Die Dating-Szene ist ein Schlachtfeld – darin sind sich die Teilnehmer des Dating-Events im Chinaski Club einig. Auf Dating-Apps mit einem Swipe entscheiden, ob die Person auf dem Bildschirm zu einem passe oder nicht, Unmengen an Nachrichten schreiben und dann keine Antwort bekommen – viele haben davon genug. „Swiping-Burnout“ nennt sich dieser Zustand: die Erschöpfung durch Dating-Apps, unter der viele der rund 150 Singles leiden, die sich an einem Donnerstagabend im Frankfurter Club Chinaski versammelt haben.
Sie alle versuchen, ihr Glück in der Liebe abseits von Apps zu versuchen. Am Eingang erhält jeder von ihnen eine „geheime Mission“: einen Zettel mit einer Aufgabe, die im Laufe des Abends erfüllt werden soll. „Bringe jemanden dazu, dir auf seinem Handy ein Bild eines exotischen Tieres zu zeigen“, lautet eine davon. Das Gegenüber darf dabei nicht merken, dass es Teil einer Mission ist. Die Idee dahinter: Hemmschwellen abbauen und Gespräche anstoßen.
„Ich habe einfach keinen Bock mehr zu swipen“, sagt Simone, die an diesem Abend teilnimmt und ihren Nachnamen nicht nennen will. Die Zweiundvierzigjährige hat bereits zahlreiche Apps ausprobiert, um Männer kennenzulernen. „Tinder ist so niveaulos, das habe ich inzwischen gelassen“, sagt sie. Von der Veranstaltung hat sie über eine Werbung auf Instagram erfahren. Eigentlich lebt Simone in Österreich, ist aber vorübergehend in Frankfurt. Das Event scheint ihr eine gute Gelegenheit zu sein, um das Frankfurter Nachtleben kennenzulernen, neue Kontakte zu knüpfen – und vielleicht sogar den Partner fürs Leben zu finden.
Bis vor zwei Jahren sei sie in einer langfristigen Beziehung gewesen. Danach habe sie mit einigen Männern kurzzeitige romantische Bindungen gehabt. „Ich liebe das Singleleben“, sagt sie, betont aber zugleich, dass sie sich wieder eine feste Beziehung wünsche. In Frankfurt sei sie offen für vieles: Die große Liebe zu finden wäre schön, aber auch ein unverbindlicher Flirt sei für sie in Ordnung.
Schnell im Gespräch: Auf einem Dating-Event weiß man, dass das Gegenüber Single und auf der Suche ist. So ist die Hemmschwelle geringer, jemanden anzusprechen.Janek Stempel
Die Frustration mit Dating-Apps ist ein Gefühl, das an diesem Abend viele der Teilnehmer teilen. „Man verschwendet so viel Zeit damit“, sagt Flo, der seinen Nachnamen ebenfalls nicht nennen will. „Ich gebe mir immer viel Mühe mit meinen Nachrichten auf diesen Apps. Meistens kommt dann aber irgendwann keine Antwort mehr zurück.“ Flo kommt ursprünglich aus den USA und hat dort für das Militär gearbeitet. Nun wohnt und arbeitet er in Wiesbaden. „In Amerika ist Daten schneller. Es ist viel leichter, jemanden anzusprechen und ein erstes Treffen auszumachen. In Deutschland sind die Menschen zurückhaltender“, fasst er seine Erfahrungen zusammen.
Offline-Dating-Events als Alternative zu Dating-Apps?
Auch Can, der zusammen mit einem Arbeitskollegen zu dem Event gekommen ist, setzt keine Hoffnung mehr in Dating-Apps. Er ist 33 Jahre alt und seit mehr als zehn Jahren Single. Die meisten Unterhaltungen, die er auf Dating-Apps geführt habe, verliefen sich ins Leere. „Menschen im echten Leben kennenzulernen, ist viel besser als online“, sagt er. Gelegentlich spreche er auch Frauen auf der Straße an, erfolgreich sei er damit aber selten. Im Chinaski wisse er, die Frauen, die er anspricht, seien Single und potentiell interessiert.
