Ein bemerkenswerter Vorschlag, seinem Bauherren zu sagen, die Idee mit der Erweiterung eines Kindergartens doch lieber bleiben zu lassen und stattdessen einfach nur die Nutzung von zwei Räumen zu tauschen. Die Bauherren fanden diese vom Architekten vorgeschlagene Umnutzung sinnvoll – und bauten nicht.

Dem Architekten entging so ein Auftrag – einiges an Honorar auch. Das muss man sich leisten wollen. Der Architekt heißt Sascha Bauer (41), sein im Jahr 2018 gegründetes Büro Studio Cross Scale; er lächelt, als er davon berichtet und sagt: „Ja, aber es war effizient und richtig.“

Der Stuttgarter Architekt ist auf Umbau spezialisiert

So ist es: Wer für die Bauwende plädiert, Ressourcen schonen will, sollte liefern – Umbauideen statt Neubauvorschläge forcieren, im Zweifel das Bauen ganz bleiben zu lassen, das würden aber wohl die wenigsten wollen. Doch auf lange Sicht, wer weiß, ist es eine vertrauensbildende Maßnahme und Bauherrschaft und Architekt finden einander bei einem anderen Projekt.

Sascha Bauer berichtet von seiner Arbeit (und deren gelegentlicher Vermeidung) bei einem hervorragenden Kaffee in seinem Büro mit offenem Besprechungsraum und Küche mit einer hohen Theke für gute Gespräche. Anders als viele Architekturbüros ist es nicht in einem Gründerzeitindustriebau situiert, sondern in in einem unspektakulären Nachkriegsgebäude, dafür mitten in der Stadt.

Nicht immer lässt sich Platzbedarf durch den Zimmertausch lösen, manchmal muss dann doch umgebaut, ertüchtigt werden. Zuweilen reichen sparsame Maßnahmen aus wie etwa bei der Zwischennutzung der ehemaligen Schwabenbräu-Passage in Bad Cannstatt, wo er minimal in den Bestand eingriff, nicht viel mehr änderte als drei Brandschutztüren einzubauen.

Wohnraum schaffen in Stuttgart

Der Bau hat seinen ziemlich rauen Charme erhalten, „und er wird im Bund deutscher Architekten und landesweit diskutiert. Einen Preis fürs effiziente Umbauen habe ich dafür aber auch nicht erhalten, da erwartbare Ästhetiken damit nicht bedient werden.“

Mehr in den Bestand eingegriffen hat er in einem Haus nahe der John-Cranko-Schule, Dach und das Gebäude sanft energetisch ertüchtigt, um auch zusätzlichen Wohnraum zu schaffen. Dafür wiederum hat sein Büro gleich mehrere Auszeichnungen erhalten. Jüngst kam ein Innenarchitekturpreis für eine Sanierung einer Gründerzeit-Mietwohnung in Stuttgart hinzu.

Eine Villa und ein Büro werden im Stuttgarter Westen

Aktuell arbeitet Studio Cross Scale, das sich daher auch auf zwölf Mitarbeitende vergrößert hat, an der Sanierung des Alten Rathauses in Stuttgart-Uhlbach aus dem Jahr 1602 sowie an zwei sehr großen, für die Stadt wichtigen Umbauten – dem Verlagsgebäude auf dem Klett-Areal von 1958 und der knapp hundert Jahr früher gebauten Villa Knosp, beides in der Rotebühlstraße im Stuttgarter Westen. Der Umbau des Verlagsgebäudes ist sogar ein Teil der Transformation des Areals und ein Projekt der Internationalen Bauausstellung „IBA 27“.

