Nach dem Tötungsdelikt an der U-Bahnstation Wandsbek-Markt in Hamburg, bei dem eine 18-jährige Frau getötet wurde, wird der Hintergrund des 25-jährigen Täters immer klarer. Doch das Motiv bleibt weiter unklar.
Nach dem Tötungsdelikt in einer Hamburger U-Bahnstation haben zwei Unbekannte niedergelegte Blumen gestohlen, die an das Geschehen erinnern sollten. Laut einer Sprecherin der Hochbahn entwendeten sie in der Nacht zu Samstag die Blumen an einem eigens eingerichteten Trauerort. Dies berichtete die „Bild“.
Unabhängig voneinander und mit einigem Zeitabstand hätten „zwei Personen die dort ausgelegten Blumen mitgenommen“, sagte Hochbahn-Sprecherin Saskia Huhsfeldt dem „Hamburger Abendblatt“. Auf ihren Überwachungsmonitoren hätten Wachleute der Hochbahn den Blumendiebstahl beobachtet. Die Durchsage der Hochbahn-Leitstelle, dies zu unterlassen, hätten beide Diebe jedoch „komplett ignoriert“. Möglicherweise seien die Blumen danach sogar weggeschmissen worden, sagte Huhsfeldt dem Blatt. Eine Putzkraft soll dann die geklauten Blumen unweit der Trauerstelle in einem Mülleimer entdeckt haben. Von einer Anzeige nach dem über alle Maßen pietätlosen Diebstahl wisse sie nichts, so Huhsfeldt weiter.
Für den Sonntagnachmittag war an der Station Wandsbek-Markt zu einer Mahnwache aufgerufen worden. Zahlreiche Menschen gedachten der Getöteten. Am U-Bahnhof Wandsbek Markt wurden Blumen niedergelegt und Kerzen angezündet. Nachdem sich bereits am Nachmittag Dutzende Menschen trafen, darunter viele mit iranischen Wurzeln, waren für den frühen Abend noch zwei Mahnwachen angemeldet.
Am Donnerstagabend hatte ein Mann im Bahnhof Wandsbek-Markt die ihm mutmaßlich fremde Frau gepackt und sich mit ihr vor eine einfahrende U-Bahn gestürzt. Beide starben. Die Hamburger Mordkommission ermittelt wegen des Verdachts eines Tötungsdelikts. Die Hintergründe der Tat liegen weitestgehend im Dunkeln. Es soll keine Erkenntnisse geben, wonach sich Opfer und Täter kannten. Aktuell werden die Mobiltelefone ausgewertet, um möglicherweise doch auf eine Querverbindung zu stoßen. Der Bahnhof wird von der Linie U1 angefahren, der tödliche Zug fuhr in Richtung Stadtmitte.
Bei dem Opfer handelte es sich um eine 18-jährige Iranerin, die zuletzt in einem Frauenhaus gewohnt haben soll. Es heißt, Fatemeh D. soll vor häuslicher Gewalt geflüchtet sein. Nach WELT-Informationen wohnte sie zuletzt im Raum Norderstedt.
Wie WELT berichtete, war der 25-jährige Täter, der laut Polizei aus dem Südsudan stammte, polizeibekannt. Nach Informationen von „Bild“ soll der Mann, der Ariop Moses Liok A. heißen soll, in der Vergangenheit bereits mehrfach mit Aggressions- und Gewaltdelikten aufgefallen sein. Erst zwei Tage vor der Tat soll er Polizisten angegriffen haben.
Laut „Bild“ wurde er kurzzeitig festgenommen. Die Polizei leitete ein Verfahren wegen Widerstands und gefährlicher Körperverletzung ein. Er wurde erkennungsdienstlich behandelt. Danach soll der Mann wieder auf freien Fuß gekommen sein. A. hatte zuletzt in einer Flüchtlingsunterkunft in Wandsbek gewohnt.
„Bild“ zitiert aus seiner Akte der Ausländerbehörde. Demnach soll er „aus der ölreichen Region um das Melut-Becken an der Grenze zum verfeindeten Nordsudan“ stammen. Seine Eltern sollen von islamistischen Kämpfern aus dem Nordsudan ermordet worden sein. Im Alter von zwölf Jahren soll er allein und ohne Papiere in ein Flüchtlingslager nach Kenia geflüchtet sein. Dort sei er von Flüchtlingshilfswerk UNHCR ausgewählt worden, kam 2024 durch ein humanitäres Aufnahmeprogramm nach Deutschland. Er habe sofort einen Aufnahmestatus erhalten. Als Geburtsdatum wurde der 1.1.2001 eingetragen. Ein Asylverfahren durchlief er laut Bild nicht.
„Ich nehme dich mit“
Mitbewohner aus Hamburg berichteten gegenüber „Bild“-Reportern, der Mann sei als „großer, verrückter Afrikaner“ bekannt gewesen, habe oft Alkohol getrunken und sei aggressiv gewesen. Es gibt Zeugenaussagen, wonach der Mann auch am Tatabend betrunken gewesen sein soll. In einem Videobericht von „Focus“ berichtet ein Zeuge, dass der 25-Jährige auf die Frau zugetorkelt sein soll, sie von der Seite gepackt habe. Dann soll er gesagt haben: „Ich nehme dich mit.“ Sekunden später sei er mit ihr auf die Schienen gestürzt.
Politische Reaktionen gab es nur wenige: „Wieder ein schrecklicher und sinnloser Tod einer jungen Frau inmitten des öffentlichen Raumes. Unsere Gedanken sind bei dem Opfer, den Angehörigen und den betroffenen Zeugen“, sagte AfD-Fraktionschef Dirk Nockemann. Die Hamburger AfD-Fraktion fordert umfassende Aufklärung. „Einmal mehr zeigt sich die von der AfD geforderte Notwendigkeit einer asylpolitischen 180-Grad-Wende. Ohne scharfe Asylpolitik ist die Freiheit der Bürger überall und jederzeit in Gefahr“, so Nockemann weiter.
Es sei kein Einzelfall, dass Frauen immer wieder Opfer tödlicher männlicher Gewalt werden, sagte hingegen Hila Latifi, die frauenpolitische Sprecherin der Fraktion Die Linke in der Hamburgischen Bürgerschaft. „Femizide haben unterschiedliche Erscheinungsformen. Gemeinsam aber ist ihnen ein Machtverhältnis, in dem Frauen als verfügbar, angreifbar und entbehrlich behandelt werden. Dabei bedeutet der öffentliche Raum für viele Frauen bis heute Unsicherheit, permanente Wachsamkeit und reale Gefahr – insbesondere in den Abend- und Nachtstunden. Diese Erfahrung ist kein individuelles Gefühl, sondern gesellschaftliche Realität.“
Umso abstoßender sei die Reaktion der AfD, die den Tod der jungen Frau instrumentalisiere, um rassistische Hetze zu betreiben. Fest stehe, sagte Latifi: „Gewalt gegen Frauen wird nicht durch Herkunft erklärt, sondern durch Machtverhältnisse, durch fehlende Prävention, durch gesellschaftliche Gleichgültigkeit und politische Untätigkeit.“
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