Er hat wieder einmal Schlagzeilen gemacht. Diesmal indirekt. Drei Wochen lang haben Anwohner in Kiel-Wellsee demonstriert, weil Christian B. (49), weltweit bekannt als Verdächtiger im Fall „Maddie“, ein Waldstück ihrer Siedlung zu seinem Zuhause gemacht hat.

Nun hat Christian B. seinen Unterschlupf geräumt. Und sich dabei von unserer Redaktion begleiten lassen – weil er den Menschen, die gegen ihn protestiert haben, etwas sagen möchte.

Achteinhalb Jahre nur Betonwände gesehen

„Ich habe achteinhalb Jahre nur Betonwände gesehen. Für mich war es hier im Wald selbst im Winter schön. Es gibt so viele Geräusche, so viel Leben.“ So beschreibt Christian B. seine Zeit in Wellsee, und es ist zu spüren, dass ihn der erzwungene Abschied ärgert.

„Ich habe achteinhalb Jahre nur Betonwände gesehen. Für mich war es hier im Wald selbst im Winter schön. “

Christian B.

Verdächtiger im Fall „Maddie“

Diesen Ort, das kleine Zelt mit dem Pavillon darüber, davor sauber aufgestapelt Feuerholz, hat er als sein Refugium verstanden, geschaffen mit den eigenen Händen. Er greift nach einem Beutelchen mit Vogelfutter, ein wenig ist davon noch übrig. Das streut Christian B. dorthin, wo, wie er sagt, immer ein Rotkehlchen entlanghüpft. An den Wall aus Ästen und Brombeerzweigen, der sein Lager vor Blicken schützen sollte.

„Hier im Wald“, sagt er, „hatte ich immer was zu tun, selbst wenn es nur Holz sammeln war.“ Er zeigt, wo der kleine Ofen gestanden hat, der den Pavillon erwärmte und auf dem er gekocht hat.

Anwalt: „Die Sorgen und Nöte der Bürger sind irrational“

Demonstriert wurde oben an der Straße, nur ein paar Schritte entfernt. „Wir haben Angst als Anwohner, das ist einfach so“, sagte eine Frau TV-Reportern. Haustüren würden jetzt abgeschlossen, Kinder nicht mehr unbeaufsichtigt rausgelassen, erklärte ein Protestler.

Christian B. (49) im Landgericht Braunschweig. Nach seiner Freilassung im September zog er nach Schleswig-Holstein.
Archivfoto: Julian Stratenschulte

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Der Kieler Rechtsanwalt Philipp Marquort, der Christian B. vertritt, versuchte zu schlichten, betonte: „Mein Mandant wird rund um die Uhr von der Polizei bewacht, darüber hinaus hat er eine elektronische Fußfessel. Die Sorgen und Nöte der Bürger sind, was das angeht, irrational.“

Menschlichkeit und christliche Werte?

Die Worte verhallten. Heiko Hamann, der die Bürgerproteste mit organisiert hat, erklärte in den „Kieler Nachrichten“: „Durch die Berichterstattung hat man natürlich ein bestimmtes Bild im Kopf.“

Christian B. sagt dazu: „Am liebsten wäre den Menschen wohl, wenn ich tot wäre. Aber ist das Menschlichkeit, sind das christliche Werte? Ich kann diese Kälte nicht verstehen, wenn jemand am Boden liegt, auch noch draufzutreten.“ Und er fügt hinzu: „Die Demonstranten, meist ältere Damen und Herren, sollten eigentlich honorieren, dass ich mich hier korrekt verhalten habe.“

Untrennbar mit dem Fall „Maddie“ verbunden

Wie jeder entlassene Häftling hat auch Christian B. ein Recht auf Resozialisierung. Doch seit 2020 im Zuge der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Braunschweig öffentlich wurde, dass er verdächtig ist, die 2007 in Portugal verschwundene Madeleine McCann entführt und ermordet zu haben, ist sein Name untrennbar mit dem Fall „Maddie“ verbunden.

Madeleine McCann, von den Medien „Maddie“ genannt, verschwand im Mai 2007 aus einem Ferienappartement in Praia da Luz (Portugal).
Archivfoto: Metropolitan Police

Madeleine McCann, von den Medien „Maddie“ genannt, verschwand im Mai 2007 aus einem Ferienappartement in Praia da Luz (Portugal).Icon MaximizeIcon Lightbox Maximize

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Medial im Dauerfeuer zu stehen, unschöne Wahrheiten oder Unwahrheiten über sich zu hören, kann selbst Profis zermürben: Superstars, Spitzensportler oder Politiker. Christian B. ist nichts davon.

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„Ohne Beweise zum Verdächtigen gemacht“

Das solle man bitte nicht schreiben, sagt er oft, wenn Antworten einen kurzen Moment Einblick in sein Seelenleben, seine Befindlichkeit geben. Er glaubt, dass es in der Öffentlichkeit ein Bild von ihm gibt, das so klar und eindeutig ist, dass es fast sinnlos erscheint, dagegen anzukämpfen. Trotzdem will er reden.

Die Staatsanwaltschaft habe seinen Mandanten im Fall „Maddie“ zum Verdächtigen gemacht, ohne Beweise vorzulegen, was mit der Unschuldsvermutung nicht vereinbar sei, erklärt Rechtsanwalt Marquort. Und Christian B. antwortet auf die Frage, ob er noch mit einer „Maddie“-Anklage gegen ihn rechnet, dies werde nicht passieren. Weil er unschuldig sei.

