Viele Rundgänge auf St. Pauli haben verschiedenste Themen im Fokus. Einer aber geht weg von den Hotspots und führt stattdessen zu den „Reliquien der Reeperbahn“. Die Tour widmet sich dem längst vergessenen Nachlass bekannter Persönlichkeiten, die mit dem Kiez in Verbindung standen. Hin zu verschütteten Erinnerungen und Geschichten, die im Verborgenen ruhten und es rechtzeitig zum 400. Geburtstag der Reeperbahn 2026 ans Tageslicht geschafft haben.
Zwischen Suff und Siff: Was auf der Reeperbahn übrig bleibt, wenn die Nacht vorbei ist
Ein Reeperbahn-Museum ohne Mauern
Zwei eng mit St. Pauli verknüpfte Personen haben die spannende Tour entwickelt, die gerade erst am Anfang steht und immer weiter ausgebaut wird: Historikerin Eva Decker und Ekkehard Opitz, Inhaber des Erotic Art Museums. „Als Objekte der Stiftung Günter Zint aus den Lagerräumen entfernt werden mussten“, sagt Opitz, „kam Eva Decker mit der Idee um die Ecke, ein Museum ohne Mauern zu schaffen und Gegenstände aus dem Fundus überall im Stadtteil zu verteilen. Möglichst dort, wo sie herkommen und sichtbar für alle.“
Ekkehard Opitz zeigt einen Dildo der anderen Art.
Foto: Dagmar Gehm
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Mit großer Begeisterung verrät die St. Pauli-Expertin Decker letzte Geheimnisse des weltberühmten Stadtteils – plastisch vor Augen geführt mit Schätzen, die sie gemeinsam mit Ekkehard Opitz liebevoll zusammengetragen hat.
Erinnerungen an Domenica
Ausgangspunkt der Reliquien-Tour ist die „One a Bar“ im Arcotel Onyx, Reeperbahn 1A, am östlichen Beginn der sündigen Meile. Dort drehte sich einst alles um den legendären „Trichter“, den Eva Decker mit alten Fotos wieder ins Leben ruft. Wo jetzt die Tanzenden Türme stehen, gab es vor 200 Jahren einen Holzpavillon mit markantem Dach, der dem glanzvollen Varieté, das 1920 hier eröffnet wurde, seinen Namen verlieh.
Artefakte in der Vitrine der Bar erzählen die Story von Erotik und Ekstase, passend dazu haben es auch Stücke aus dem Nachlass von Domenica, „Edelhure“ aus der Herbertstraße, in die Vitrine geschafft.
2013 wurde die Esso-Tankstelle, auch „Kiez-Tanke“ genannt, abgerissen. Übrig blieb ein riesiges Schild, jetzt angebracht im ersten Treppenhaus der Reeperbahn Garagen. „Sie wurden als Bunker im Zweiten Weltkrieg für 6500 Menschen gebaut. 1943 haben hier etwa 20.000 Schutz gefunden“, weiß Decker zu berichten.
Blick in den Salon Harry, in dem einst die Beatles auf dem Friseurstuhl Platz nahmen.
Foto: Dagmar Gehm
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In der Davidstraße haben sich im Salon Harry die Beatles ihre Pilzköpfe trimmen lassen. Im Schaufenster des Kiezbarbiers weisen Mini-Beatles auf die Geschichte des Friseursalons hin. Auch das Klavier des plattdeutschen Liedertexters Hein Köllisch in der Elbdiakonie am Hein-Köllisch-Platz lässt sich von außen betrachten. In der Kneipe „Rotlicht“ wiederum sind Accessoires der Mädels vom Straßenstrich ausgestellt, und aus der ehemaligen Casablanca Bar in der Bernhard-Nocht-Straße grüßt ein junger Freddy Quinn.
Vibratoren als Höhepunkt der St. Pauli-Tour
Ein paar Häuser weiter öffnet als Highlight der Tour Ekkehard Opitz sein Erotic Art Museum und das Vibratorium. Eine Wundertüte an erotischen Überraschungen mit Pin-ups des Malers Erwin Ross, berühmt geworden durch die gespreizten Frauenbeine am Eingang der Kultkneipe „Zur Ritze“, Bilder von Fiete Frahm und Klaus Barkowsky (schöner Klaus), der nicht nur Zuhälter, sondern auch begnadeter Maler war.
Noch warten zahlreiche Artefakte darauf, als Reliquien der Reeperbahn ins Spotlight zu rücken. Rechtzeitig zum Jubiläum „400 Jahre Reeperbahn“, das in diesem Jahr gefeiert wird.
Infos unter: reeperbahn.com/de/tour