Mr. Pratt, in Ihren erfolgreichsten Filmen wie den „Guardians of the Galaxy“- oder „Jurassic World“-Trilogien spielen Sie hemdsärmelig-joviale Spaßvögel. Verglichen damit ist der Alkoholiker und Polizist, der nun in „Mercy“ (jetzt im Kino) des Mordes an seiner Frau verdächtigt wird, emotional eine andere Hausnummer, oder?

Ja, genau das war natürlich auch einer der Gründe, warum mich diese Rolle gereizt hat. So eine Figur und ihre Geschichte waren nichts, was ich irgendwie schon mal in dieser Form gemacht hätte. Ich hatte Lust auf etwas, das man von mir vielleicht nicht unbedingt erwartet. Und auf eine Herausforderung, nicht nur in emotionaler Hinsicht.

Die meiste Zeit über sind Sie buchstäblich an einen Stuhl gefesselt und haben 90 Minuten Zeit, einem KI-Gericht Ihre Unschuld zu beweisen…

Derart eingeschränkt sein beim Spielen – das war nicht ohne. Aber als Schauspieler ist es immer gut, wenn man gezwungen ist, sich zu reduzieren. Gerade in diesem Fall war es mir deswegen wichtig, auch tatsächlich festgeschnallt zu sein an diesem Stuhl. Mich gefangen zu fühlen und diese Art der Klaustrophobie zu spüren, das erschien mir für die Rolle hilfreich.

Gleichzeitig haben Sie sich auf die Rolle mit Hilfe des Police Departments von Los Angeles vorbereitet. Warum war Ihnen das wichtig?

Ich bekam die Gelegenheit, bei der Mordkommission reinzuschnuppern, ein paar Tage lang den Polizisten dort über die Schulter zu schauen und ein paar Fragen zu stellen. Solches Feedback von Menschen, die tatsächlich tagtäglich das machen, was ich dann im Film darstellen soll, finde ich enorm hilfreich. Mein Ziel ist es, immer so authentisch wie irgend möglich zu sein, ob ich nun einen Polizisten spiele, einen Navy SEAL oder jemand ganz anderen. Das ist eine Frage des Respekts. Aber es ist einfach auch ein riesiges Kompliment, wenn – um beim Beispiel „Mercy“ zu bleiben – am Ende ein Mordermittler den Film sieht und sagt: Hut ab, da stimmten die Details und Sie haben echt verstanden, worum es in unserem Job geht.

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Was haben Sie von den Polizisten gelernt?

Letztlich ist vor allem meine Wertschätzung für sie gewachsen. Ich hatte immer schon viel Hochachtung für Ordnungshüter und ihre Arbeit, aber es war etwas sehr Besonderes, nochmal vor Augen geführt zu bekommen, was diese hartarbeitenden Menschen, die wahrlich nicht zimperlich sein dürfen, für unsere Gesellschaft tun. Tagtäglich neue Leichen zu sehen und daran zu arbeiten, die Verantwortlichen zu finden und zur Rechenschaft zu ziehen – das kann nicht jeder. Und dass es Menschen gibt, die diesen Job machen und uns dadurch beschützen, sollten wir nicht als Selbstverständlichkeit hinnehmen.

Basierend auf Ihren Recherche-Erfahrungen: Was muss man denn für ein Mensch sein, um das Zeug zum Polizisten zu haben?

Detailorientiert sollte man auf jeden Fall sein, und idealerweise auch möglichst intelligent. Man muss schließlich eine Menge Informationen verarbeiten. Vor allem aber ist es sicherlich wichtig, dass man mental und emotional wirklich gesund ist. Wer leicht aus der Fassung zu bringen oder nicht durchsetzungsstark ist, ist in dem Beruf sicherlich falsch. Wobei ich dazusagen muss, dass ich selbst auch nicht gut wäre als Polizist. Weswegen ich umso dankbarer bin für alle, die den Job machen.

Nun geht es in „Mercy“ nicht nur um die Polizei, sondern um einige große Fragen mit Blick auf Künstliche Intelligenz. Haben Sie Angst vor einer Zukunft, in der KI womöglich an der Rechtsprechung beteiligt ist?

Ich sehe es so: Jede Form von Technologie ist immer nur ein Werkzeug. Wir Menschen sind es, die diese Werkzeuge zum Einsatz bringen – und dadurch werden sie immer fehlbar sein. Kein System wird je zu 100 Prozent perfekt sein, denke ich. Natürlich ist es verlockend, KI für mehr Effizienz zu nutzen. Dann muss man nur immer bedenken: Je tödlicher ein Werkzeug ist, desto vorsichtiger muss man bei seiner Verwendung sein. Im Fall der Justiz dürfen wir also nie all die verfassungsmäßig gesicherten Bürger- und Menschenrechte aus den Augen verlieren, die unsere Gesellschaft so stabil machen. Von unserem Recht auf Freiheit und dem Streben nach Glück über faire Prozesse und einer Jury aus seinesgleichen bis hin zum Verbot grausamer und unverhältnismäßiger Bestrafungen.

Chris Pratt bei der Premiere des Films „Mercy“ in LondonChris Pratt bei der Premiere des Films „Mercy“ in LondonAlberto Pezzali/Invision/AP

In der Filmbranche ist KI auch ein großes Thema. Wie sehen Sie die Entwicklungen dort?

