Ein Foto Moriyamas, geboren 1938, wurde zur Ikone und zum Wendepunkt in der Geschichte der Fotografie. Es zeigt einen Hund im Schatten. Während grelles Licht den Rücken des Tieres erhellt, verschwimmen Teile seines Gesichts im Dunkeln.

Hat der Japaner seine ersten Serien in den 60er-Jahren für Magazine noch auf klassische Art fotografiert, setzte er sich zunehmend, beeinflusst von Künstlern wie Andy Warhol und William Klein, mit Fragen der Reproduzierbarkeit und Verbreitung von Bildern auseinander, experimentierte mit Negativen, Vergrößerungen und Auflösungen, entwickelte ein wachsendes Misstrauen gegenüber dem Fotojournalismus.

Medienkritik und radikales Fotobuch

So kritisierte er etwa die sensationsheischende Berichterstattung über die Entführung eines Kindes, indem er Standbilder aus dem Fernsehen veröffentlichte, die kriminalistische Ermittlung andeuten, ohne sensible Inhalte aufzuweisen. „Indem er die unmittelbare Darstellung des Ereignisses verweigert, prangert er die Umwandlung einer menschlichen Tragödie in eine profitable journalistische Quelle an“, heißt es in der Schau, die chronologisch mit 200 Kunstwerken und 250 Reproduktionen aus Magazinen das breite Werk Moriyamas dokumentiert.

Es ist eine faszinierende Reise durch das Schaffen – von urbanen Straßenszenen in Japan (und später auch New York) über Arbeiten für das radikale Fotobuch „Farewell Photography“ (eine Sequenz körniger, beschnittener, solarisierter und zerkratzter Bilder, die die Illusion der Fotografie als Fenster zur Welt zurückweist) bis zur plakativen, sich in der Schau über drei Wände erstreckenden Serie „Pretty Woman“, in der schwarz-weiße und farbige Fotos die Betrachtenden in die grelle Welt des urbanen Konsumismus eintauchen lassen. Am Ende erlaubt ein immersiver Raum, auf dessen Flächen unterschiedlichste Fotos Moriyamas im Großformat und in recht schneller Abfolge projiziert werden, eine abschließende Reflexion.

Poetische Spurensuche in Surinam

Als eine Art Installation mit fotografischen Arbeiten und Textilien ist die Ausstellung „Across the Water“ von Michelle Piergoelam aufgebaut, die ebenfalls ab Samstag zu sehen ist. Das Publikum ist eingeladen, sich auf eine poetische Spurensuche zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu begeben. Piergoelam, geboren 1997, fehlte, wie sie bei einem Rundgang erzählte, jedes kulturelle Wissen über die Heimat ihrer Vorfahren in Suriname. Das Land galt als eine der schlimmsten Kolonien. „Piergoelam fokussiert sich aber nicht auf die Grausamkeit der Sklaverei, sondern auf den Widerstand“, sagte Kuratorin Martin Lena Herrmann.

„Daido Moriyama. Retrospektive“ und „Michelle Piergoelam. Across the Water“ im Foto Arsenal Wien, 31.1. – 10.5., Di. – So., 11.00 – 19.00 Uhr

So untersucht sie verschiedene Formen verschlüsselter Kommunikation. Ihre Fotos zu diesem Thema zeigen etwa Kopftücher, deren Faltung codierte Botschaften transportiert. In einem anderen Abschnitt der Präsentation verdeutlicht die Künstlerin mit Fotografien von Gesichtern und Händen die Rolle von Gesängen als Kulturträger. Mit ihrer Kamera erkundete Piergoelam außerdem die Flora ehemaliger Plantagengebiete. Botanisches Wissen der afro-surinamischen Gemeinschaft war essenziell für Überleben, Selbstermächtigung und Widerstand gegen die Sklaverei, erklärte sie.