Umbauen ist wichtig, aber wollen Architekten nicht neu bauen? „Mich hat von Anfang an das Bauen im Bestand fasziniert, bewusst hinzuschauen, was das Vorgefundene ausmacht, wie es um- und neu zu nutzen sein könnte, Stadträume und Architekturen zu reparieren, zu transformieren“, sagt Sascha Bauer. „Auch wenn ich an der Kunstakademie einmal den Satz ‚Sanierung ist keine Architektur’ hörte. Dies hat sich geändert. Und diese Umbauprojekte sind wirklich beglückende Aufgaben.“

Klett-Gebäude am Feuersee

Wer bei einem Rundgang mit Politikprominenz aus Stadt und Land vor einiger Zeit dabei war, erlebte, wie knifflig und beglückend solche „Ausbesser“-Architekturaufgaben sein können. Sascha Bauer stand im von Gero Karrer entworfenen Verlagshaus vor Schautafeln und zeigte, wann welche Materialien verbaut wurden, wie die Farbwahl war, wie die Büros, wie die in Richtung Feuersee schauende Fassade vom Architekten Gero Karrer ursprünglich konzipiert worden ist, wie das Gebäude immer wieder umgebaut wurde und wie es nun zukunftsfähig für die Mitarbeitenden des Verlages im Sinne neuer Arbeitswelten umgestaltet und transformiert werden könnte.

Mit Ausblick auf den Fernsehturm: Der Stuttgarter Architekt Sascha Bauer in seinem Büro in der Stuttgarter Sophienstraße. Foto: STUDIO CROSS SCALE, Stuttgart

Wenige Meter entfernt steht im Schatten mächtiger Bürobauten ein noch deutlich älteres Kulturdenkmal, eine Villa von 1859. Seit einiger Zeit ist sie von Baugerüsten umstellt. Sorgen um Abriss und Neubau muss man sich nicht machen. Die Villa wird gerettet, wenn auch nicht wieder in ein Wohnhaus zurückverwandelt.

Villa eines Stuttgarter Fabrikantenpaares

Die Wüstenrot Stiftung, auf Denkmalschutz spezialisiert und derzeit in Ludwigsburg ansässig, wird dort einziehen. Neben der denkmalgerechten Sanierung wird das Dachgeschoss repariert und zu einem nahezu stützenfreien Raum transformiert. „Unser Planungsteam arbeitet eng mit der Bauunternehmung Gottlob Rommel und der Restauratorin Julia Feldtkeller zusammen“, sagt Sascha Bauer. „Gemeinsam mit den Ingenieuren von Faltlhauser Krapf schaffen wir es so, das knapp 170 Jahre alte Gebäude mit seinen Herausforderungen in die Zukunft zu führen.“

Gebaut wurde die Villa von dem Stuttgarter Architekten Joseph von Egle, sie gehörte dem Chemiefabrikantenpaar Rudolph und Sophie Knosp. Die beiden zog es nicht hinauf auf die Halbhöhen Stuttgarts, sie blieben im Kessel wohnen. So ist die Villa Knosp eines der ersten privat finanzierten Massivbauten am Stadtrand und ein besonderes Zeugnis der Stadtgeschichte.

Stuttgarter Baugeschichte recherchieren

Wiewohl seine Besitzer zeitweise zu den reichsten Leuten im Königreich gehörten, ist das Domizil vergleichsweise bescheiden, kleiner jedenfalls als etwa die Villa von Robert Bosch. Und ganz ohne Aussicht, weil im Kessel. Doch wie sorgfältig wurde gebaut! Wo noch erhalten, sieht man aufwändig verlegtes Parkett, viel Stuck.

Aktuell ist das einstige Wohnhaus allerdings ziemlich verwittert. Sascha Bauer feilt an Details, legt historische Schichten frei, ergänzt zeitgenössisch die historischen Fliesen auf dem Boden, erforscht die Baugeschichte bis ins Detail. „Es geht nicht um eine bloße Rekonstruktion. Wir wollen behutsam weiterbauen, die historische Architektur fortschreiben und die neuen Elemente dabei eigenständig sichtbar machen.“

Ein preisgekröntes Buch

Sascha Bauers Interesse an Materialkunde, Konstruktion und Substanz ist ausbildungsbedingt, er hat vor seinem Architekturstudium Schreiner gelernt, kennt sich also auch mit der Holzbearbeitung bestens aus. Jüngst hat er zu Holzverbindungen und ihrer Relevanz für zirkuläres und reparaturfähiges Bauen ein Buch herausgegeben. Die Idee wurde vor knapp 25 Jahren während seiner Lehrzeit geboren. Der Mitautor Daniel Pauli stieg in den letzten Jahren mit ein, um das Buch voranzubringen.

