Die Partie war vorüber, Mainz-Trainer Urs Fischer hatte die Fäuste, die er zwecks Jubels geballt hatte, wieder geöffnet, da rief sein Leipziger Kollege Ole Werner die Mannschaft zusammen. Und fand, wie RB-Kapitän David Raum später berichten sollte, die richtigen Worte. Welche das waren? Im Detail behielt er das für sich; gemessen an den Äußerungen, die von den Leipzigern im Nachgang an das 1:2 (1:1) gegen den 1. FSV Mainz 05 getätigt wurden, muss es eine Aufforderung zur Selbstgeißelung gewesen sein, die erhört wurde.
Man hörte förmlich, wie Willi Orban die Gerte im eigenen Rücken knallen ließ, als er davon sprach, er habe an dem „mit Abstand schlechtesten Spiel in dieser Saison“ teilgenommen. „Wir müssen aufwachen!“, mahnte wiederum Raum. Und klang, als er ausführte, dass man „Dinge ansprechen, schauen, dass wir wieder klarer werden und wieder Spiele gewinnen, Punkte holen“ müsse, derart gehetzt, dass man fürchten musste, er trüge im Stile eines Numerariers des Opus Dei Nägel in der Kleidung. Auch Trainer Werner selbst stand ihm in Härte gegen sich in nichts nach: „In den ersten 60 Minuten hat es heute wirklich an allem gefehlt“, urteilte er; seine Mannschaft habe gar nicht auf dem Platz gestanden. Was in Summe ein nachvollziehbares mea culpa war, andererseits aber wegen der Ichbezogenheit ein kleines, entscheidendes Detail unterschlug: wie gut Mainz Fußball gespielt hatte.
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SZ PlusVon Sebastian Fischer
Seit Anfang Dezember ist Urs Fischer Trainer bei den Mainzern, in sieben Bundesligaspielen hat die Mannschaft seither zwölf Punkte gesammelt und den letzten Tabellenplatz hinter sich gelassen. Zum Vergleich: RB Leipzig hat im gleichen Zeitraum nur sieben Zähler aufzuweisen. Um den zweiten Platz wiederzuentdecken, den RB noch Anfang Dezember belegte, brauchen die Leipziger zwar nicht den zu zehnfacher Vergrößerung fähigen Feldstecher mit 60mm-Objektiv-Durchmesser, wohl aber ein Opernglas. Mainz hingegen? Stemmt sich gegen allzu pointierte Schlussfolgerungen aus einer Serie, die notwendigerweise zur Zuversicht verführen muss. „Wir haben den Anschluss hergestellt, mehr nicht“, brummte Fischer.
Es wäre gar nicht so schwer gewesen, dem Understatement zu widersprechen. Die ersten 60 Minuten der Mainzer straften eine ganze Kaste an Bundesliga-Managern Lügen, die Fischer bewusst oder unterbewusst als Trainer abgespeichert hatten, der nur in bestimmten Milieus funktioniert. Es hat seit dem Abschied Fischers im November 2023 mehr als 20 Trainerwechsel in der Bundesliga gegeben; ernsthaft angesprochen wurde Fischer nie, zeitweise war in seiner Umgebung zu hören, dass er vielleicht doch wieder in die zweite Liga gehen würde.
Urs Fischers Taktik entschlüsselt Leipzigs Bemühungen
Das war erstaunlich, weil Fischer ausweislich seiner Vita und trotz der fürchterlichen Serie am Ende seiner Union-Zeit nachgewiesen hat, so etwas wie das Schweizer Messer unter den Trainern zu sein: Seine Mannschaften haben Titel geholt, sind aufgestiegen, haben Klassen gehalten, verlässlich Ziele erreicht, in der Champions League Würde gezeigt und: durchdacht Fußball gespielt. Und letzteres tat Mainz auch in Neukloppoland; allerdings nicht unter den Augen des Ex-Mainzers Jürgen Klopp, sondern der neuen CEO Tatjana Haenni.
Sie sah auf der Ehrentribüne, wie Mainz dominant und kultiviert spielte; wie das FSV-Mittelfeld mit Kaishu Sano, Nadiem Amiri und Jae-Sung Lee in den ersten 60 Minuten mehr Ideen entwickelte als Leipzig in der gesamten Spielzeit. Gleichzeitig nahmen die Mainzer dem Leipziger Umschaltspiel durch Kompaktheit jede Spitze. Es war die Frucht taktischer Arbeit Fischers. „Wir machen das Feld gut eng“, referierte Stefan Bell nach seinem 300. Bundesligaspiel und gab ein Beispiel: Man erreiche durch gezielte Angriffe auf seitliche Pässe und Rückpässe der Gegner eine gute Mittelfeldhöhe, schiebe gut nach, und das führe in der Summe dazu, dass man den Gegner in die eigene Hälfte drängt.
Dass Leipzig durch Harder in Führung ging (40.), folgte allenfalls der Logik der Transfermarkt-Werte (Leipzig 405, Mainz 145 Millionen Euro), nicht aber dem Spielverlauf. Dem Umstand, dass Amiri den weder unbedingt zwingenden noch absurden Foulelfmeter von David Raum an Philipp Tietz verwandelte (45.+6), wohnte daher auch eine Form von poetischer Gerechtigkeit inne. Das Siegtor von Leihangreifer Silas (49.) war hingegen so etwas wie Poesie in Bewegung: Silas legte erst die Hüftsteife von Leipzigs Orban bloß, konnte sich dann bei Seiwald und Baku dafür bedanken, dass sie ihn bloß eskortierten und nicht attackierten, was dazu führte, dass sich Leipzigs Torwart Peter Gulacsi verraten und verkauft fühlen musste.
Und ja: Leipzig dominierte in der Schlussphase, ein Pfostentreffer von Rômulo (62.) nach Hereingabe von Yan Diomande wirkte wie ein Fanal. Doch das lag in erster Linie daran, dass Mainz, wie Fischer später beklagen sollte, einen Schritt zurück tat – und Ole Werners Leipziger die Bälle im Zweifel und verzweifelt lang und hoch und weit Richtung Strafraum droschen. Es blieb beim 2:1, was vordergründig daran lag, dass die Mainzer Mannschaft „das Tor schützte mit allem, was sie hatte“, so Fischer. Und hintergründig daran, dass sie unter diesem Trainer bestens weiß, was sie kann und will.
