Paul-Leopold sitzt mit blauer Wollmütze am Steuer, schaltet und lenkt. Der umgefallene Baumstamm ist ein Krankenwagen. Eine Wurzel rechts ist das Gaspedal, die daneben die Bremse. Paul-Leopold ist auf dem Weg zum Einsatzort und hat es eilig. Was ist passiert? „Ein Auto ist in einen Baum gerummst!“ Die Feuerwehr sei schon da. Fehlt nur noch der Krankenwagen. Neben ihm sitzt eine kleine Rettungssanitäterin auf dem Beifahrersitz, die sich als „die Frau vom Krankenwagenfahrer“ vorstellt. Jetzt aber Blaulicht an und los.

Die Phantasie der Kinder genügt, um den Schwanheimer Wald auch mitten im Winter zum Leben zu erwecken. 13 Kinder spielen am Lehmplatz und machen sich auf dem aufgeweichten Boden ordentlich dreckig. Aus feuchter Erde backen sie einen Geburtstagskuchen, Stöckchen sind die Kerzen. Zwei Mädchen spielen Matschmonster und jagen mit schmutzigen Händen die Erzieher. Und ein paar Kinder stochern in Schneeresten.

Im Spiel versunken: Für die Kinder ist der entwurzelte Baum ein Krankenwagen.Im Spiel versunken: Für die Kinder ist der entwurzelte Baum ein Krankenwagen.Frank Röth

Über ihren Köpfen klopft ein Specht, weiter hinten springt ein Eichhörnchen über den Waldweg. Idyllisch ist es heute trotzdem nicht im Schwanheimer Wald. Es nieselt, und es ist kalt. Das Thermometer zeigt nur zwei Grad. Nach einer halben Stunde hält ein Kind plötzlich inne: „Es regnet!“ Vorher war ihm das noch gar nicht aufgefallen. Eine Erzieherin nickt, lächelt: „Ja, das stimmt. Es regnet.“

Aber dann ist das Thema auch schon wieder abgehakt. Die Kinder sind gut eingepackt, tragen gefütterte Matsch- oder Schneehosen, bunte Winterjacken, warme Mützen und wasserdichte Stiefel. Außerdem bewegen sie sich viel und sind sehr „wetterfest“. Denn sie sind sowieso ständig draußen.

Nur bei Sturm und Gewitter bleiben sie drinnen

Der Waldkindergarten Schwanheim ist der einzige „echte“ Waldkindergarten in Frankfurt. Es gibt zwar auch noch andere Einrichtungen, die sich so nennen. Aber die sind nur naturnah und gehen regelmäßig mit den Kindern in den Wald. Für die Kinder in Schwanheim ist das aber der Alltag. Der Frankfurter Stadtwald ist für sie nicht nur ein sporadisches Ausflugsziel, sondern der tägliche Lebensraum.

Der Wald ist ihr zweites Zuhause. Jeden Tag verbringen sie zwischen Buchen und Eichen, ganz selbstverständlich, bei Wind und Wetter. Auch bei Hitze, Regen, Schnee. Fünf Stunden am Tag. Nur höchst selten, wenn es stürmt, blitzt und donnert und deshalb zu gefährlich im Wald ist, bleiben die Kinder drinnen.

Happy Birthday: Die Kinder backen einen Geburtstagskuchen aus Matsch.Happy Birthday: Die Kinder backen einen Geburtstagskuchen aus Matsch.Frank Röth

„Wir kommen nur zum Essen rein“, sagt Tina Belotti, die den Waldkindergarten seit drei Jahren leitet. Dafür brauchen sie einen festen Raum, also eine Mietfläche in einem Gebäude. Die Frühbetreuung und das Mittagessen finden dort statt. Doch diese Räume sind bald weg.

Der Eigentümer hat den Mietvertrag zum 31. Juli gekündigt. Deshalb sucht der Träger BVZ nach einer geeigneten Immobilie am Stadtwald, in der es weitergehen kann. Wenn der Waldkindergarten nicht bis spätestens Anfang Mai neue Räume in Aussicht hat, steht er vor dem Aus – fast 25 Jahre nach seiner Gründung.

Die Kündigung kam überraschend

„Auch wenn die Kündigung überraschend kommt, trifft sie uns nicht unvorbereitet“, sagt BVZ-Geschäftsführer Christian Strickstrock. Die alten Räume seien nicht optimal für eine Kita gewesen. Sie waren auch zu klein. Deshalb sucht er schon seit geraumer Zeit nach geeigneten Alternativen. Doch bisher ohne Erfolg.