Ein Wälzer, 895 Seiten stark. „Irgendwann hatten wir 100 Verbindungen recherchiert und sagten dann, jetzt versuchen wir alle zu versammeln.“ Dafür befragte Sascha Bauer Spezialisten und beschäftigte zeitweise sogar drei Japanologen. Am Ende kamen über 400 Verbindungen zustande. Wieder ein Erfolg – „The Joinery Compendium – Learning from traditional woodworking“ erhielt 2025 von der Stiftung Buchkunst eine Auszeichnung in der Kategorie „Wissenschaftliche Bücher“. Der DAM Architectural Book Award folgte als eines der schönsten Architekturbücher 2025. Eine Ausstellung hierzu im Bregenzerwald folgt.

Einmischen in städtische Debatten um Baukultur

Neben derlei Arbeiten im historischen Bestand mischen sich Bauer und seine Mitstreitenden in aktuelle Stadtdebatten ein: da sind Stadtlücken-Projekte als Experimentierfeld am Österreichischen Platz oder zur Ideenfindung im Projekt „St. Maria als“. Und da sind Vorschläge für das Weiterleben des Kaufhofgebäudes in der Eberhardstraße. Er machte in Form eines „Märchens der Zwischennutzung“ 2024 einen Vorschlag und verschickte es an zahlreiche Entscheiderstellen in der Stadt.

Reaktionen? „Keiner hat reagiert, „daher müssen wir manches an anderen Orten diskutieren und von außen wirken lassen.“ Was in der Heimat nicht gehört wird, wird überregional wahrgenommen. Das auch als 1,2 Meter großes Modell des Kaufhauses gebaute „Märchen“ ist Teil einer Wander-Ausstellung und in dem Buch „Baustelle Transformation“ (Jovis Verlag) des DAZ Deutschen Architekturzentrums in Berlin aufgenommen.

Architekturideen propagieren, die Räume für die Zukunft eröffnen, auch das ist eine wichtige Aufgabe, um eine Stadt für die Menschen lebenswerter zu machen. „Und so geschah das Märchen“, schreibt Sascha Bauer. „Aus einem traurigen und baufälligen Leerstand wurde ein pulsierendes Zentrum für Kultur, Kreativität und Gemeinschaft.“ Städten wie Stuttgart mit ihrer schmerzhaften Abrissgeschichte täte es nicht schlecht, derlei „märchenhafte“ Ideen für ein umgebautes Happy End ganz realistisch zu bedenken.

Eindrücke von Sascha Bauers Projekten in der Bildergalerie.

Info

Laufbahn
Auf die Ausbildung zum Schreiner (2004-2007) folgte das Studium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, Sascha Bauer absolvierte den Bachelor und Master in Architektur (2008-2014). Er erhielt ein DAAD-Stipendium, machte zusätzlich seinen Master in „Urban and Cultural Heritage“ an der University of Melbourne, Australien – „eine Erfahrung, die meinen Blick auf internationale Perspektiven des Bauens im Bestand und des städtebaulichen und architektonischen Kulturerbes schärfte“, sagt Sascha Bauer. Neben der Berufung in den BDA 2022 ist er in der Lehre tätig: „Ich möchte die Studierenden für einen mutigen und nachhaltigen Umgang mit Bestand und zirkulären Betrachtungsweisen begeistern.“

Büro
2018 gründete Bauer das STUDIO CROSS SCALE in Stuttgart, er arbeitet aktuell mit einem Team von 12 Kolleginnen und Kollegen an Projekten im Bereich der Bestandstransformation und des zirkulären Bauens.