Schon im 17. Jahrhundert gehörten sie in den Niederlanden zu den Hauptattraktionen von Zirkussen und Jahrmärkten: Löwen aus Afrika. Auf Admiralitäts- und Handelsschiffen trafen sie in den Häfen ein und wurden dann in Käfigen auf Karren von Pferden durchs Land gezogen. Gegen Bezahlung durften Schaulustige sie bestaunen – so wie Akrobaten und Feuerschlucker, Frauen mit Bärten oder siamesische Zwillinge. Es gab damals auch eine Elefantenkuh namens Hansken, die 1633 aus Batavia in Amsterdam eintraf und fast zwanzig Jahre lang in ganz Europa Kunststücke aufführen musste.

Für Künstler waren diese exotischen Tiere interessante Studienobjekte – auch für Rembrandt. Der Amsterdamer Jahrmarkt fand nur einen Steinwurf entfernt von seinem Wohnhaus mit Atelier in der Jodenbreestraat statt, immer drei Wochen im Herbst. Rembrandt hat Hansken mehrmals verewigt, auch sechs Zeichnungen mit Löwen sind erhalten. Die für viele schönste wird am 4. Februar bei So­theby’s in New York versteigert: der „Junge ruhende Löwe”. Das nur 11,5 mal 15 Zentimeter messende Werk ist die letzte der fünfzehn bekannten Tierzeichnungen Rembrandts, die sich noch in Privatbesitz befindet. „Eine Zeichnung von vergleichbarer Bedeutung ist in den letzten fünfzig Jahren nicht auf den Markt gekommen“, sagt Gregory Rubinstein, Leiter der Abteilung für Zeichnungen Alter Meister bei Sotheby’s.

Der Blick schlägt Betrachter in seinen Bann

Rembrandt zeichnete den Löwen, als er selbst Anfang dreißig war; mit energischen Kreidestrichen bannte er ein kraftvolles, stolzes Tier auf das Papier. Konzentriert schaut die Großkatze links am Betrachter vorbei, wo etwas ihre Aufmerksamkeit erregt haben muss. Es ist vor allem dieser Blick, der Betrachter in den Bann zieht – wie den amerikanischen Milliardär und Philanthropen Thomas Kaplan: „Ich sah diese Augen und konnte nur noch darüber staunen, wie Rembrandt einer Raubkatze mehr inneres Leben zu verleihen vermochte als fast jeder andere Künstler einem Menschen“, so der 63 Jahre alte Sammler im Magazin von Sotheby’s.

Trennt sich für einen guten Zweck von seiner Rembrandt-Zeichnung: Sammler Thomas S. KaplanTrennt sich für einen guten Zweck von seiner Rembrandt-Zeichnung: Sammler Thomas S. KaplanSotheby’s

Kaplan, reich geworden durch den Handel unter anderem mit Gold und Silber, hat die Zeichnung zur Auktion eingereicht. Noch ist sie Teil der größten Privatsammlung niederländischer Meister des Goldenen Zeitalters, die der Unternehmer mit seiner Frau Daphne Recanati in den vergangenen zwei Dekaden aufgebaut hat: rund 220 Gemälde und Zeichnungen, darunter Werke von Frans Hals, Jan Steen oder Jan Lievens, dazu ein Jan Vermeer und 17 Gemälde von Rembrandt – so viele besitzt kein anderer Mensch auf der Welt. Nach dem Geburtsort seines Idols hat Kaplan seine Sammlung benannt: The Leiden Collection.

Entfacht wurde Kaplans Liebe zu den niederländischen Altmeistern, als er sechs Jahre alt war und seine Mutter ihn in New York zum ersten Mal ins Metropolitan Museum mitnahm, in den Raum mit den Rembrandts. „Ich kann nicht genau sagen, was mit mir geschah“, erzählte Kaplan im vergangenen Sommer im Amsterdamer H’Art-Museum, wo er eine Schau mit 75 Leihgaben aus seiner Kollektion eröffnete, darunter die Zeichnung des Löwen. „Aber Rembrandt ist ja der Maler, der mit seinem Pinsel unsere Seele zu berühren weiß. André Malraux hat das einmal gesagt. Er muss auch mich berührt haben.“

Der Schutz von Wildkatzen ist seine zweite Passion

Jedenfalls habe seine Mutter dann noch versucht, ihn für moderne Kunst zu begeistern, im Museum of Modern Art. Das aber sei eher eine traumatische Erfahrung für ihn gewesen: „Ich verschränkte die Arme vor der Brust, schüttelte den Kopf und sagte: ,Bring mich zurück zu Rembrandt!‘, da war ich dann wieder glücklich.“ Seine Mutter hat ihn auch mitgenommen ins Amazonasgebiet, um Jaguare zu beobachten. So entwickelte Kaplan seine zweite Passion: die für große Wildkatzen. Um sie und ihren Lebensraum zu schützen, gründete er die Stiftung Panthera.

Kleines Bild mit großem Gewicht: Präsentation von Rembrandts Löwenzeichnung bei Sotheby'sKleines Bild mit großem Gewicht: Präsentation von Rembrandts Löwenzeichnung bei Sotheby’sEPA

Kein Wunder also, dass Kaplan 2005 beim Anblick des „Jungen ruhenden Löwen“ nicht widerstehen konnte. Er erwarb die Zeichnung – seinen allerersten Rembrandt – bei dem New Yorker Kunsthändler Otto Naumann. Doch ausgerechnet von diesem Werk will er sich nun trennen, weil er eigentlich vor allem Gemälde sammelt und er den Erlös der Versteigerung für den Schutz von Wildkatzen einsetzen will. Diese Leidenschaft Kaplans ist offenbar noch größer als die für sein Maleridol. Als teuerste je versteigerte Rembrandt-Zeichnung soll der Löwe im Rahmen der Auktion „Master Works on Paper from Five Centuries“ unter den Hammer kommen. Der Schätzpreis liegt bei fünfzehn bis zwanzig Millionen Dollar.

Für die meisten Kunstliebhaber ist das unerschwinglich. Aber vielleicht haben sie künftig die Möglichkeit, zumindest den Bruchteil eines Rembrandt-Werks zu erwerben. Denn Kaplan ist dabei, seinen Nachlass zu regeln. „Ich habe drei Kinder, aber die haben kein Interesse an materiellen Dingen“, sagt er. Sie hätten ihn daher gebeten, Vorsorge für die Zukunft zu treffen. Deshalb hat er beschlossen, seine Sammlung an die Börse zu bringen. Anteile an ihr sollen als Aktien oder digitale Token handelbar werden. Anleger können also einen Teil eines Werks kaufen, ohne es selbst zu besitzen. Die Mehrheitsanteile will Kaplan behalten. Minerva hat er das Projekt getauft, nach der antiken römischen Göttin der Weisheit und des Kriegs, die auch Rembrandt auf einem seiner schönsten Historienbilder verewigt hat, das gleichfalls Teil der Leiden Collection ist.

„Ein interessantes Investment-Modell“, befand der deutsche Kunstmarktexperte Magnus Resch. Der Kunstberater Jop Ubbens, früherer Direktor von Christie’s in Amsterdam, ist dagegen skeptisch: „Das ist zwar ganz witzig, aber als Investition erscheint es mir etwas unsinnig. Hier geht es vor allem um Emotionen“, meint er. Wobei das Gefühl, zumindest einen klitzekleinen Teil eines Rembrandts oder Vermeers zu besitzen, nicht das schlechteste sein dürfte.