Generell bin ich ein ziemlich optimistischer Mensch, deswegen blicke ich auch auf die Zukunft meiner Branche mit mindestens verhaltenem Optimismus. Allerdings mache ich mir auch keine Illusionen, dass etliche Entwicklungen, die bereits begonnen haben, noch weitergehen werden. Durch die KI-Revolution werden Menschen ihre Jobs verlieren, denn gerade in der Postproduktion werden viele Prozesse durch diese Technologien effizienter gemacht und optimiert. Das ist so tragisch wie unausweichlich. Gleichzeitig sehe ich als Silberstreifen am Horizont die Hoffnung, dass generative KI auch die Türen öffnen kann für mehr Filme, die zu niedrigeren Budgets umgesetzt werden können. Vielleicht ist das die Chance, mehr Menschen die Gelegenheit zu geben, ihre Geschichten erzählen zu können. Richtig angewandt ist KI nicht nur eine Gefahr, sondern hoffentlich auch eine Möglichkeit, die Menschheit voranzubringen.

Vergangenes Jahr wurde bereits Tilly Norwood vorgestellt, eine KI-Schauspielerin, die prompt das Interesse einiger Agenturen in Hollywood weckte. Sorgen um Ihren Job machen Sie sich trotzdem nicht?

Nein, denn ich glaube einfach nicht, dass das Publikum KI-Schauspieler sehen will. Das, was uns an einem Film begeistert und was uns packt, ist nicht nur das, was wir sehen. Sondern vor allem das, was wir hören und spüren. Da geht es nicht um Perfektion, sondern um Wahrhaftigkeit. Um das, was man gar nicht zu 100 Prozent ausmachen und benennen kann. So etwas kann KI nicht. Nur wenn ein echter Mensch eine Figur spielt, kann die auch so etwas wie eine Seele haben und menschliche Emotionen wie Sehnsucht, Schmerz und Ähnliches greifbar machen. Das lässt sich nicht simulieren.

Wo wir gerade von Veränderungen sprechen: „Mercy“-Regisseur Timur Bekmambetov, mit dem Sie bereits vor 18 Jahren bei einem Film zusammengearbeitet haben, sagt über Sie, dass Sie sich kein bisschen verändert haben. Stimmen Sie zu?

Seit ich in dieser Branche arbeite, habe ich immer wieder miterlebt, wie sich Kollegen verändert haben – und zwar zum Schlechteren. Wenn das Rampenlicht, in dem man plötzlich steht, heller leuchtet als das Licht in deinem Inneren, dann kann dich das umbringen. Deswegen habe ich immer versucht, meine Seele und meine Gesundheit im Blick zu haben und nie meine menschliche Würde zu verlieren. Trotzdem kann ich nicht sagen, dass ich mich nicht verändert hätte.

Ich bin erwachsener und reifer geworden. Aber vor allem bin ich inzwischen Vater mehrerer Kinder. In vieler Hinsicht bin ich umsichtiger und vorsichtiger geworden. Verantwortung für andere zu haben, das geht nicht spurlos an einem vorbei. Trotzdem hoffe ich, dass ich mir gleichzeitig vieles bewahrt habe. Als jemand, der nicht in Kalifornien aufgewachsen ist und mit Hollywood immer auch gefremdelt hat, habe ich meinen Finger bis heute am Puls dessen, was die sogenannten normalen Leute außerhalb der Branche denken und fühlen. Das ist das Publikum, dem ich meine Arbeit widme. Und für die hoffe ich, dass ich mich nie in ein Arschloch verwandeln werde.

Treffen Sie beruflich andere Entscheidungen, seit Sie Kinder haben?

Definitiv. Früher war meine Karriere das Wichtigste in meinem Leben. Das ergibt auch Sinn, wenn man dabei ist, in Hollywood durchzustarten. Da macht man mitunter heute bei einem Casting mit und muss schon morgen vor der Kamera stehen. Und wenn das bedeutet, dass man für sechs Monate nach Bulgarien ziehen muss, dann ist das eben so. Heute haben meine Frau und meine Kinder für mich oberste Priorität, entsprechend gibt es vieles, was ich für den Job nicht mehr machen würde. Was natürlich ein Privileg ist, das sich nicht jeder leisten kann. Aber die Tatsache, dass „Mercy“ in Los Angeles gedreht wurde und ich abends bei der Familie im eigenen Bett schlafen konnte, war ein entscheidender Grund, die Rolle anzunehmen.

Apropos Familie: Ihr Schwager Patrick Schwarzenegger sagte letztes Jahr, er habe die Rolle in „The White Lotus“ auch deswegen bekommen, weil Sie ihm den besten Tipp für Castings gegeben haben. Erinnern Sie sich noch, wie der lautete?

Mein Ratschlag war, bei jedem Vorsprechen innerhalb der ersten paar Sekunden etwas wirklich Ungewöhnliches zu machen, um aufzufallen. Ich habe mir das irgendwann mal von Shia LaBeouf abgeguckt. Den beobachtete ich, als ich vor vielen Jahren meine damalige Freundin zu einem Casting begleitete, bei dem er auch war. Ich kannte den Text in- und auswendig, denn ich hatte die Szene die ganze Woche lang mit ihr geübt. Jeder der Männer, mit denen sie beim Vorsprechen spielen musste, hielt sich genau ans Skript und machte mehr oder weniger das Gleiche. Shia dagegen machte sich die Szene wirklich zu eigen. Er hielt sich nicht an den Text, aber dafür an die verlangten Emotionen. Das hat mich schwer beeindruckt und ich habe seither immer versucht, Ähnliches zu machen. Selbst wenn er damals die Rolle am Ende gar nicht bekommen hat, wenn ich mich richtig erinnere.