Als Jenny durch die fast leere Wohnung ihrer ehemaligen Nachbarin geht, steht für sie schnell fest: Die Möbel, die sie bei ihrem Auszug zurückgelassen hat, sind zu schade für den Sperrmüll. Ein massiver Schrank, ein stabiler Tisch, robust, schwer, gut erhalten. Stücke, die Jahrzehnte überdauert haben und bei guter Pflege noch lange halten.
Das sind einfach tolle Unikate. Die findet man heutzutage so einfach nicht mehr, wenn man was Langlebiges und Robustes sucht.
Jenny
Chemnitzerin
Jenny ist Chemnitzerin, dort geboren und dort geblieben. Seit einiger Zeit saniert sie ihr Doppelhaus im Musikerviertel. Dabei habe sie selbst erlebt, welchen persönlichen Wert alte Möbel haben können. Auch wenn es „nur“ Gegenstände seien, so lebe man doch tagtäglich mit ihnen.
Gerne hätte sie die Möbel aus der Wohnung nebenan selbst wieder auf Vordermann gebracht. „Wenn ich die Möbel so sehe, habe ich selber viele Ideen“, sagt sie. „Aber einfach nicht die Zeit, daraus was zu machen.“ Auf der Suche nach einer Lösung stößt sie in den sozialen Medien auf Katrin und Rico Nachtigall.
Zwei Lebensläufe, ein gemeinsames Projekt
Begonnen haben sie in zwei Garagen. Die seien zwar günstig, aber schnell zu klein gewesen. Ein Schlüsselmoment war ein selbst gestalteter Schrank, den Katrin während der Elternzeit als „Pilotprojekt“ umarbeitete. „Ich habe gemerkt, dass mich das unendlich erfüllt“, erzählt sie. Rico bestärkte sie darin, den Schritt zu wagen.
Heute arbeiten beide weiterhin in Teilzeit in ihren eigentlichen Berufen und stecken jede freie Minute in ihren Laden. Doch, und das ist ihnen wichtig zu erwähnen, ist es nach wie vor ihr gemeinsames Hobby und nicht ihre Haupteinnahmequelle für das alltägliche Leben.
Normalerweise hat jeder sein eigenes Hobby. Wir machen das zusammen. Ohne Druck, aber mit jeder Menge Leidenschaft.
Rico Nachtigall
Hobby-Restaurator
Das Hobby, sagen Katrin und Rico Nachtigall, wird dadurch zum Zugewinn und nicht zum Zwang, um die Miete bezahlen zu müssen.
Auf der Suche nach Geschichten
Die Möbel finden beiden Chemnitzer auf ganz unterschiedlichen Wegen: über Kleinanzeigen, Haushaltsauflösungen, persönliche Kontakte oder soziale Medien. Manchmal fahren sie dafür quer durch Deutschland. In Thüringen zum Beispiel, so erzählt Rico, holte er einmal einen Schreibtisch ab, an dem vor vielen Jahren ein Kapellmeister seine Lieder komponiert hatte.
Aber auch Schränke aus Arbeiterwohnungen oder Stühle aus Villen ehemaliger Eliten des 20. Jahrhunderts haben die beiden schon restauriert. Möbel, die Jahrzehnte Familienalltag erlebt haben.
Manchmal erfährt man mehr über die Menschen als über das Möbelstück.
Katrin Nachtigall
Hobby-Restauratorin
Der ideelle Wert und die Erinnerungen, sie sollen nicht im Container landen. All das lasse sich ohnehin nicht in Geld aufwiegen. Für die beiden Hobby-Restauratoren gehören diese Geschichten genauso zum Möbelstück wie Holz und Schrauben.
Doch nebst des Labels „alt“ beziehungsweise „vintage“ und „Geschichten erzählen“ müssen die Möbel noch ein anderes, wichtiges Kriterium erfüllen: Gekauft wird nur das, was sich beide auch selbst in die Wohnung stellen würden. „Wir kaufen nur Möbel an, die wir selber feiern.“
Zwischen Schleifstaub und Sieben-Tage-Woche
Die Arbeit ist laut Katrin und Rico körperlich, zeitintensiv, oft auch anstrengend. Geschliffen wird abends, lackiert am Wochenende. Urlaub heißt manchmal: Möbel abholen oder ausliefern. Das meiste, das sie zum Restaurieren von Möbeln wissen müssen, haben sie sich selbst beigebracht. Oder mit Hilfe von Youtube-Videos.
„Gerade zu Beginn ist auch das ein oder andere Mal etwas schief gegangen“, erzählt Rico. Besonders beim Abschleifen der Möbel, wenn er gemerkt hat, dass Furnier nicht endlos dick ist. Doch das gehöre eben dazu.
Trotz des zeitintensiven Hobbies haben sich die beiden bewusst entschieden, nicht auf Wachstum um jeden Preis zu setzen. „Wir wollten keinen Druck“, sagt Katrin Nachtigall. Das Möbel restaurieren bleibt vorerst ein Teilzeitprojekt, vereinbar mit Familie, Kindern, mit Leben, mit Pausen.
Ein zweites Leben