
Besonders in der Wintersaison wird das Überleben auf der Straße zur Herausforderung. In Berlin leben deutlich mehr Wohnungslose als Notübernachtungsplätze zur Verfügung stehen.
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Minustemperaturen und das über Wochen: Der anhaltend harte Frost setzt insbesondere wohnungslosen Menschen zu. »Die gegenwärtige Kälteperiode stellt ein sehr großes Risiko dar zu erfrieren«, sagt Stefan Schneider von der Wohnungslosenstiftung gegenüber »nd«. Für die rund 6000 Personen, die in Berlin auf der Straße leben, stehen laut Schneider nur 1000 Kältehilfebetten zur Verfügung. Viele Wohnungslose hätten daher schon längst den Versuch aufgegeben, in einer Einrichtung unterzukommen. Auch die Kältebusse kommen an ihre Grenzen.
Die Berliner Stadtmission spricht ebenfalls von dramatischen Zügen, die Obdach- und Wohnungslosigkeit in der Bundeshauptstadt annehmen. Neben den fehlenden Übernachtungsplätzen gebe es kaum noch Tagesaufenthalte für Menschen ohne Dach über dem Kopf. An den Bahnhöfen oder in den Shopping-Centern seien obdachlose Personen nicht erwünscht.
Berlins Sozialsenatorin Cansel Kiziltepe (SPD) appellierte an »alle Menschen in Berlin, bei diesen eisigen Temperaturen besonders achtsam durch die Stadt zu gehen, da es unsere Aufgabe als Stadtgesellschaft ist, diesen Menschen zu helfen«. Stefan Schneider von der Wohnungslosenstiftung beobachtet hingegen, dass die Menschen, anstatt zu verstehen, dass es sich bei Wohnunglosen »um ehemalige Mieter handelt, die Solidarität und Unterstützung benötigen«, sehr schnell nach dem Ordnungsamt oder der Polizei gerufen werde.
Kurzfristig gelang es der Sozialverwaltung, die Kältehilfe um mehr als 100 Übernachtungsplätze zu erweitern, womit deren Gesamtzahl auf 1256 gestiegen sein soll. Außerdem wurden aufgrund der eisigen Temperaturen weitergehende Regelungen getroffen. So soll die Polizei obdachlosen Menschen den Aufenthalt an warmen Orten gewähren. Krankenhäuser wurden sensibilisiert: Sie sollen obdachlose Menschen ohne Versicherungskarte nicht abweisen und Patient*innen, die keinen Ausblick auf eine warme Unterkunft haben, nicht auf die Straße entlassen.
Die Verwaltung hat sich nach eigenen Angaben gemeinsam mit der Kältehilfekoordination, den Bezirken und den Trägern intensiv auf die Kälteperiode vorbereitet. »Bisher hat alles gut geklappt«, erklärt die stellvertretende Pressesprecherin der Senatsverwaltung für Arbeit und Soziales, Julia Stadtfeld, gegenüber »nd«. Alle Kältehilfe-Busse seien im Einsatz und die Notübernachtungen in den Kältehilfe-Einrichtungen zu mehr als 90 Prozent ausgelastet. Außerdem sei man einsatzbereit, weitere Unterkünfte zu schaffen, wenn dies nötig sei. »Unser Motto gilt auch diesen Winter: Wer ein Bett braucht, bekommt auch eins«, lässt sich Sozialsenatorin Kiziltepe zitieren.
»Die gegenwärtige Kälteperiode stellt ein sehr großes Risiko dar zu erfrieren.«
Stefan Schneider Wohnungslosenstiftung
Barbara Breuer, Pressesprecherin der Berliner Stadtmission, verweist gegenüber »nd« auf das Grundproblem: fehlender Wohnraum. Die Stadt sei ein »Magnet für Neuanfänger«, erklärt Breuer. Viele Menschen kämen aus ländlichen Regionen, teilweise gelockt mit falschen Versprechungen. Häufig können sie die deutsche Sprache nicht richtig sprechen, viele kennen sich in urbanen Räumen nicht aus.
Besonders für Rollstuhlfahrer hat sich die Lage in den letzten Jahren zugespitzt. »Es gibt nur eine einzige barrierearme Unterkunft für Obdachlose«, sagt Breuer. An entsprechend ausgebildetem Pflegepersonal fehle es in den Unterkünften ebenfalls. Anträge für eine entsprechende Weiterbildung für das Pflegepersonal seien von der Senatsverwaltung mehrfach abgelehnt worden. Dies führe letztlich dazu, dass obdachlosen Rollstuhlfahrer*innen kaum Angebote gemacht werden könnten. Sie säßen also wortwörtlich auf der Straße.
Laut dem Berliner Senat wurden in den letzten Jahren wichtige Bausteine zur Überwindung von Wohnungs- und Obdachlosigkeit implementiert. Seit 2018 gelte das Prinzip »Housing First«, ein Ansatz, der Wohnungslosigkeit unmittelbar zu beenden versucht, indem obdachlosen Menschen ohne Vorbedingungen eine eigene Wohnung angeboten wird. Seit April 2022 wurden laut Senatsverwaltung mithilfe des Wohnraumvermittlungsprogramms »Wohnen statt MUF« allein in Zusammenarbeit mit dem Bezirk Marzahn-Hellersdorf 380 geflüchtete Menschen aus Gemeinschaftsunterkünften in eigenen Wohnraum vermittelt. Und über das Geschützte Marktsegment (GMS) sollen weit über 1000 Haushalte, die akut von der Wohnungsräumung bedroht oder bereits wohnungslos waren, mit neuem Wohnraum versorgt worden sein.
Von vielen dieser Hilfen seien Menschen ohne gesicherten Aufenthalt aber ausgeschlossen, sagt Barbara Breuer von der Berliner Stadtmission. Es seien daher hauptsächlich migrantischen Menschen, die langfristig auf der Straße leben. Die Suche nach einem Neuanfang ende dann in der Obdachlosigkeit. Psychische Probleme und Alkoholismus seien mitunter die Folge.
Kürzlich stritten der Senat und die zwölf Berliner Bezirke über die Zulässigkeit der von den Bezirken initiierten Kaffeewette. Berliner*innen können noch bis zum 5. Februar Kaffee für die Einrichtungen der Kältehilfe spenden. Die Debatte darüber bezeichnet Stefan Schneider von der Wohnungslosenstiftung als »nicht zielführend«. Kaffee sei nicht das Problem. »Wir kennen obdachlose Menschen, die sagen, dass sie statt der zehn Kaffee lieber Geld hätten, weil sie dringend frische Unterwäsche, eine Powerbank oder Tampons kaufen würden, also Dinge des täglichen Bedarfs«, sagt Schneider.
Um die große sozial- und wohnungspolitische Herausforderung, genügend Wohnraum in der Bundeshauptstadt zu schaffen, in Gang zu setzen, muss dringend ausreichend bezahlbarer Wohnraum geschaffen werden. »Die bittere Realität der wohnungslosen Menschen in Berlin« ist laut Schneider aber, dass »nur die allerwenigsten eine realistische Aussicht darauf haben, jemals wieder in einer eigenen Wohnung leben zu können«. Die so knappe Notunterkunft ist für viele die Endstation.