LRO und Georg Reisch hatten bereits den Zuschlag für den Bau einer Interimsoper auf dem Innenhof des Geländes erhalten – seit einem Jahr wird gebaut, man ist im Zeitplan. Wie man ein historisch belastetes Gebäude aus der NS-Zeit in einen lebendigen Kulturort verwandelt, sagt die Architektin Katja Pütter im Interview.
Frau Pütter, was sind die besondere Herausforderungen beim planerischen Umgang mit dem schwierigen Erbe der Kongresshalle ?
Die Nutzbarmachung dieses stark belasteten Erbes bedeutet für alle Beteiligten eine große Herausforderung auf allen Ebenen, von Erinnerungskultur über die behutsame Pflege des Baudenkmals bis hin zu zeitgemäßen Lösungen für einen gelingenden Kulturbetrieb. Wir gehen die Aufgabe mit viel Energie, Respekt und all unserer Erfahrung aus vorangegangenen Projekten an.
Wie sieht das konkret aus?
Das Projekt umfasst die bauliche Ertüchtigung und den Innenausbau von zehn der insgesamt 16 Sektoren des „Torsos“ der Kongresshalle in Nürnberg. Die Besonderheit liegt darin, dass der hufeisenförmige Baubestand ja gar nicht die eigentliche, nie realisierte Kongresshalle selbst ist, sondern ausschließlich dienende Flächen umfasst – für Erschließung, Technik und Nebennutzungen. Es geht bei dem Bauprojekt darum, diese vorhandene serielle Struktur mit ihren unterschiedlich geschnittenen, für ganz andere Nutzungen vorgesehenen Räumen für die kulturellen Aktivitäten nutzbar zu machen und dabei so wenig Eingriffe wie nötig vorzunehmen.
Was ist der Grundgedanke für den Umbau?
Zentral für den Entwurf ist die Frage „Das Gebäude kann, was es kann! Aber was kann es wirklich?“. Ein tiefgehendes Verständnis für das Bestandsgebäude und die historische Planung ist hierbei eine Grundvoraussetzung. Das beinhaltet vor allem die Struktur der Räumlichkeiten, aber auch die Lage haustechnischer Anlagen oder die Belastbarkeit der Konstruktion, nach denen sich sowohl der Bauablauf als auch die Verortung der unterschiedlichen Nutzungen richten muss. Es ging darum, sehr genau zu überprüfen, welche Räume sich für welche Nutzung eignen und sich mit den umliegenden in sinnfällige Beziehungen zueinander setzen lassen.
Der Torso steht unter Denkmalschutz, wie reagiert Ihr Entwurf darauf?
Zuallererst ist es wichtig, das Baudenkmal in seiner Substanz und in seinem Zeugniswert möglichst unangetastet zu belassen. Bauliche Eingriffe und Einbauten müssen auf das Nötigste beschränkt bleiben.
Was bedeutet das?
Jegliche Form der Beschönigung oder gar Inszenierung verbietet sich dabei. Die Wahrnehmbarkeit des Bestands mit seinen kolossalen Formen und unfertigen, rohen Oberflächen bleibt erhalten. Die Bedingungen für die Arbeiten sind außergewöhnlich: Hinter der Fassade wird in Räumen mit Wandstärken von zum Teil mehr als zwei Metern und Raumhöhen von bis zu neun Metern gebaut. Einbauten werden so gestaltet, dass der bestehende Raumeindruck bestmöglich erhalten bleibt.
Der Torso der von den Nationalsozialisten geplanten Kongresshalle in Nürnberg wird von Stuttgarter LRO Architekten und dem Generalübernehmer Reisch umgestaltet. Foto: Daniel Karmann/dpa
Wie wollen Sie das erreichen?
Die Unterteilungen zwischen den Segmenten des Kongresshallen-Rundbaus erfolgen mit durchsichtigen Stahl-Glas-Elementen. Ziel ist, die Bedingungen für die gewünschte Durchlässigkeit des Gebäudes zu schaffen und für Offenheit und Transparenz zu sorgen. Komplizierte Anschlüsse werden wir im Sinne des „einfachen Bauens“ vermeiden.
Das bedeutet?
Wände und Decken werden gereinigt, aber nicht verputzt oder neu gestrichen. Installationen erfolgen sichtbar, aber geordnet. Raumakustisch erforderliche Elemente werden gestalterisch zurückhaltend integriert und auf das Nötige beschränkt. Neu hinzu kommen brandschutztechnisch erforderliche Elemente wie zum Beispiel Feuerwehraufzüge oder sicher begehbare, barrierefreie Böden. Alle erforderlichen Einbauten sind so weit möglich reversibel und ohne Eingriff in die Substanz konzipiert – die ursprüngliche Gebäudetypologie bleibt unangetastet und ablesbar.
Sie arbeiten auch bei dem Interimsbau auf dem Reichsparteitagsgelände für die Stadt Nürnberg mit dem Generalübernehmer Georg Reisch zusammen. Wo liegen die Vorteile einer solchen Teambildung – einmal abgesehen davon, dass Sie bei bisherigen Zusammenarbeiten wie beim Münchner Volkstheater oder dem Landratsamt Plochingen schon stets Zeit- und Kostenrahmen halten konnten?
Unsere in Jahrzehnten bewährte Zusammenarbeit ist vom gemeinschaftlichen Willen geprägt, konstruktiv an optimalen Lösungen zu arbeiten. Durch Verlässlichkeit und die gleichen hohen Ansprüche an bauliche wie gestalterische Qualität sind wir uns sehr verbunden. Und freilich kennen wir gegenseitig unsere Stärken und vielleicht auch Schwächen; das ist ein riesiger Vorteil für uns und den gesamten Bauprozess.
Zur Person
Katja Pütter
Geboren wurde Katja Pütter 1973 in Marl geboren. 1994 bis 1997 Architekturstudium an der Fachhochschule Bochum, 1997 Diplom an der Fachhochschule Bochum. 1997-1998 Mitarbeit im Büro Prof. Hermann Kleine-Allekotte in Bottrop-Kirchhellen, ab 1998 Mitarbeit im Büro Lederer Ragnarsdóttir Oei in Stuttgart, ab 2012 Geschäftsführerin im Büro Lederer Ragnarsdóttir Oei, seit 2021 Preisrichtertätigkeit. Seit 2021 Geschäftsführende Gesellschafterin im Büro LRO.