Es ist ein kalter Februartag im Jahr 1993, als dem Stuttgarter Gerd Breitfeld von einer Sekunde auf die andere der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Das Datum, der 18. Februar, ein Donnerstag, hat sich fest eingebrannt bei ihm. Im Gesundheitsamt erhält der damals 33-Jährige das Testergebnis: HIV-positiv. „Damit hatte ich absolut nicht gerechnet“, erinnert er sich, „es war ein Schock.“

In den deutschen Charts steht zu dieser Zeit Haddaway auf Platz eins mit „What Is Love“. Im Radio wird das Lied rauf und runter gespielt. Aber was versteht Haddaway von Liebe? Breitfelds Fragen tun weh: Wie verdammt gefährlich kann Liebe sein? Kann körperliche Nähe ein Leben zerstören?

Auf dem Heimweg kreisen die Gedanken unaufhörlich. Wie lange kann ich noch arbeiten? Wie lange werde ich leben? Erst ein Jahr zuvor hatte er eine Eigentumswohnung gekauft. Wie zahle ich die Schulden ab, wenn ich krank werde? Noch am selben Tag geht er in eine Buchhandlung, kauft alles, was er über Aids finden kann. Wissen als erste Strategie gegen die Angst. Wissen wird zu seinem ersten Halt – ein bisschen Kontrolle in einer Situation, in der nichts mehr kontrollierbar scheint.

Gerd Breitfeld in den 199oern. Foto: privat HIV in den 90ern: Viele Schwule sind noch keine 30, als sie sterben

Damals gilt die Diagnose für viele als Todesurteil. Aids ist in dieser Zeit allgegenwärtig, die Bilder aus den 80er- und frühen 90er-Jahren sind geprägt von Siechtum und frühem Tod. Viele Schwule sind noch keine 30, als sie sterben. Breitfeld behält die Diagnose für sich. „Mir war wichtig, dass am Arbeitsplatz niemand davon erfährt. Ich hatte Angst vor unabsehbaren Folgen.“ Selbst Freunde und Familie weiht er nicht ein. Nur die behandelnden Ärzte wissen Bescheid – und später sein Partner. „Meinem jetzigen Mann habe ich gleich bei unserem Kennenlernen von meinem HIV-Status erzählt.“

Um ein Foto aus den 1990ern haben wir ihn für diesen Artikel geben, also aus jenen Jahren, als er lernen musste, mit der Krankheit zu leben. „Es war schwer, Fotos aus dieser Zeit zu finden“, sagt er, „denn ich dachte damals, wozu soll ich all die Fotos aufbewahren für die wenige Zeit, die mir noch bleibt.“

Nach der HIV-Diagnose plagt die Frage: Warum trifft es ausgerechnet mich?

Damals hatte er vor allem eine Frage im Kopf: Warum trifft es ausgerechnet mich? Im Freundeskreis habe er doch stets immer zur Vorsicht gemahnt. Und dann war er bei einem Sexualkontakt wohl nicht vorsichtig genug. „Ja, ich habe mir Selbstvorwürfe gemacht“, erinnert sich Breitfeld. Die Krankheit, von der alle Angst haben, zwingt ihn zur radikalen Auseinandersetzung mit sich selbst – und später zu einem bewussteren Leben. „Ich habe gelernt, Beziehungen, eigene Wünsche und meine Gesundheit ernster zu nehmen. Und ich habe angefangen, jeden einzelnen Tag als Geschenk zu sehen.“

Halt findet der Diplom-Verwaltungswirt in den ersten Jahren vor allem bei anderen Betroffenen. In Beratungsstellen der Aids-Hilfe, bei der Evangelischen Gesellschaft, in Selbsthilfegruppen. Besonders prägend sind für ihn die Seminare der Akademie Waldschlösschen bei Göttingen. „Das Gefühl, mit diesem Problem nicht allein zu sein und offen sprechen zu dürfen, entlastet enorm.“

Erste Therapie gegen Aids: Von 1997 an schluckt er täglich 16 Tabletten

Breitfeld engagiert sich später viele Jahre in der Aids-Beratungsstelle der Evangelischen Gesellschaft – die im Oktober dieses Jahres ihr Jubiläum feiert – um anderen HIV-Positiven beizustehen, Vorurteile abzubauen und Aufklärung zu leisten. „Diese Arbeit war für mich eine Möglichkeit, Lebensqualität zu schenken und Perspektiven zu eröffnen.“

Medizinisch sind die 1990er-Jahre eine Zeit zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Das erste Medikament AZT weckt große Erwartungen, doch die Nebenwirkungen sind massiv, die Dosierungen zu hoch, Resistenzen entstehen schnell. Der entscheidende Wendepunkt kommt 1996 mit der Vorstellung der hochwirksamen antiretroviralen Kombinationstherapie. Für Breitfeld ist sie lebensrettend.

