Der vergangene Monat war für viele Iranerinnen und Iraner geprägt von Wut und Protest, vom Vergießen ihres Blutes und vor allem vom Warten. Warten auf den Sturz der Islamischen Republik, warten auf eine ausländische Militärintervention. Viele in der iranischen Gesellschaft setzen enorme Hoffnungen in die Versprechen des US-Präsidenten Donald Trump. Hunderte private Nachrichten habe ich in den jüngsten Wochen aus Iran erhalten. Sie fragen: „Wann wird Trump angreifen?“
Vielleicht ging es an diesem Samstagmittag los. Der US-Flugzeugträger USS Abraham Lincoln hatte in der Vorwoche mit einigen Zerstörern die Einsatzgewässer von Centcom erreicht – dem auch für Iran zuständigen Regionalkommando der US-Streitkräfte. Dann die Schlagzeile: „Explosion in Bandar Abbas.“
Kurz nach der Explosion kamen die unbestätigten Berichte: Admiral Alireza Tangsiri, Kommandeur der Marine der Revolutionsgarden, sei das Ziel eines Präzisionsschlags in Bandar Abbas gewesen. Andere nannten Admiral Shahram Irani, Kommandeur der regulären iranischen Marine, als beabsichtigtes Ziel. Bislang wurde nur einer dieser Vorfälle offiziell bestätigt. Ein von einem lokalen Reporter veröffentlichtes Video zeigte jedoch, dass einer der Verletzten die Uniform der iranischen Strafverfolgungsbehörden trug. Er könnte ein Leibwächter der eigentlichen Zielperson gewesen sein.
Die iranischen Behörden – die seit Langem daran gewöhnt sind, Zahlen und Namen zu verschleiern und zu manipulieren – folgten dem gewohnten Drehbuch: Man bestritt umgehend jegliche Sicherheitsbedrohung und führte den Vorfall auf ein Gasleck zurück. Sie bestätigten lediglich einen Todesfall und vierzehn Verletzte.

Nach der Explosion in Bandar Abbas: War es ein Gasleck, wie das Regime behauptet? Oder doch ein Angriff?
Foto:
Amirhosein Khorgooi/ap
Nach der Nachricht von der Explosion in Bandar Abbas kursierten schnell Berichte über weitere Explosionen in Täbrisz, in Robat Karim-Parand – einer Stadt am Rande von Teheran – und in Qom, einem der religiösen Zentren für schiitische Geistliche. Videos, die sie angeblich zeigten, gingen in den sozialen Netzwerken viral. Keine dieser Explosionen wurde allerdings bislang von offiziellen Stellen bestätigt.
Was die Menschen in Iran über einen Angriff denken
Nach den Berichten über die Explosionen stieg bei manchen in der iranischen Gesellschaft die Hoffnung auf einen Militärschlag gegen die Islamische Republik. Durch die bitteren Erfahrungen im Zuge mehrerer Protestwellen sind viele zu einer düsteren Erkenntnis gelangt: Die menschlichen Kosten eines Militärschlags gegen das Regime wären wahrscheinlich geringer als die Zahl der Todesopfer bei weiteren friedlichen Protesten.
Ich habe zahlreiche Nachrichten von Bürgerinnen und Bürgern aus verschiedenen Städten und Regionen in Iran dazu erhalten. Einer von ihnen schreibt über einen Messengerdienst: Wenn der Krieg beginne, wolle er in Teheran bleiben. „Entweder werde ich getötet, oder wir gewinnen. Aber wenn ich sterbe, sei unsere Stimme. Sag allen, dass wir die Freiheit geliebt haben.“
In Iran herrscht heute eine Art kollektive Betäubung, das Ergebnis der blutigen Niederschlagung der Proteste. Immer öfter funktioniert das Internet wieder, immer mehr erschütternde Bilder und Videos landen in den sozialen Netzwerken: Familien, die die Leichen ihrer Kinder nach Hause bringen, damit die Behörden sie nicht stehlen können. Menschen, die die blutüberströmten Leichen ihrer Angehörigen umklammern. Menschen, die brutal geschlagen oder durch scharfe Munition getötet werden.
Manche schreiben mir, dass sie nur noch zwei Optionen sehen: ein Ende des Regimes oder das Ende des eigenen Lebens.
Ein aus der Haft Entlassener erzählt
Unter den vielen Nachrichten sind auch die von einem jungen Studenten aus Teheran. Er soll hier Saeed heißen, zu seinem Schutz. Er war bereits während der Proteste im Jahr 2019 und erneut während der „Frau, Leben, Freiheit“-Proteste 2022 verhaftet worden. Auch dieses Mal stürmten Sicherheitskräfte der Islamischen Republik seine Wohnung. Saeed saß dann im Evin-Gefängnis, sieben Tage lang.
Wenn ich sterbe, sei unsere Stimme. Sag allen, dass wir die Freiheit geliebt haben
Nachricht aus Iran
Er schickt verschlüsselte Fotos, die massive Verletzungen an seinem unteren Rücken, seiner Wirbelsäule, seinen Oberschenkeln, Händen und Armen zeigen. Die Haut zerrissen, das Fleisch sichtbar – nicht genäht, nicht medizinisch versorgt. Es sind Anzeichen einer Wundinfektion zu erkennen. Außerdem Spuren von Elektroschockern und Schlagstöcken.
Er sagt: „Von dem Moment an, als sie kamen, war ihre Absicht Gewalt. Vor den Augen meiner Mutter setzten sie wiederholt einen Elektroschocker gegen mich ein, obwohl ich mich nicht wehrte.“ Saeed betont, dass ihr Vorgehen diesmal anders war als zuvor: „Sie hatten keine Hemmungen, uns Gefangene sogar tot zu prügeln.“
Trump spielt mit den Nerven der Menschen
Berichte wie der von Saeed sind keine Ausnahme. Sie stehen für einen weiteren Dammbruch im Übergang von Unterdrückung zu Verbrechen. Wenn Foltern und Töten zur Routine werden, ist das Wort „Krise“ nicht mehr angemessen.
Die Aufmerksamkeit ist jetzt auf Trump gerichtet: Jede Äußerung, die er zu Iran tätigt, spielt mit den Nerven Unzähliger in Iran. Manche reagieren mit Galgenhumor: Sie erstellen Memes, machen Witze und äußern sich mit Sarkasmus über das unberechenbare Verhalten des US-Präsidenten. Doch am Ende wollen sie nur eins: den Sturz der Islamischen Republik. Auch um den Preis des Krieges.