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Eintracht Frankfurt hat sich in eine tiefe Krise manövriert. Und setzt nun alles auf eine Karte: Trainer Albert Riera.
Frankfurt – Als Eintracht Frankfurt und Bayer Leverkusen in der vergangenen Saison aufeinandertrafen, wirbelte Hugo Ekitiké noch im Dress der Hessen und Florian Wirtz in dem der Rheinländer. Inzwischen machen beide Wunderknaben gemeinsame Sache, bei einem der ruhmreichsten Vereine der Welt, dem FC Liverpool. Am Samstag zerlegten sie in Gemeinschaftsproduktion Newcastle United, 4:1 nach 0:1-Rückstand. Ex-Eintracht-Stürmer Ekitiké machte zwei Tore, eines aufgelegt von Florian Wirtz, der ebenfalls noch ins Schwarze traf. Ekitiké steht jetzt bei zehn Premier-League-Treffern, 15 insgesamt. Herausragend.
Das war‘s mit der Aufholjagd: Ellyes Skhiri sieht Gelb-Rot. © Marc Schüler/dpa
Im Waldstadion spielten fast zeitgleich die Ex-Klubs gegeneinander, und ja, es war ein Spiel ohne Zauber, Magie und Finesse. Ein vorhersehbares 3:1 für Bayer Leverkusen gegen eine krisengeschüttelte Eintracht. Kaum vorstellbar, dass Ekitiké vor wenigen Monaten noch den Adler auf der Brust trug. Er ist einfach so viel besser als alle anderen. Absurd, dass viele sogenannte Experten ihn anfangs als „Gaukler“ brandmarkten. Was für eine Groteske.
Sünder Skhiri auf Abschiesdstour
Intern waren sie bei der Eintracht schon immer der Überzeugung, den besten Stürmer seit Tony Yeboah auf dem Platz zu haben, und sie hätten Ekitiké, dessen war sich die Sportliche Leitung sicher, im Sommer 2026 locker für 150 Millionen Euro verkaufen können. Doch wer Bilanzen lesen kann, der weiß: Es drückte vorne und hinten, Ekitiké musste schon ein Jahr früher gehen. Für 95 Millionen. Auch keine Peanuts.
Wie sehr der Franzose den Unterschied gemacht hat, ist in den zurückliegenden Monaten und erst recht in den vergangenen Wochen zu bestaunen gewesen. Die Eintracht ohne Ekitiké – und Omar Marmoush – ist nicht mehr die Eintracht von vor einem Jahr. Das ist nun keine neue Erkenntnis. Wird aber von Woche zu Woche deutlicher. Und mündet im Februar dieses Jahres fast schon in einem Fiasko.
Von Mallorca nach Frankfurt – Die außergewöhnliche Reise des Albert Riera
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Die beiden Extrakönner haben so viele Schwächen der Mannschaft übertüncht und sie einfach auf ein anderes Niveau gehoben. Eine Mannschaft, die jetzt völlig verunsichert ist, bei der gar nichts mehr geht. Gegen Leverkusen zeigte sie abermals eine erschütternde erste Hälfte und eine zweite, in der man tatsächlich die Moral loben kann. Das war’s aber auch schon.
Ellyes Skhiri machte mit seiner völlig sinnlosen Gelb-Roten Karte die Aufholjagd zunichte, Torwart Kaua Santos beendete sie mit einem ebenso sinnlosen Pass auf Arthur Theate, der den schwierig zu kontrollierenden Ball verlor, ab dafür, 1:3. Und Ende. Die vierte Pleite in Serie. Zeit für einen erneuten Torwartwechsel. Und für einen neuen defensiven Mittelfeldspieler, der auf jeden Fall am Montag anheuern soll, womöglich Sergi Altimira von Betis Sevilla. Für Skhiri ist das dann auch die Abschiedstournee in Frankfurt.
Markus Krösche hofft auf Neuanfang unter Albert Riera
Die Eintracht ist am Nullpunkt angekommen. Und startet wieder bei Null. Am Montag mit dem neuen Hoffnungsträger Albert Riera. Ob der feurige Spanier auch als Wunderheiler taugt? Fakt ist: Auf den 43-Jährigen wartet ein Haufen Arbeit. Und man darf gespannt sein, ob der aus Slowenien kommende Fußballlehrer so schnell in die Köpfe der Spieler vordringt, ob er sie mental aufforsten kann.
Und auch, wie das Ensemble mit der sehr direkten und fordernden Art Reiras umgehen wird. Es wird ein anderer Wind wehen, ein anderer Ton herrschen. Rauer. Allemal. Ob das nach dem auf Ausgleich bedachten Dino Toppmöller verfängt? Kann derzeit niemand seriös beurteilen. „Er muss das Negative aus den Köpfen bekommen“, sagt Sportvorstand Markus Krösche. „Er muss Selbstverständnis und Überzeugung reinbekommen, auch in der Art und Weise, wie wir Fußball spielen wollen.“
Die Zeit drängt. Die Eintracht braucht dringend ein Erfolgserlebnis. Der Zug nach oben ist so gut wie abgefahren, außer der neue Trainer würde direkt eine Serie starten, wofür jetzt nicht so wirklich viel spricht. „Die Situation ist beschissen“, sagt Mario Götze und findet generell: „Wir brauchen uns in unserer Lage nicht über Tabellenplätze zu unterhalten, das steht uns nicht zu.“ Die gute Nachricht ist: Die Hessen haben eigentlich zu viele Punkte, um noch auf der anderen Seite des Tableaus in Gefahr zu geraten. Eigentlich.
Experiment Schmitt kläglich gescheitert
In diesem Jahr lief so ziemlich alles gegen die Frankfurter, was gegen sie laufen kann. Wobei davon das meiste sehr wohl hausgemachte Probleme sind: die Flut an Gegentoren, die Trennung von Chefcoach Dino Toppmöller, die Installation von Interimstrainer Dennis Schmitt – alles gravierende Einschnitte, die alle vermeidbar gewesen wären. Aber natürlich auch kausal zusammenhängen. Ohne die vielen Einschläge wäre Dino Toppmöller heute noch Trainer und also nicht Dennis Schmitt und am Montag Albert Riera.
Die Spieler sind Toppmöller bis zum Schluss gefolgt, und mit ziemlicher Sicherheit wären die letzten vier Spiele nicht allesamt verloren gegangen, hätte der 45-Jährige weiterhin die Verantwortung getragen. Toppmöller hat gleichwohl ein unfittes Team hinterlassen. Markus Krösche hat zudem in Dennis Schmitt auf den falschen Übergangstrainer gesetzt. Der 32-Jährige hat kaum Akzeptanz im Team und scheute sich, die ausgetrampelten Pfade seines Vorgängers zu verlassen. So bleibt die Episode eine unglückliche für ihn selbst und auch für den Verein. Markus Krösche hat wertvolle Zeit verschenkt und vier Spiele fahrlässig hergegeben. Jetzt setzt er alles auf die Karte Albert Riera. Joker hat er keine mehr.