Strickstrock freut sich über Hinweise: Die Kita braucht 120 bis 150 Quadratmeter im Erdgeschoss, am liebsten am Schwanheimer Wald. „Wir haben ein hohes Interesse daran, den Waldkindergarten weiter zu betreiben. Er ist bei Eltern wie Kindern ausgesprochen beliebt.“

Bunter Haufen: In ihren Rucksäcken haben die Kinder ihr zweites Frühstück und Wechselsachen dabei.Bunter Haufen: In ihren Rucksäcken haben die Kinder ihr zweites Frühstück und Wechselsachen dabei.Frank Röth

Der Stadtwald zieht sich kilometerweit durch den Frankfurter Süden. Sollte es da nicht möglich sein, irgendwo passende Räume zu finden, aus denen man zu Fuß in wenigen Minuten den Waldrand erreichen kann? Das sei viel schwieriger als gedacht, sagt Belotti, die Leiterin. „Wir suchen schon seit drei Jahren. Und wir sind auch bereit, in einen anderen Stadtteil zu gehen.“

20 Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren besuchen den Waldkindergarten Schwanheim. Ein normaler Tag verläuft so: Die ersten Kinder kommen um halb acht und können noch in der Einrichtung frühstücken. Um halb neun treffen sie sich mit dem Rest der Gruppe an einer langen Bank am Waldrand, die der Förster gemeinsam mit den Kindern aufgestellt hat. Die meisten Eltern liefern die Kinder dort ab.

Die Natur liefert das Spielmaterial

Bis halb zwei sind sie dann im Wald unterwegs und steuern verschiedene Orte an. „Die Kinder bestimmen, wo es hingeht“, sagt Belotti. Am „Singplatz“ machen sie immer den Morgenkreis. Manchmal treffen sie auch den Förster, der ihnen erklärt, warum er auch mal Bäume fällen muss oder wie es den Tieren im Winter geht. Am Waldspielplatz gibt es auch eine kleine Nothütte, die mit einem Holzofen beheizt werden kann. Bei Frost können sich die Kinder dort aufwärmen.

In kleinen Rucksäcken haben sie ein zweites Frühstück und Wechselsachen dabei. Und in großen Rucksäcken tragen die Erzieher, was sonst noch benötigt wird: Schnitzmesser, Säge, Erste-Hilfe-Set, eine Schaufel für den Toilettengang und biologisch abbaubares Toilettenpapier, Bestimmungsbücher für Pilze und Pflanzen und bei Bedarf auch eine Geburtstagskrone.

Spielsachen schleppen sie allerdings nicht in den Wald. „Wir nehmen mit Absicht kein Spielzeug mit“, sagt der Erzieher Axel Gösslinghoff. Die Natur liefert den Kindern das Spielmaterial: Stöckchen, Moos, Erde, Blätter und Steine. Gegen halb eins geht es langsam zurück zum Mittagessen, das ein Caterer in die Einrichtung liefert. Danach können die Kinder noch ein bisschen spielen, bevor die Eltern sie um spätestens halb drei abholen.

„Die Natur erdet die Kinder“

Über die Vorzüge der Waldpädagogik sind schon viele Ratgeber und Fachbücher geschrieben worden. Im Wald können die Kinder sinnliche Erfahrungen machen, die Natur entdecken, erforschen und verstehen. Das geht weit über das Zählen der Jahresringe in einer Baumscheibe hinaus. Der Wald wird zum Lernort und Bildungsraum.

„Die Natur erdet die Kinder. Sie lernen viel über den Wald und können eine Hainbuche und eine Stieleiche erkennen. Und sie sehen Käfer, Eichhörnchen, Vögel und Wildschweine“, sagt Leiterin Belotti. Außerdem entwickelten die Kinder auch ein Verständnis für den Wert der Natur. „Wenn sie Müll sehen im Wald, regen sie sich auf!“

Gösslinghoff hat sich bewusst für den Waldkindergarten entschieden, der Erzieher kann sich gar nicht mehr vorstellen, in einer konventionellen Einrichtung zu arbeiten. Vielen Eltern geht das ähnlich. Auch sie haben den Waldkindergarten mit Bedacht für ihre Kinder ausgewählt.

Robust, gesund und motorisch fit

Florian Huber ist der Vorsitzende des Elternbeirats. Er bringt seinen Sohn heute etwas später in den Wald und nimmt den Spott über seine weißen Turnschuhe gelassen hin: „Papa hat seine Arbeitsschuhe an.“ Ganz sauber sind sie nach dem Ausflug in den Wald nicht mehr.

Huber ist vom pädagogischen Konzept der Waldkita überzeugt. „Die Kinder blühen auf. Sie haben eine große Neugier für die Natur“, sagt er. Sein Sohn kenne schon mehr Pilzsorten als er. Und durch die vielen Stunden in der Natur seien die Kinder auch körperlich robust, gesund und motorisch fit. „Wir hoffen alle sehr, dass es weitergeht.“

Allerdings wünschen sich viele Eltern auch, dass die Kita länger geöffnet hat und nicht schon um halb drei schließt. Denn das macht es den Eltern nicht leicht, Familie und Beruf zu vereinbaren. Außerdem wünschen sie sich mehr Gelegenheiten zu Vorschulübungen, um gerade die älteren Kinder gut auf die Grundschule vorzubereiten. Auch das könnte möglich werden, wenn die Kita neue Räume findet, sagt Belotti. Denn dann würde sie die Öffnungszeiten gerne verlängern.

Im Schwanheimer Wald hat der Baumstammkrankenwagen unterdessen  sein Ziel erreicht. Jetzt werden Schneebälle im Kreis geworfen. Es regnet immer noch. Aber das stört hier niemanden.