Die Franzosen haben sich zuletzt über das dänische Essen beklagt – nicht zu Unrecht, wie ich finde. Aus meiner Zeit in Aalborg weiß ich, dass es in Dänemark kaum typisches Sportleressen wie Pasta oder Fleisch gibt. Man isst dort eher Brote, Shrimps mit Mayonnaise oder Salate. Nicht nur die Franzosen mit ihrer herausragenden Küche sind anderes gewohnt. Als Ausrede für den verpassten Halbfinaleinzug bei dieser Handball-EM aber taugt die ungeliebte Verpflegung nicht. Frankreichs Nationaltrainer Guillaume Gille hatte es ja ganz richtig gesagt: „Scheißegal. Hauptsache, wir kriegen genug Kalorien!“

Die Handball-EM im Liveblog

Kräftig genug waren die Franzosen, auch erfahren genug, um unseren Angriff vor Probleme zu stellen. Trotzdem haben sie uns nicht so zugesetzt, wie man das hätte vermuten können. Das hat Juri Knorr genutzt. Immer wieder konnte er aus neun Metern ohne Gegnerkontakt mit Volldampf abschließen. Und weil die französischen Torhüter nicht wirklich ein Faktor waren, standen für Juri am Ende zehn und für uns sogar 38 Tore zu Buche.

Wir brauchen Juri Knorr in starker Form

Jetzt ist also auch Juri endgültig angekommen im Turnier, nachdem er zuletzt mit sich gehadert hatte. Dass er einen dieser Tage erwischt hat, an denen nahezu alles klappt, gibt ihm Selbstvertrauen und auch allen anderen ein gutes Gefühl – wir brauchen ihn.

Andi Wolff und David Späth haben im Tor nicht so überragend gehalten wie zuletzt. Dafür hat diesmal der Angriff die Kohlen aus dem Feuer geholt. Und als Juri müde wurde, hat Marko Grgic die Verantwortung übernommen. Es sind zwei Beispiele, die zeigen, wie Mannschaftssport funktioniert.

Der Schlüssel zum Erfolg lag erneut in der Abwehr. Beeindruckend, wie Johannes Golla und Julian Köster im Innenblock verteidigt haben: kompakt, aggressiv; das Kreisläuferspiel wurde gut unterbunden und weniger gut vorbereitete Würfe aus der Distanz erzwungen. Nur Dika Mem kann man nicht ausschalten. Aber er allein gewinnt eben auch kein Spiel.

Der Bald-Berliner Dika Mem erzielte zwar elf Treffer gegen Deutschland, schied mit Frankreich als Titelverteidiger aber vorzeitig bei der EM aus.
Foto: imago/Maximilian Koch

Der Bald-Berliner Dika Mem erzielte zwar elf Treffer gegen Deutschland, schied mit Frankreich als Titelverteidiger aber vorzeitig bei der EM aus.Icon MaximizeIcon Lightbox Maximize

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Frankreich hat zu wenig Mentalitätsspieler

Dass Frankreich große Probleme hatte, liegt vielleicht auch daran, dass die meisten Nationalspieler in der Heimat aktiv sind. Da genießen sie Heldenstatus, müssen aber nicht jede Woche an die Leistungsgrenze gehen. Bei der Nationalmannschaft bekommt man dann den Übertrag nicht hin. Die Franzosen, die über herausragende individuelle Qualität verfügen, haben zwar auch Mentalitätsspieler wie Aymeric Minne oder Thibaud Briet, insgesamt aber waren ihre Auftritte mit wenigen Ausnahmen zu pomadig.

Und damit bin ich beim nächsten Gegner: Kroatien ist das Gegenteil von Frankreich. Das ist eine Mannschaft voller Krieger. Deutschland geht als Favorit in dieses Halbfinale. Das ist eine neue Herausforderung für unsere Mannschaft. Wie sie allerdings bisher die Aufgaben gelöst hat, wenn sie mit dem Rücken zur Wand stand, stimmt mich zuversichtlich. Zum Finale ist dann hoffentlich auch Tom Kiesler wieder fit. Er kämpft mit Magen-Darm-Problemen. Vielleicht hat er etwas Falsches gegessen …