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Wirtschaft ist 70 Prozent Psychologie. Das weiß auch US-Präsident Donald Trump. Deutschland, aber vor allem Europa müsse endlich „Paroli bieten“, sagt DIW-Chef Marcel Fratzscher.

Berlin – „Wir stehen von mehreren Seiten unter Druck“, sagte Friedrich Merz (CDU) in seiner Regierungserklärung. Man müsse nun selbst die „Sprache der Macht“ in Europa lernen und nutzen. Die Ansage des Bundeskanzlers kam eine Woche, nachdem US-Präsident Donald Trump im Grönland-Konflikt mehreren NATO-Partnerländern mit Strafzöllen gedroht hatte. Einen Rückzieher machte Trump erst, als die europäischen Länder ebenfalls mit höheren Zölle in Anschlag brachten. Eine Taktik, die bereits viel früher zur Deeskalation der hätte genutzt werden sollen, wie DIW-Chef Marcel Fratzscher im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media sagt.

US-Präsident Donald Trump Europa Wirtschaft ZölleTrump versteht nur eins: Deals. Top-Ökonom Marcel Fratzscher fordert deshalb, dass die EU bei Drohungen aus der USA weniger nachgeben und besser gegenhalten solle. © IMAGO / ZUMA Press Wire / Olaf Schuelke

„Wir brauchen andere Partner, wir müssen weniger abhängig werden von USA und China“, sagt der Ökonom unserer Redaktion. Allerdings müsse auch jedem bewusst sein, dass vollständige Abschottung nicht möglich ist. „Wir werden immer abhängig bleiben. Einfach weil die USA die größte Volkswirtschaft hat und genauso von China, weil sie bei wichtigen Technologien, Digitalisierung, digitalen Plattformen und künstlicher Intelligenz einfach weltweit führen.“

Darf nicht bei Lippenbekenntnissen bleiben: EU muss gegen Trump „an einem Strang ziehen“

Im Umgang mit Trump habe die EU über das vergangene Jahr einen ausschlaggebenden Fehler begangen, erklärt Fratzscher: „Er kann immer wieder mit Strafzöllen drohen, weil er das Gefühl hat, er kommt damit durch.“ China habe das deutlich klüger gemacht, indem es sich gegen die Zölle gestellt und selbst mit Maßnahmen dagegen gehalten habe. „Und dann hat Trump nachgegeben. Das Gleiche müssen wir auch in Europa machen. Was Trump versteht, ist ein Deal. Nur das respektiert er, wenn man eben Führung zeigt, Stärke zeigt und ihn in die Schranken weist“, fordert der Ökonom.

Wirtschaft sei zu 70 Prozent Psychologie, die Politik müsse vorangehen, fordert Fratzscher. „Unsere strukturellen Probleme lösen wir nur mit einem stärkeren Europa. Zu oft schauen wir immer noch durch eine nationale Brille und glauben fälschlicherweise, wir könnten mit einer nationalen Industriepolitik und einer nationalen Strategie China und den USA Paroli bieten.” Ansagen, dass die europäischen Länder nun enger zusammenstehen müssten, dürften nicht bloß Lippenbekenntnisse bleiben.

Ablegen müssten EU-Mitgliedsstaaten zudem die Angewohnheit, die EU verantwortlich zu machen, sobald etwas schlecht läuft, sagt Fratzscher: „Europa wird nach wie vor zu sehr als Sündenbock für nationale Fehler missbraucht. Wenn irgendwas gut läuft, dann ist das national: ‚Die haben das alles toll gemacht‘. Wenn irgendwas schief läuft, dann wird über Brüssel, über Straßburg geschimpft und gesagt: ‚Die haben das wieder versemmelt‘.“ Das sei schädlich – und gerade die deutsche Politik beschwere sich zu oft über die EU. „Wenn wir nicht gemeinsam an einem Strang ziehen, dann kommen wir in Europa nicht voran.“ (Quellen: Gespräch Marcel Fratzscher, Bundestag, eigene Recherchen)