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Szene aus "Achtsam Morden" des Landgraf Theater auf Einladung der Volksbühne Maintal: Stephan Bürgi (rechts) und Ronja Jenko (links) stemmten mit großer Präzision das gesamte Personal aus Unterwelt, bürgerlichem Alltag und staatlichen Institutionen. Den gestressten Anwalt  Björn Diemel gibt Martin Lindow (Mitte).Gestresster Anwalt: Martin Lindow (Mitte) spielt den überforderten Björn Diemel. Stephan Bürgi (rechts) und Ronja Jenko (links) stemmen mit großer Präzision das gesamte Personal aus Unterwelt, bürgerlichem Alltag und staatlichen Institutionen. © Andrea Pauly

Die Maintaler Volksbühne Maintal hat das Landgraf Theater mit „Achtsam morden“ ins Bürgerhaus Bischofsheim eingeladen. Die bissige Komödie fragt, wohin konsequente Achtsamkeit führen kann.

Maintal – Nicht als Wohlfühlversprechen, sondern als Werkzeug mit fataler Reichweite zeigte sich die viel zitierte Achtsamkeit in dem Roman-Bestseller „Achtsam morden“ von Karsten Dusse. Im Bürgerhaus Bischofsheim präsentierte das Landgraf Theater auf Einladung der Volksbühne Maintal die Bühnenfassung von Bernd Schmidt – inszeniert von Pascal Breuer als bissige Krimikomödie zwischen Coaching-Seminar und Mafia-Logik. Der Abend fragte mit schwarzem Humor, was geschieht, wenn Selbstoptimierung konsequent zu Ende gedacht wird.

Weitere Stücke der Theatersaison

Was hat die Volksbühne Maintal in der aktuellen Spielzeit noch zu bieten hat, berichtet die Vereinsvorsitzende Katharina Lüer. Zu den weiteren Höhepunkten zählt am 20. Februar „Endlich allein“ mit Markus Majowski und Tanja Schumann – eine Komödie über Eltern, die sich auf Ruhe freuen, wenn die Kinder ausziehen und dabei eines Besseren belehrt werden. Für den 20. März ist noch etwas ganz Besonderes geplant: „Das kunstseidene Mädchen“ nach Irmgard Keun, eine Solo-Produktion der Brüder-Grimm-Festspiele Hanau. Den Saisonabschluss bildet dann am 21. April die Komödie „Der Vorname“ von Alexandre de la Patellière, gespielt von der Landesbühne Rheinland-Pfalz. Ein Abendessen unter Freunden, ein provokanter Namensvorschlag – und schon ist der schöne Schein dahin. Parallel werde im Hintergrund die Jubiläumssaison zum 50. Geburtstag geplant, so Lüer.

Im Mittelpunkt stand der Strafverteidiger Björn Diemel, verkörpert von Martin Lindow, der die Handlung wie einen offen geführten inneren Monolog vorantrieb. Diemel ist beruflich erfolgreich, privat überfordert und familiär unter Druck. Auf Drängen seiner Frau hat er ein Achtsamkeitsseminar beim Therapeuten Joschka Breitner besucht – zunächst als lästige Pflicht, bald jedoch als strukturierende Offenbarung. Atemübungen, Zeitinseln und klare Prioritäten ordnen nun sein Leben neu. Entscheidend wurde der Moment, in dem Diemel begreift, dass sich diese Prinzipien nicht nur auf Ehe, Kind und Kanzlei anwenden ließen, sondern auch auf seine Mandate. Selbst der Umgang mit dem Mafiaboss Dragan lässt sich so, achtsam betrachtet, effizient lösen.

Pascal Breuer erzählt diesen Weg als dicht getakteten Rollenreigen. Stephan Bürgi und Ronja Jenko stemmen mit großer Präzision das gesamte Personal aus Unterwelt, bürgerlichem Alltag und staatlichen Institutionen. Mit minimalen Kostüm- und Haltungswechseln entstehen Mafiosi, Ehepartner, Kinder, Polizistinnen und Therapeuten, die sich gegenseitig überlagern und beschleunigen. Die Wechsel bleiben sichtbar, fast demonstrativ, und entwickeln daraus einen eigenen Rhythmus: ein kontrolliertes Chaos, das den Slapstick ebenso trägt wie die satirische Schärfe.

Publikum quittiert virtuoses Schauspiel mit viel Applaus

Lindow führt als Björn Diemel souverän durch diese Verdichtung. Er wechselt mühelos zwischen Erzähler, Getriebenem und zunehmend kalkulierendem Strippenzieher. Seine direkte Ansprache macht die Zuschauenden zu Komplizen, zu Mitwissenden eines Gedankenspiels, das Moral nicht ausklammert, sondern gezielt als Pointe einsetzt. Wenn Diemel Schwarzgeld rechtfertigt oder Mord als logische Konsequenz konsequenter Selbstfürsorge erklärt, entsteht Komik aus dem Zusammenstoß von Ratgeberrhetorik und Verbrechenslogik. Das Lachen bleibt dabei nie folgenlos, sondern öffnet einen Raum des Unbehagens.

Dass die Inszenierung den Roman nicht illustrieren will, sondern zuspitzt, zeigt sich in ihrer konsequenten Reduktion. Breuer verzichtet auf romantische Nebenstränge und konzentriert sich auf das Wechselspiel von Achtsamkeitsdiskurs und Gewaltökonomie. So entsteht eine Groteske, die Boulevardtheater, Krimikomödie und Gesellschaftssatire miteinander verschränkt. Der vielfach ausgezeichnete Stoff erweist sich dabei als erstaunlich beweglich und zeitnah.

Der Abend in Bischofsheim endet nach rund zwei Stunden mit viel Applaus. Zurück bleibt das Vergnügen des Publikums an virtuosem Schauspiel – und der Nachhall einer Frage, die sich nicht einfach abschütteln lässt: Wie viel Konsequenz verträgt eine Kultur, die ständig von Balance spricht, aber Effizienz meint?