Das spürte man beim VHS‑Vortrag „Häsmalerei in Schwenningen – Die Kunst hinter der Fasnetstradition“ vom ersten Moment an.
Schon beim Betreten von Raum 103 lag eine besondere Spannung in der Luft – dieses leise Kribbeln, das man sonst nur kurz vor einem Narrensprung spürt.
Im Saal gab es keinen Platz mehr. Ein deutlicher Beweis dafür, welchen Stellenwert die Fasnet in Schwenningen hat. Und dass sie sich hinter keiner anderen Narrenstadt verstecken muss – im Gegenteil: Sie steht selbstbewusst in der ersten Reihe.
Mit leuchtenden Augen nahm Schlenker sein Publikum mit auf eine Zeitreise in die 1930er‑Jahre – zu den ersten Schwenninger Hansel, wie wir sie heute kennen. Geschaffen vom Kunstmaler Paul Goetze, dessen Handschrift bis heute Maßstäbe setzt.
Über Paul Goetze
Goetze war kein einfacher Maler, sondern ein Visionär, der dem Hansel eine Seele gab. Ein Paradebeispiel dafür ist der legendäre „Mohren‑Hansel“, einst im Besitz des Kaufmanns Christian Jäckle, dem Wirt auf dem „Mohren“. Ein Häs, das Geschichten erzählt – von Tradition, Kunstfertigkeit und einem Schwenningen, das damals wie heute stolz auf seine Fasnet ist. Das Originalhäs im Besitz der Narrenzunft war jahrelang im Heimatmuseum ausgestellt.
Ein Raunen ging durch den Raum, als Schlenker vom Tannenzapfen‑Hansel berichtete – einem lange verschollen geglaubten Goetze‑Werk. Jahrzehntelang galt er als verschwunden, fast schon als Legende. Und dann, wie aus dem Nichts, tauchte er beim letzten Narrensprung zum 90-jährigen Zunftgeburtstag wieder auf.
Ein Moment, der selbst alte Fasnets‑Hasen sprachlos machte. „Es war unglaublich schön zu sehen, dass dieser Hansel noch existiert“, sagte Schlenker – und man merkte ihm die Freude, die Erleichterung und den Stolz an. Es war einer dieser Augenblicke, in denen Tradition plötzlich greifbar wird.
Als der Stoff knapp war
Mit einem Augenzwinkern erzählte er anschließend von Ernst „Bürschtle“ Schlenker, der sich nach dem Krieg unbedingt ein Hansele wünschte – aber Stoff war knapp. Also ließ sich der spätere Hanselvatter und Abstauber der Narrenzunft sein Häs kurzerhand auf amerikanischen Mehlsäcken malen. Ein Beispiel für den Erfindungsreichtum, der die Fasnet bis heute prägt. Wo andere Probleme sehen, finden Narren Lösungen – und zwar kreative.
Schlenker würdigte frühere Häsmaler wie Erwin Danner, Johann Matt, Erwin Maus und Jürgen Löffler – jeder ein Künstler, jeder ein Kapitel der Schwenninger Fasnetsgeschichte.
Besonders geprägt hat ihn jedoch Karl Eschle, der ab 1968 rund 240 Hansele bemalte und die Schablonen‑ und Siebdrucktechnik perfektionierte. Eschle war der Mann, der die Hansel in eine neue Ära führte – präzise, konsequent, mit einem Blick für Details.
Schlenker interpretiert
Heute ist Jörg Schlenker selbst seit über 30 Jahren im „Geschäft“. Autodidakt, leidenschaftlich, eigenständig. Einer, der nicht nur malt, sondern interpretiert. Einer, der Tradition respektiert, aber gleichzeitig mutig genug ist, eigene Akzente zu setzen. Er malt auf Wunsch sogar bekannte Personen auf die Hanselhosen – und hat sich dafür einen unverwechselbaren Stil erarbeitet, der sofort erkennbar ist, wenn man weiß, worauf man achten muss.
Besonderer Schritt
Und er hat als Mitglied des Brauchtumsausschusses der Zunft mit dafür gesorgt, dass neben den Rosen inzwischen wieder Feldblumen auf die Hanselhäs dürfen – ganz im Sinne von Goetze. Ein kleiner Schritt für die Maler, ein großer Schritt für die Authentizität der Schwenninger Fasnet.
Cheerleader-Effekt
Wer am Straßenrand steht, erkennt meist nicht, welcher Maler hinter welchem Häs steckt. Für Schlenker wirkt hier auch der sogenannte Cheerleader‑Effekt: In der Gruppe entfalten die Hansel ihre volle Pracht – und wirken noch schöner, als man sie einzeln wahrnehmen würde.
Der Abend zeigte eindrucksvoll: Häsmalerei ist weit mehr als Handwerk. Sie ist Kunst, Tradition, Identität und Heimatgefühl. Und Menschen wie Jörg Schlenker sorgen dafür, dass diese Kultur nicht nur bewahrt, sondern lebendig bleibt – mit Herzblut, Humor und einer Liebe zur Fasnet, die ansteckend ist.
Beim Anblick der alten Hanselhäser, die Schlenker in die Metzgergasse zur VHS mitgebracht hatte, wurde klar: Jeder Maler hat seinen Teil dazu beigetragen, dass der Schwenninger Hansel zu den schönsten Weißnarren der schwäbisch‑alemannischen Fasnet zählt.
Und eines ist sicher: Wer künftig die Schwenninger Hansel bei den Umzügen sieht, wird genauer hinschauen – und die Kunst dahinter mit neuen Augen sehen.