragt Alexander Karschnia vom Künstler*innenkollektiv andcompany&Co., wirklich auf dem Mond? Oder hat er es nur vorgegeben, gespielt?
Die Premiere von „Wir Krisendarstellerinnen: Lookalike in anger!“, einer Kooperation zwischen andcompany&Co. und dem experimentellen, inklusiven Kreuzberger Theater Thikwa für Menschen mit und ohne Beeinträchtigung, wirkt am Freitagabend im Hebbel am Ufer zunächst wie ein fröhlich eskalierender Reigen aus Einfällen.
Crisis actors: Das ist ein Begriff aus dem Umfeld rechter Verschwörungstheorien
Mal flimmern Raumfahrtsequenzen über die Leinwand, mal tanzt Debrecina Arega, bis das Publikum mitklatscht, mal spielt Max Edgar Freitag Gitarre. Es wird gelacht, gestritten, gesungen. Die Darstellerinnen, in sehr komischen Kostümen zwischen OP-Grün und Mondfahrt-Silber, verschwinden zwischendurch in einem wackligen Sanitätszelt, sitzen leicht federnd auf Gummibällen, trinken aus einer überdimensionierten Polizeitasse und beraten hochprofessionell, was als Nächstes zu tun sei.
Der räudige Hund
Erst allmählich schält sich heraus, worum es bei alldem eigentlich geht – wo der räudige Hund begraben liegt, den man im bunten Trubel zunächst gar nicht vermisst hat.
Der Wendepunkt kommt mit einem längeren Redebeitrag von Alexander Karschnia. Er erzählt, wie der Titel des Abends entstand: „Crisis actors“, Krisendarsteller*innen. Ein Begriff aus dem Umfeld rechter US-amerikanischer Verschwörungstheorien. Gemeint sind angebliche Schauspieler*innen, die bei realen Katastrophen oder Gewalttaten auftreten sollen, um Ereignisse zu fingieren oder zu manipulieren.
Karschnia berichtet vom Schulmassaker an der Marjory Stoneman Douglas High School in Florida 2018, bei dem 17 Menschen ermordet wurden. Als Überlebende bei einer Gedenkveranstaltung exakt so lange schwiegen, wie das Massaker gedauert hatte, nämlich etwas mehr als sechs Minuten, da hieß es in einschlägigen Internetblasen, sie seien „crisis actors“. Als habe es das Massaker nie gegeben. Als seien nicht die Täter die Täter, sondern die Opfer.
In diesem Moment kippt der Abend – sichtbar, körperlich spürbar im Publikum. Plötzlich ist klar: Hier geht es nicht um harmlose Rollenspiele oder ironische Doktorszenen. Hier geht es um den Versuch, den multiplen Krisen der Gegenwart ein theatrales Spiegelkabinett entgegenzusetzen: von atomarer Bedrohung über Drohnenkrieg, von Klimakatastrophe bis Kultureinsparungen, von abstrakten Systemkrisen bis zu sehr konkreten Toten.
Hater ernst nehmen
Oder, wie Karschnia es formuliert: Was, wenn wir die rechten Hater ernst nähmen? Was, wenn wir den Ernstfall probten und uns tatsächlich zu professionellen Krisendarsteller*innen ausbilden ließen? Wäre es nicht nützlich, im Gerichtssaal nachspielen zu können, aus welchem Winkel beispielsweise ganz genau die tödlichen Schüsse auf Renée Nicole Good oder Alex Jeffrey Pretti abgegeben wurden?
Spätestens hier gefriert den letzten Lachenden das Lächeln. Was an diesem eigenartig zärtlichen, zugleich radikalen Abend verhandelt wird, ist bitterer Ernst.
Wie tröstlich deshalb das Schlussbild: Rund fünfzig Berliner Kulturschaffende schalten sich per Handyvideo auf die große Leinwand und singen gemeinsam eine große, herzzerreißende Hymne von Freddie Mercury. Geschrieben hat er sie, als er bereits schwer an AIDS erkrankt war.
„The Show must go on“: Ein Lied über das Weitermachen trotz Schmerz, Angst und nahendem Tod. Über den inneren Kampf zwischen körperlichem Verfall und dem unbeirrbaren Willen, weiterzuleben, weiter zu schaffen, weiter Kunst zu machen. Standing Ovations.
Am Samstag noch einmal, 19 Uhr.