Dieser Tage liegen viele Berliner Radwege unter Schnee und Eis begraben. Da erinnert eine spiegelglatte Stelle an einen zugefrorenen See, da an eine Loipe, weil nur noch eine reifendicke Spur Asphalt übrig ist, und da, Vorsicht! Ein Schneehaufen. Oft brettern die Autos und Lastwagen nur wenige Zentimeter an den schlingernden Radfahrern vorbei.
Es verwundert also nicht, dass bis auf wenige Ausnahmen kaum noch Fahrradfahrer unterwegs sind. Man kann sie mutig oder verrückt nennen. Jedenfalls: Einer von ihnen bin ich. Aber warum mache ich das?
Loipe oder Radweg? Viele Berliner lassen dieser Tage das Fahrrad aus Sicherheitsgründen stehen.
© Niklas Bessenbach
Im Januar bin ich Fahrrad gefahren. Jeden Tag. Meistens die Schönhauser Allee hoch bis zum Rathaus Pankow, wo mein Büro ist, und wieder runter in den Helmholtzkiez, manchmal auch bis runter nach Mitte.
Ich fahre ein 15 Jahre altes Trekkingfahrrad. Die Reifen sind ziemlich breit und nicht prall aufgepumpt, was mir auf dem Eis Stabilität gibt.
Schnee und Eis in Berlin Warum es auf vielen Radwegen glatt bleibt
Die Gruppe der Fahrradfahrer ist zusammengeschrumpft auf Lieferfahrer mit ihren teilweise ultrafetten Reifen und den am Lenkrad befestigten Handschuhen. Dazwischen sehe ich nur zwei Kategorien von Radfahrern: High Performer mit Stulpen, Schneeschuhen, Funktionsjacke – Zwiebelprinzip natürlich, alles reflektiert und blinkt. Und ein paar Verwahrloste: ohne Helm, offene Schnürsenkel, am besten noch ein Paar-Euro-Retro-Rennrad vom Trödelmarkt. Ich würde mich irgendwo in der Mitte einordnen.
Dass es ganz anders geht, zeigt ein Blick nach Skandinavien: In Kopenhagen zum Beispiel gilt das Prinzip, dass erst Fahrradwege vom Schnee befreit werden, dann die Straßen. Und im nordfinnischen Oulu, wo die Menschen monatelang mit Schnee zurechtkommen müssen, liegen die meisten Fahrradwege schon meterweit von der Straße entfernt. Im Winter muss dort kaum jemand aufs Fahrrad verzichten. Der Schnee wird nämlich bis auf eine dünne Schicht von den Radwegen beseitigt oder bestreut, sodass ein griffiger Untergrund entsteht.
Seit Freitag erlaubt der Berliner Senat temporär den Einsatz von Tausalz auch auf Gehwegen. Schließlich sei es die Pflicht des Staates, den Menschen ein sicheres Durchkommen zu ermöglichen, schreibt Kai Wegner (CDU) auf X.
Als ich noch ein Kind war, hat mein Vater beim ersten Schneefall des Jahres meinen blauen Lenkschlitten an seine Motocross geknotet und ist mit mir über die Felder gejagt. Ich schrie vor Freude. Noch früher fuhr ich zwischen den Beinen meiner Mutter Ski. So lernte ich, unerschrocken zu sein gegenüber Geschwindigkeit auf Schnee. Mehr noch: Freude am Abenteuer.
Alpenstimmung in Berlin
Nach Abenteuerlust sehen meine Fahrradfahrten aktuell sicher nicht aus. Ich habe die nächsten zehn Meter meiner Strecke immer genau im Auge, damit ich nicht abrupt bremsen muss. Sonst gehöre ich eher zu denen, die ordentlich in die Pedale treten. Die Drosselung fühlt sich jetzt bisschen an wie von einem Düsenjet auf einen alten Fischkutter umzusteigen. Ich schleiche.
Wenn eine Eisfläche besonders glatt aussieht, insbesondere in Kurven, strecke ich meine Beine insektenhaft aus, um mich im Falle eines Weggleitens abfangen zu können. In der klirrenden Kälte nehme ich viel prägnanter den Benzingeruch der Autos wahr. Aber mit den schneebedeckten Bäumen und Wiesen, dem blauen Himmel, der strahlenden Sonne, erinnert mich das ans Skifahren. Wenn eine Raupe vorbeifuhr, roch es genauso, das ist die winterliche Alpenstimmung. Mitten in Berlin.
Mir fällt es extrem schwer, aufs Fahrrad zu verzichten. Ich ertrage das Geschniefe und Gehuste in den Öffis nicht so gut, das dicht Gedrängte. Das Warten. Ich will keinen Parkplatz suchen, nicht im Stau stehen. Aber: Jede Woche über zwei Stunden dem Körper etwas Gutes tun. Und vor allem gefällt mir, dass man so schnell fährt, dass man von der Stadt viel sieht, und gleichzeitig so langsam fährt, dass man viel sieht.
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Auf meinem Fahrrad nehme ich hier und da entgeisterte Blicke wahr. Eine Kollegin im Büro, die bei Eis aufs Fahrradfahren verzichtet, sagte: „Das ist lebensgefährlich.“ Anders als sie habe ich keine Kinder, was mich wohl etwas leichtfertiger macht.
Meine Frau hat inzwischen aufgegeben, mich vom Fahrradfahren abzuhalten. Anfangs hat sie mich gebeten, das Rad stehen zu lassen. Irgendwie ging es nicht – bis vor ein paar Tagen.
Ich habe einen Bericht in der Zeitung gelesen. Eine Sprecherin des Unfallkrankenhauses in Berlin appellierte an die Vernunft der Bürger. Die Chirurgen würden die Nächte durcharbeiten, so viele Schwerverletzte. Das ließ mich umdenken. Ich stellte mir mich vor mit zersplitterter Schulter. So groß ist die Abenteuerlust dann auch wieder nicht.