„Ich war inzwischen schwer erkrankt, im Vollbild Aids“, erzählt er. Von 1997 an schluckt er täglich 16 Tabletten, getaktet von einem Wecker, der Tag und Nacht klingelt. Die Nebenwirkungen sind gravierend: Nierenkoliken, sichtbare Fettverteilungsstörungen, eingefallene Wangen, aufgetriebener Bauch. „Es war ein hoher Preis.“

Diagnose HIV: Heute ist die Viruslast nicht mehr nachweisbar

Heute, fast drei Jahrzehnte später, reicht eine Tablette am Tag. Keine Nebenwirkungen, die Viruslast nicht nachweisbar, keine Infektiosität. „HIV rückt aus dem Zentrum des Lebens heraus“, sagt Breitfeld. Besonders wichtig ist ihm das Gefühl der Sicherheit in Nähe und Beziehungen. „Intimität fühlt sich wieder gleichwertig an, nicht gefährlich.“ Dass gesellschaftliche Bilder und Stigmata langsamer verschwinden als das Virus im Blut, bedauert er. „Ich lebe jetzt schon die Hälfte meines Lebens mit HIV – und ich bin guten Mutes, dass ich noch einige Jahre vor mir habe.“

Die Krankheit kostet ihn dennoch viel. Auch seinen Arbeitsplatz verliert er. Zukunftsängste bestimmen diese Phase, zusätzlich die Frage, wie er den Verlust erklären soll, ohne seine Diagnose preiszugeben. Diskriminierung erlebt er meist indirekt – durch seine ehrenamtliche Arbeit in der HIV- und Aids-Arbeit. „Ich habe gesehen, wie viele Menschen ausgegrenzt wurden.“ Selbst trifft es ihn vor allem im medizinischen Bereich: Ein Zahnarzt weigert sich, ihn zu behandeln. „Er war kreidebleich und meinte, ich hätte ihm die Diagnose HIV-positiv besser nicht sagen sollen.“

Sein HIV-Outing im vergangenen Jahr empfindet er als Befreiung

Heute geht der 66-Jährige bewusst an die Öffentlichkeit. Sein HIV-Outing im Fernsehen Welt-Aids-Tag 2025 empfindet er als Befreiung. „Das Verheimlichen war immer belastend“, sagt er. Der Zuspruch überrascht ihn. Jüngeren möchte er Mut machen – ohne Pathos. „Offenheit ist kein Muss und kein Heldentum. Aber niemand muss sich verstecken. Passt auf euch auf, informiert euch – und lasst euch nicht brandmarken. Das Leben gehört euch.“

Die rote Schleife steht für Solidarität für Menschen mit HIV. Foto: Dedert

Dass HIV heute weniger präsent ist als früher, sieht Breitfeld ambivalent. Gut sei, dass die Krankheit nicht mehr automatisch mit Tod verbunden werde. Gefährlich aber, dass alte Mythen weiterleben und neue Unvorsichtigkeit entsteht. „Viele wissen nicht, was HIV heute wirklich ist.“ Aufklärung und der Kampf gegen Stigmatisierung bleiben notwendig. „HIV-positive Menschen wollen kein Mitleid – sie wollen Gleichwertigkeit.“

HIV und Älterwerden – dieses Thema beschäftigt immer mehr Menschen

Ein Thema gewinnt für ihn zunehmend an Bedeutung: HIV und das Älterwerden. Die Hälfte der HIV-Positiven in Deutschland ist heute über 50, jeder Fünfte über 60. „Viele haben Angst vor Pflegebedürftigkeit, vor Altersheimen, vor Ausgrenzung“, sagt er. Auch Einsamkeit und Begleiterkrankungen nähmen zu. Für sich selbst schließt er klassische Pflegearrangements aus. „Eine WG mit professioneller Unterstützung könnte ich mir eher vorstellen.“

Was bleibt, ist eine leise, aber kraftvolle Botschaft. Gerd Breitfeld ist ein Langzeit-Positiver, ein Überlebender mehrerer medizinischer Epochen, vieler Verluste und falscher Hoffnungen. Dass er heute gut lebt, verdankt er moderner Medizin – und der Entscheidung, trotz aller Zweifel dranzubleiben. Sein Leben ist kein Sieg über HIV, sondern ein Zeugnis dafür, was möglich ist, wenn Angst nicht das letzte Wort behält. Und so macht seine Geschichte jungeren Menschen Mut. Die Krankheit ist noch da, man darf sie nicht verleugnen, kann aber lernen, mit ihr umzugehen.

Wenn Gerd Breitfeld heute den Hit „What Is Love“ von Haddaway hört, spürt er, wie wertvoll jeder Moment seines Lebens ist. Wer einst Angst hatte, es durch Krankheit zu verlieren, kann die Liebe und das Leben jetzt umso intensiver genießen – und mit dieser Freude vielleicht auch die Jüngeren inspirieren.