Nach einer Infektion droht Frank Bauers Lunge zu versagen. Der Transport scheint unmöglich. Ein Notfallplan des Klinikums Stuttgart bringt die Wende – und rettet den 65-Jährigen.

Als Frank Bauer auf dem Hubschrauberlandeplatz des Klinikums Stuttgart steht, übermannen ihn die Gefühle: Vor wenigen Monaten war der 65-Jährige schon einmal hier oben – damals als schwerkranker Patient, irgendwo auf der Kippe zwischen Leben und Tod. Dass er überlebte, hatte er einer kleinen mobilen Herz-Lungen-Maschine zu verdanken. Und dem beherzten Eingreifen des jungen Intensivmediziners und Notarztes Matthias Ott, der nun neben Frank Bauer steht. Er höre gerne Depeche Mode, sagt Bauer. „Und der hier ist daher mein ‚personal Jesus’.“

Das Wiedersehen auf dem Hubschrauberlandeplatz kommt nicht von ungefähr: Es ist ein Fototermin, anberaumt vom Klinikum Stuttgart. Denn Frank Bauer hat dem städtischen Krankenhaus zu zwei mobilen Ecmo-Geräten im Wert von 150.000 Euro verholfen – also kompakten Herz-Lungen-Maschinen, die Rettungsärzte in ihren Rucksack packen können, um damit in Minutenschnelle Leben zu retten, etwa wenn Menschen aufgrund eines plötzlichen Herzstillstands zusammenbrechen. Oder wenn die Lunge eines Schwerkranken plötzlich den Dienst zu versagen droht – so wie bei Frank Bauer.

„Die Ecmo-Geräte können über Schläuche das Blut außerhalb des Körpers an einer Membran mit Sauerstoff befüllen und in einem zweiten Schlauch wieder in den Körper zurückführen“, erläutert der Intensivmediziner Ott. Auf diese Weise kann der Kreislauf stabilisiert werden, um den Patienten bestmöglich zu behandeln, bis er wieder in der Lage ist, selbstständig zu atmen.

Erst war es ein Husten – dann drohte akutes Lungenversagen

Bauer war einer dieser Patienten, die dringend ein solches Gerät benötigten: Er kam mit seiner Frau aus dem Großbritannien-Urlaub zurück und kränkelte. „Ich hatte mir auf dem Rückweg eine Pneumokokkeninfektion zugezogen“, sagt der 65-Jährige. Bei gesunden Menschen spielen die Keime kaum eine Rolle, doch bei kleinen Kindern, Älteren und chronisch Kranken können die Bakterien durchaus zu schweren Erkrankungen führen.

Bei Bauer, der ebenfalls eine chronische Erkrankung hat, lösten die Bakterien eine schwere Lungenentzündung aus. Das Organ drohte nach wenigen Tagen zu versagen. Bauer wurde im Klinikum Pforzheim auf die Intensivstation verlegt, ins künstliche Koma versetzt und komplett beatmet.

Der Pforzheimer Unternehmer Frank Bauer und seine Frau fünf Monate nach seinem Klinikaufenthalt. Foto: Klinikum Stuttgart

Doch schnell wurde klar: Der stark strapazierte Körper des Unternehmers benötigt die Unterstützung einer Herz-Lungen-Maschine. Die gibt es allerdings nur in ausgewählten Zentren. Unklar ist zudem, ob der Gesundheitszustand des Kranken einen solchen Transport übersteht. „Von da an begann der Albtraum für unsere Familie“, sagt Frank Bauer.

Nur wenige Kliniken bieten einen sicheren Transport rund um die Uhr

Der Fall des 65-jährigen Patienten Bauers ist ein Paradebeispiel für eines der Probleme in der bundesweiten Notfallmedizin – das meint auch Daniel Räpple, Ärztlicher Leiter der Internistischen Intensivmedizin und des Ecmo-Zentrums am Klinikum Stuttgart. So stehen Notärzte bei ihren Einsätzen oft vor der Frage, wie schwerkranke Menschen, die auf die Unterstützung einer Herz-Lungen-Maschine angewiesen sind, sicher und schnell versorgt werden können.

