Bildhauer und Karnevalist Jacques Tilly will trotz des umstrittenen Strafverfahrens in Russland mit seiner Arbeit fortfahren. „Wir machen natürlich business as usual. Auch die Russen müssen begreifen, dass es uns nicht nur um (den russischen Präsidenten Wladimir) Putin geht“, sagte er dem Portal „Web.de News“. „Im Karneval nehmen wir alle Herrscher aufs Korn, auch die demokratisch legitimierten.“
Tilly hatte Karnevalswagen für den Düsseldorfer Rosenmontagszug mit Karikaturen von Kremlchef Putin gebaut. Laut Gericht muss er sich unter anderem wegen Verunglimpfung der russischen Staatsorgane verantworten. Dazu gehören neben der russischen Armee auch Putin.
Nach dem sehr weit gefassten Strafgesetz zur Verunglimpfung der russischen Staatsorgane und Verbreitung von Falschinformationen über die Armee drohen Tilly eine Geldstrafe oder Freiheitsentzug bis zu zehn Jahren. Nach solchen Anschuldigungen sind in Russland schon viele Kriegsgegner der von Putin befohlenen Invasion der Ukraine verurteilt worden. Die Entscheidungen stehen international als Unrechtsurteile der russischen Willkürjustiz in der Kritik.
Eine Karnevalsskulptur von Jaques Tilly auf einer Anti-Kriegs-Demonstration im Düsseldorfer Hofgarten im März 2022 – nur wenige Tage nach Russlands Vollinvasion der Ukraine – zeigt den russischen Präsidenten, der eine sinnbildliche Ukraine zu schlucken versucht.
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Tillys Skulptur für den Rosenmontagsumzug 2025 in Düsseldorf zeigte einen US-Präsidenten Trump in Zerstörungswut.
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Zum Rosenmontagszug 2020 ließ Tilly den rechtsextemen Thüringer AfD-Politiker Bjöen Höcke einen Hitlergruß zeigen.
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Zuletzt hatte die russische Justiz das Strafverfahren mehrfach verschoben – vorerst auf den 26. Februar. Das Gericht musste einen neuen Termin ansetzen, weil Zeugen in dem Verfahren nicht erschienen seien, sagte ein Gerichtssprecher.
Richter Konstantin Otschirow hatte den Prozess schon Ende Dezember verlegt und dies mit der Abwesenheit der Pflichtverteidigerin Tillys begründet, die auf Dienstreise sei. Sie war diesmal anwesend. Der Prozess findet in Abwesenheit des Angeklagten statt. Vertreter der Deutschen Botschaft verfolgen das Gerichtsverfahren an Ort und Stelle in Moskau.
„Ich bin von der russischen Justiz nach wie vor nicht über das Verfahren informiert worden. Kein Brief, keine Info – nichts“, sagte Tilly auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur.
Tilly wird laut Anklage vorgeworfen, aus eigennützigen Motiven und aus politischem Hass falsche Darstellungen über die russische Armee verbreitet zu haben, hatte das Portal „Ostoroschno Nowosti“ berichtet. Laut Anklage geht es um Interviewaussagen des Künstlers. Tilly betont, die russische Armee in seinen Werken nie thematisiert zu haben. Er habe durch einen Hinweis von „Freies Russland NRW“ von dem Verfahren erfahren.
„Humor tut anscheinend doch weh“, sagte er. Das Verfahren sei lächerlich. „Russland ist ein Mafia-Staat mit einer entsprechenden Gerichtsbarkeit.“ Er werde als Karnevalist auf das Verfahren reagieren und bewusst keinen eigenen Anwalt entsenden.
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Tilly ist vor allem für seine bissig-satirischen Mottowagen im Düsseldorfer Rosenmontagszug bekannt. Seit 1984 baut und entwirft er Karnevalswagen, die schon mehrfach weltweit für Aufsehen sorgten. Jedes Jahr werden seine Karnevalswagen daher mit besonderer Spannung erwartet.
Bereits mehrfach waren die Mottowagen Wladimir Putin gewidmet. Eines seiner Werke – eine Figur von Putin in Handschellen – brachte der Bildhauer nach Den Haag zum Internationalen Strafgerichtshof. Eine andere Arbeit zeigt Putin in einer ukrainischen Wanne – in Blut badend.
Zu den Motiven für den diesjährigen Karneval äußerte sich Tilly im Interview nicht: „Das verraten wir nicht. Wir haben strenge Geheimhaltung in Düsseldorf.“ (dpa/Tsp)