Eine Sonderschau auf der Art Karlsruhe widmet sich dem abstrakten Werk des Karlsruher Malers Rolf Behm und zeigt ihn als unermüdlichen Experimentator, der Farbe, Form und Material immer wieder neu befragt. Ein Porträt
Gegensätze ziehen ihn an. Das spürt man beim Betrachten der farbgewaltigen Bilder von Rolf Behm. In seiner Kindheit hat ihn der Kontrast zwischen gesprengten Betonbunkern und der umgebenden Landschaft mit ihren Grün- und Brauntönen gefesselt. Solche Seh-Erlebnisse haben für den 1952 in Karlsruhe geborenen Künstler das „Fenster zur Abstraktion geöffnet“, wie er im Interview erzählt. Auf einer Sonderschau der Art Karlsruhe ist eine Auswahl von etwa 20 Arbeiten des Malers zu sehen, die aus verschiedenen Schaffensphasen stammen. Stefanie Patruno, Direktorin des Kunstmuseums Karlsruhe – wie sich die Städtische Galerie nun umbenannt hat – und Kuratorin der Ausstellung „Rolf Behm – Farbe, Form, Fabelwesen“, beschreibt den Künstler als „Alchemisten“, der „eine große Klaviatur an Materialien“ beherrsche und auf der Basis seines altmeisterlichen Könnens als unermüdlicher Forscher und Experimentator ans Werk gehe.
In den 1970er-Jahren hat Behm an der Kunstakademie Karlsruhe studiert, unter anderen bei Markus Lüpertz: „Er war ein Vollblutmaler, das hat er uns vorgelebt“, berichtet Behm. Lüpertz, Teil der West-Berliner Boheme, lockte auch seinen Schüler an die Spree, seit 1979 lebt Behm in Berlin. In den folgenden Jahren nabelte er sich künstlerisch von Lüpertz ab und fand, inspiriert von Aufenthalten in London und Florenz, zu einer abstrakten Farb- und Formensprache. In England fesselte ihn die britische Pop-Art, die sich durch ironische Distanz von der eher affirmativ der Warenwelt zugewandten US-Variante unterschied.
In Florenz war es primär das Licht, das ihn nachhaltig beeindruckte. Auf die Italienreise geht wahrscheinlich der „altmeisterliche Zug“ – wie Stefanie Patruno es nennt – seiner Farbbehandlung zurück. „Behm arbeitet meist mit einer aufgehellten, lichten Palette. Schwarz vermeidet er. Dunkelheiten entstehen bei ihm aus Lasuren von gebrochenen Farbtönen, die dem Bild Tiefe geben, ohne dass die Schattenzonen zu schwer werden“, erläutert die Kunsthistorikerin. Raum werde von Behm „nicht illusionistisch erzeugt“, sagt Patruno, „sondern geht immer reliefhaft aus der Fläche hervor“. Orientierungspunkte sind für Behm der lyrische Abstrakte Expressionismus US-amerikanischer Provenienz oder das in Europa sogenannte Informel geblieben – obwohl es in Berlin die Neuen Wilden und andere betont gegenständliche Positionen gab.
Künstlerische Kipppunkte
Die Gefahr, als abstrakter Maler ins Dekorative abzudriften, ist Behm immer bewusst gewesen: „Nicht umsonst hat sich Pollock den bösen Spitznamen ‚Jack the Dripper‘ eingefangen“, sagt er scherzend. Behm ist der Gefahr in seinen 50 Schaffensjahren durch stetige Innovation entgangen – indem er immer wieder neue Materialien ausprobiert oder Collage-Elemente in die Bilder eingefügt hat. Vor allem wechselte er das Thema, sobald seine Kunst zu erstarren drohte. Als wichtige Werkreihe nennt Stefanie Patruno die „Chimären“ (2011–14), die an den gleichnamigen Mischwesen der antiken Mythologie orientiert sind und bei denen die für Behm typische Mischtechnik zum inhaltlichen Prinzip wird. Spätestens alle sechs Jahre müsse er die Richtung wechseln, bestätigt der Künstler. Von den „Chimären“ ging er über zum „Malergepäck“, wie Behm die Malereien nannte, die er aus der Beschäftigung mit Scannerfotos vom Flughafen entwickelte – einer von vielen Wendepunkten in der Themenfindung des Künstlers.
Andere Kipppunkte in Behms Werklauf waren die Auseinandersetzung mit der Pandora-Sage oder mit Dantes „Göttlicher Komödie“. „Mich hat allerdings das viel zitierte ‚Inferno‘ nicht sehr interessiert, sondern mehr das Paradies – und das Verhältnis des Erzählers zur geliebten Beatrice, die Dante auf dem Flug durch die Himmelssphären kosmische, theologische und moralische Zusammenhänge erklärt.“ Was ihn fesselt, sind die Dinge, die hinter dem Sichtbaren verborgen sind, die am Ursprung des Seins liegen. „Wo kommen wir her? Wir bestehen aus Zellen, Molekülen, Atomen … Irgendwann lässt sich das nicht mehr zergliedern, wahrscheinlich. Die Wissenschaft mag an Grenzen kommen, aber der menschliche Geist gibt keine Ruhe, das sind so Dinge, die mich beschäftigen, die ich versuche, malerisch umzusetzen“, so Behm, der für die Dynamiken des Weltgetriebes immer wieder beeindruckende Bildformeln findet.
Eine der äußeren Wendungen, die sich auf seine Malerei niederschlugen, war 1993 eine Brasilienreise, in deren Verlauf Behm seine zweite Frau, eine Brasilianerin, kennenlernte. „Aus dem Aufenthalt dort haben sich dann tropische Motive ergeben, aber interessanterweise auch eine gedämpfte Palette, fast wie eine Schutzreaktion auf die intensive Farbigkeit, mit der ich in Brasilien konfrontiert war.“ Heute verbringt Behm viel Zeit in Rio de Janeiro, das ihm zu einer zweiten Heimat wurde, aber Berlin, wo auch seine Familie wohnt, bleibt sein Lebensmittelpunkt.
Ins Unbekannte
Erstaunlich findet Stefanie Patruno, wie gut vernetzt Behm in der Sammlerszene des Südwestens sei. Obwohl er schon lange nicht mehr in Karlsruhe lebe, habe der Künstler die Beziehungen zu privaten Sammlerinnen und Sammlern in der Region wirklich gepflegt. Die Überschrift der Reihe „Privates Sammeln“ ist also auch diesmal voll gerechtfertigt. Nicht wenige Werke der Ausstellung stammen aus Karlsruher Privatsammlungen, während das Kunstmuseum das Bild „Lineare Leichtigkeit I“ (1988) als einziges aus der eigenen Kollektion beisteuern kann.
Mit dem Großformat „Große Grazie“ (1989) habe die Stiftung Kunstforum Berliner Volksbank, so Patruno, ein „besonders tolles Bild“ als Leihgabe in der Ausstellung. Es handelt sich tatsächlich um ein leuchtendes Beispiel für die Koloristik Rolf Behms, der sich auf das Austarieren von Farbkontrasten ebenso versteht wie auf spannende Formerfindung. Ein warm-mediterranes Licht umspielt Flächen und Körper, die uns bekannt vorkommen und gleichzeitig ins Unbekannte locken. Ins Abenteuer Malerei, dem sich Rolf Behm mit Haut und Haar verschrieben hat.
Dieser Artikel erschien zuerst im Monopol-Sonderheft zur Art Karlsruhe 2026