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Die Stationen von Christian B. in Schleswig-Holsteingrößer alsGrößer als Zeichen

Nach seiner Freilassung im September 2025 ist Christian B. in eine Wohnung in Neumünster gezogen. Die Adresse wurde in sozialen Netzwerken veröffentlicht, weshalb Christian B. sie nach zehn Tagen fluchtartig und geschützt von Polizisten wieder verlassen hat. Es folgten mehrere Stationen in Kieler Hotels, deren Chefs ihn wegen der sichtbaren Polizeipräsenz aber schnell wieder herauskomplimentierten.

Die Stadt quartierte Christian B. danach in einem Wohncontainer an einem Kriminalitätshotspot ein, wo er sich bedroht fühlte, weshalb er mit einem Zelt auf verschiedenen Grünflächen in Kiel campierte, bis er vor zwei Monaten in dem Waldstück in Kiel-Wellsee sein Lager aufschlug.

Eine lange Strafakte

Fakt ist: Seine Zeit in Portugal überschneidet sich mit dem Verschwinden des britischen Mädchens, das seit 19 Jahren ungeklärt ist. Ebenso schwer in die Waagschale fällt für die Ermittler seine Strafakte mit Urteilen zu Vergewaltigung, Kindesmissbrauch und Kinderpornografie.

Ein Gutachter stufte ihn zuletzt in die „absolute Topliga der Gefährlichkeit“ ein, eine Fallkonferenz zu seiner Freilassung sah das Risiko „weiterer Sexualstraftaten zum Nachteil weiblicher Personen jeglichen Alters“. BKA-Profiler beschrieben ihn als Psychopathen mit charismatischer Ausstrahlung.

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Christian B. verärgern diese Zuschreibungen sichtlich: Die Ermittlungsbehörden hätten sich bei der Suche nach dem Mörder von Madeleine McCann fälschlicherweise auf ihn fixiert.

Christian B. hätte sich Gespräche mit Demonstranten gewünscht

Er hat den Drang, sich zu erklären, all die unwahren Behauptungen, die ehemalige Weggefährten gegenüber der Polizei gemacht hätten, auszuräumen. Geht dabei tief ins Detail, hat auf jede Frage eine plausible Antwort. Das alles aber bitte nicht schreiben.

„Die Stimmung hat sich aufgeheizt, ohne dass jemand mit mir geredet hat.“

Christian B.

Verdächtiger im Fall „Maddie“

Er klaubt den Schlafsack aus dem Zelt, stopft drei Jacken in eine Tasche, das kleine weiße Tischchen muss auch noch mit. „Die Stimmung hat sich aufgeheizt, ohne dass jemand mit mir geredet hat“, sagt B. über seine Situation. „Es hätte mich gefreut, wenn die Demonstranten das Gespräch mit mir gesucht hätten.“

Das neue Zuhause von Christian B.

Am Ende stand nur Kiels Sozialdezernent Gerwin Stöcken vor dem Zelt. Und kurz darauf erklärte die Stadtverwaltung per Pressemitteilung, „dass Christian B. das Angebot einer neuen Unterbringung angenommen hat“. Was es freiwillig klingen lässt.

Das neue Zuhause ist spartanisch eingerichtet. Ein Bett, ein Stuhl, ein Tisch. Kein Schrank. „Auch eine Dusche gibt es nicht, das Klo ist separat, das warme Wasser am Waschbecken funktioniert nicht“, sagt Christian B. und zieht ein Fazit: „Hier habe ich weniger als im Knast. Es ist totale Isolation, gleichzeitig überwacht von Kameras, von denen ich nicht weiß, wer Zugriff darauf hat.“

„Maddie“-Verdächtiger Tag und Nacht bewacht

Unwillkürlich stellt sich die Frage, wie lange man selbst das aushalten könnte. Auch die Rund-um-die-Uhr-Bewachung durch Beamte in Zivil, von der die Polizei betont, sie diene auch dem Schutz von Christian B. selbst.

Nach dem Treffen mit dem Reporter schreibt er in einer E-Mail: „Natürlich bin ich gestern Abend noch festgenommen worden, ab aufs Revier und kurze Zeit später durfte ich wieder gehen.“ Eine Begründung habe es nicht gegeben.

Wie soll es weitergehen?

Es gibt nur einen einzigen Menschen auf der Welt, der sagen kann, ob die staatlichen Maßnahmen gerechtfertigt sind oder nicht. Das ist Christian B. selbst. Wer er wirklich ist, kann ein kurzer Besuch nicht ausloten, doch eine Sache vermittelt er glaubhaft: seine Sehnsucht nach einem Neuanfang, einer Perspektive für sein Leben.

Wie soll es weitergehen, möchte er einmal wieder arbeiten? „An der Supermarktkasse geht wohl nicht“, antwortet er. Doch ein Leben als Künstler könne er sich vorstellen. „Schon im Gefängnis habe ich für Mithäftlinge Porträts gezeichnet.“

Ja, es gibt Zukunftspläne. Sie klingen vernünftig. Darüber berichtet werden soll noch nicht, Christian B. gibt dem Reporter mit: „Besser wäre es zu schreiben, dass ich völlig planlos bin.“