Die Veranstaltung im Chinaski wird von „Thursday“ (deutsch: Donnerstag) organisiert, einem Unternehmen aus Großbritannien, das inzwischen in rund 150 Städten weltweit Events für Singles veranstaltet. Beworben werden sie als Alternative zu klassischen Dating-Apps. In Frankfurt übernimmt Mai Nguyen die Organisation. Sechs bis acht solcher Abende finden jeden Monat statt, jeweils mit unterschiedlichen Konzepten.
Die Frau, die die Frankfurter Dating-Szene rettet: Mai Nguyen ist die Hauptorganisatorin der Thursday-Events in Frankfurt.Janek Stempel
Hauptberuflich arbeitet die Einunddreißigjährige als Flugbegleiterin, nachts will sie die Frankfurter Dating-Szene revolutionieren. „Menschen haben Dating-Apps inzwischen einfach satt, gleichzeitig spricht man fremde Menschen in Bars kaum noch an“, sagt Nguyen. Es brauche deshalb Veranstaltungen, bei denen Singles gezielt andere Singles kennenlernen können. Nguyen selbst begann kurz nach dem Start von Tinder, die App zu nutzen. „Das muss etwa 2013 gewesen sein“, sagt sie. Die Hauptzielgruppe der Thursday-Events sind Menschen zwischen 25 und 35 Jahren, für die Dating fast ausschließlich über Apps stattgefunden habe. Für sie sind diese Offlineveranstaltungen daher etwas völlig Neues.
Beim Ticketverkauf werde darauf geachtet, dass es weder einen Überschuss an Frauen noch an Männern gibt. Etwa einmal im Monat findet zudem eine „Queer Night“ für nicht heterosexuelle Menschen statt. Die meisten Events werden donnerstags veranstaltet – ganz nach dem Konzept des Unternehmens. Ursprünglich startete „Thursday“ als Dating-App, die ausschließlich donnerstags nutzbar war. Dadurch, so Nguyen, seien die Nutzer stärker unter Zugzwang gewesen: Durch die begrenzte Zeit musste man der anderen Person schneller zurückschreiben. Ghosting – also das kommentarlose Abbrechen von Gesprächen – kam seltener vor als auf herkömmlichen Dating-Apps.
Das Unternehmen verlagerte sein Konzept jedoch schnell auf reale Begegnungen. In Frankfurt sind die Veranstaltungen laut Nguyen sehr erfolgreich, die meisten seien ausverkauft. Im Februar feiert „Thursday“ hier sein einjähriges Jubiläum. Es gebe Menschen, die zu mehreren Events kamen und dann nicht mehr aufgetaucht seien. „Ich hoffe, das bedeutet, dass sie die große Liebe gefunden haben“, sagt Nguyen lachend.
Frankfurt sei eine schwierige Stadt zum Daten, sagt Nguyen. „Für mich ist es hier ähnlich wie in New York: Man kann schnell Leute kennenlernen, aber die Menschen sind wahnsinnig schlecht darin, Beziehungen zu führen.“ Viele hielten sich ihre Optionen offen, suchten ständig nach jemandem, der noch besser passe – und entschieden sich am Ende für niemanden. Für das Daten in Frankfurt hat Nguyen dennoch ein paar einfache Ratschläge. Entscheidend sei vor allem Offenheit. Man solle nicht zu oberflächlich sein und sich nicht sklavisch an einer Checkliste orientieren, in der das Aussehen oder der Beruf wichtiger als der Mensch dahinter sei. „Frankfurt ist auch ein bisschen elitär, mit dem Bankenviertel und den vielen karriereorientierten Menschen“, sagt sie. Das führe dazu, dass viele besonders wählerisch seien und Menschen vorschnell aussortierten. Der wichtigste Ratschlag, den Nguyen mitgeben will: „Kommt zu unseren Events.“