Zwar gibt es bundesweit ein Netzwerk an Krankenhäusern, die als sogenannte ECMO-Zentren ausgewiesen sind: In Baden-Württemberg sind das neben dem Klinikum Stuttgart die Universitätskliniken Freiburg, Ulm, Tübingen und Heidelberg. „Doch nur wenige verfügen über ausreichende Möglichkeiten, Patienten mit akutem Herz- oder Lungenversagen auch rund um die Uhr über größere Distanzen hinweg sicher in die Klinik zu bringen“, sagt Räpple.

Zwei Hubschrauber mussten unverrichteter Dinge abfliegen

Die Familie von Frank Bauer hat diesen Notstand aus nächster Nähe miterleben müssen: Der erste Rettungshubschrauber, der den schwer kranken 65-Jährigen ins Klinikum Stuttgart hätte ausfliegen sollen, flog unverrichteter Dinge wieder ab. Dem mitfliegenden Notarzt war es zu kritisch, Bauer ausschließlich mit einem Beatmungsgerät zu transportieren.

Auch ein zweiter Helikopter musste umkehren: Für den Patienten und ein Beatmungsgerät war in diesem Hubschraubermodell kein Platz. „Wir haben fassungslos mitansehen müssen, wie zunächst jeder Rettungsversuch erfolglos blieb“, schildert die Ehefrau Snjezana Bauer diese dramatischen Stunden.

Im Klinikum Stuttgart arbeiteten Ott und sein Team schon an einem möglichen Notfallplan: „Glücklicherweise konnte eine Patientin, die an eines der wenigen mobilen ECMO-Geräte angeschlossen war, an jenem Tag von der Herz-Lungen-Maschine entwöhnt werden“, sagt der Oberarzt. Mit dem wieder einsatzfähigen Gerät fuhr Ott mit einem speziellen Einsatzwagen nach Pforzheim, um den Unternehmer Bauer soweit an der mitgebrachten Herz-Lungen-Maschine zu stabilisieren, dass er mit einem weiteren herbeigerufenen Hubschrauber ausgeflogen werden konnte.

Zwei neue Geräte als Dank an das Klinikum Stuttgart

Frank Bauer hat überlebt. Eine Woche später hatte sich seine Lunge soweit erholt, dass er von der Herz-Lungen-Maschine entwöhnt werden konnte. Jetzt, fünf Monate später, findet er langsam zu seiner alten Form zurück. Doch die dramatische Rettung hat Spuren hinterlassen: „Als wir begriffen hatten, warum der Krankentransport für meinen Mann so problematisch war, war für uns klar: Kein Mensch in Notlage sollte mehr in eine solche Situation kommen“, sagt Snjezana Bauer. Weshalb die Familie den Kauf zweier weiterer mobiler Ecmo-Geräte unterstützte.

Dem Klinikum Stuttgart bedeutet diese Spende viel: Schon jetzt werden jährlich mehr als 170 Patienten mit akutem Herz- oder Lungenversagen im Ecmo-Zentrum des Klinikums versorgt. „Mit den beiden neuen Geräten können wir die Versorgungssicherheit von Patientinnen und Patienten der Region mit dieser lebenserhaltenden Therapie weiter ausbauen“, sagt Räpple. Ebenso können Patienten mit fortgeschrittenem kardiogenem Schock oder Lungenversagen per Hubschrauber aus weiter entfernten Standorten sicher ins Zentrum überführt werden.

„Erst vor kurzem musste eine 36-Jährige Patientin aufgrund eines Herzversagens vor Ort auf der Schwäbischen Alb mittels einer mobilen ECMO versorgt werden, bevor wir sie ins Klinikum transportieren konnte“, sagt Räpple. Und das an einem Wochenende um ein Uhr nachts. Ohne die ECMO hätte die Frau den Transport nicht überlebt.

Wenn Herz und Lunge versagen

Rettung
Jährlich werden bundesweit 2000 bis 2500 Betroffene mit Hilfe von ECMO-Geräten in Kliniken behandelt. Und immer häufiger gelingt es Intensivmedizinern diese Patienten auch erfolgreich zu therapieren.

Risiko
Die ECMO birgt auch Risiken, da es zu erheblichen Komplikationen kommen kann. Schließlich muss die Maschine mit fingerdicken Schläuchen über die großen Gefäße am Hals an den körpereigenen Blutkreislauf angeschlossen werden. Die Deutsche Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN) betont deshalb im Rahmen ihrer Jahrestagung, wie wichtig es ist, dass dieses hochkomplexe Verfahren durch gut ausgebildete Intensivmediziner und Pflegekräfte durchgeführt wird.