Die Pianistin Elisabeth Leonskaja Foto: Marco Borggreve
Die beeindruckende Pianistin Elisabeth Leonskaja, das fabelhafte SWR Symphonieorchester und der formidable Dirigent Thomas Guggeis: Alles kommt zusammen beim Russ-„Meisterkonzert“.
Welche der großen, stilbildenden Pianisten konzertieren noch nach dem Tod von Alfred Brendel und Maurizio Pollini? Maria João Pires hat erst kürzlich das Ende ihrer Karriere bekannt gegeben, Daniel Barenboim ist gesundheitlich angeschlagen – so bleiben zwei Frauen, die das Erbe jeweils auf ihre Weise glanzvoll weitertragen: Martha Argerich, die nach einem zeitweisen Rückzug eine ganz erstaunliche Alterskarriere hinlegt – am 12. Februar wird sie in Stuttgart zu hören sein. Und Elisabeth Leonskaja. Im Sommer vergangenen Jahres hat die in Wien lebende, 80 Jahre alte Russin in Ludwigsburg einen grandiosen Schubert-Abend gespielt. Nun gab sie zusammen mit dem SWR Symphonieorchester im Rahmen der Meisterkonzertreihe von Russ Klassik eine weitere beeindruckende Demonstration ihrer Kunst.
Die Pianistin ist keine Rivalin, sondern Partnerin des Orchesters
Johannes Brahms’ erstes Klavierkonzert d-Moll zählt schon lange zu ihrem Repertoire. Zusammen mit dem Philharmonia Orchestra unter Eliahu Inbal hat sie es aufgenommen, und ihre große Vertrautheit mit dem Werk beweist sie auch im gut besetzten Beethovensaal. Dass ein 26-jähriger Komponist ein Werk von solch formsprengenden Dimensionen schaffen konnte und damit die Gattung Klavierkonzert völlig neu definiert, liegt an der komplizierten Vorgeschichte des Stücks, das ja zunächst als Sinfonie geplant war. Pianisten jedenfalls sehen sich mit einer orchestralen Dominanz konfrontiert, die manche zum Kräftemessen verführen könnte. Nicht so Leonskaja. Ihr Zugang zu diesem Werk ist von großer Ernsthaftigkeit und einer inneren Gespanntheit geprägt, die den virtuosen Passagen alles äußerlich Auftrumpfende nimmt – die Solistin ist kein Rivale, sondern Partner des Orchesters, dessen Gedanken sie weiterspinnend kommentiert.
Das Adagio spielt Leonskaja berückend kontemplativ, wie ein stilles Gebet, bei dem die Zeit fast stillzustehen scheint und die Trillerpassagen wie beim späten Beethoven gen Himmel weisen. Auch im Rondofinale muss sie nichts mehr beweisen. Ihre Technik ist stupend wie eh und je, mit ungemeiner Lockerheit meißelt sie die Oktavketten aus dem Steinway und bleibt dabei auf spektakuläre Weise unspektakulär. Der Beifall ist riesig, schließlich gewährt sie eine Zugabe: Schuberts Impromptu op. 142 No. 2 As-Dur.
Beim SWR Symphonieorchester stimmt einfach alles
Freilich verdankt sich der Rang dieser Interpretation nicht nur der Solistin, sondern auch dem von Thomas Guggeis fabelhaft geleiteten Orchester. 33 Jahre jung ist der Schlaks, dem – die Prophezeiung sei gewagt – eine große Karriere bevorstehen dürfte. Was er drauf hat, zeigt er nach der Pause in einer packenden Deutung von Dvořáks siebter Sinfonie, die in solcher Stringenz und dramaturgischer Durchformung kaum einmal zu hören ist. Hier stimmt einfach alles: der fettfreie, schlank-elastische Klang des SWR Symphonieorchester, dessen Bläsersolisten in Hochform sind, die Eleganz der Phrasierung, die messerscharf herausgearbeitete Rhythmik. Die Musik hörend verstehen zu können, darf als größtes Kompliment für einen Dirigenten gelten – und das gelingt Guggeis formidabel. Der Jubel am Ende spricht ebenfalls dafür.