Annika von Mutius hat es schon mal geschafft. Sie hat im Silicon Valley gearbeitet, dem wohl berüchtigtsten Ort der Tech-Szene. Dort war sie Produktchefin bei der Robotikfirma „Multiply Labs“. Mit Mitte 20 war sie dort, und man könnte meinen: Dann ist sie verrückt geworden. Dann nämlich, im Jahr 2022, zog sie zurück nach Deutschland und gründete ein Tech-Start-up in Berlin. Es heißt „Empion“ und hilft Personalabteilungen mit künstlicher Intelligenz (KI) bei der Bewerbersuche.
Heute ist Mutius 32, hat um die 50 Mitarbeiter und berät Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU), wenn es um die Interessen des Mittelstandes geht. Eines ihrer Hauptanliegen: dass Europa weniger abhängig von den USA und China wird, wenn es um moderne Software, Clouds oder KI geht. Aber worauf kommt es dabei wirklich an? Und was lässt Mutius so sehr an Europa glauben, dass sie aus dem Silicon Valley zurückgekehrt ist?
USA
:Das Jahr der Tech-Oligarchen
Musk, Thiel, Zuckerberg: Das Silicon Valley ist voll auf Maga-Kurs. Hat sich der Rechtsruck ausgezahlt? Eine Bilanz nach einem Jahr Donald Trump.
SZ PlusVon Simon Berlin und Jannis Brühl
„Die größte Frage sollte nicht sein, wo wir schlechter sind als andere Länder“, sagte Mutius bei den „Munich Economic Debates“, einer Veranstaltungsreihe des Ifo-Instituts und der Süddeutschen Zeitung. „Die wesentliche Frage sollte sein: Wo liegen unsere Kernkompetenzen?“ Mutius sieht drei große Stärken in Europa – auf die müsse aufgebaut werden.
Der etablierte Arbeitsmarkt ist eine große Stärke
Die erste Stärke sei der Arbeitsmarkt. Der sei weitgehend stabil und viel weniger Schwankungen unterlegen als zum Beispiel jener in den USA. Zudem sei unter den Beschäftigten mehr Expertenwissen vorhanden als in jeder KI. Ihr Vater zum Beispiel habe eine klassische Metallverarbeitungsfirma gehabt. „Ich habe technologisch mehr gelernt von ihm als er von mir“, sagt Mutius.
Die zweite Stärke sieht sie in der Bildung selbst. „Wir haben ganz viel tolle Forschung in Europa.“ Die Idee für ihre Firma sei aus ihrer Doktorarbeit entstanden. Als sie sich entschied, basierend darauf das Start-up in Deutschland zu gründen, erhielt sie dafür sogar ein Stipendium. Bloß: Oft gebe es einen „Missmatch“ zwischen gut ausgebildeten Fachkräften, die keinen Job finden, und Arbeitgebern, die unter Fachkräftemangel leiden. Die Bildung passe nicht mehr zu den Berufen. Das müsse dringend angepasst werden.
Jobs für junge Akademiker
:Alle suchen, keiner findet
Master-Abschluss mit Note 1,3 – und trotzdem keine Stelle. Während Luisa Neumann eine Bewerbung nach der anderen schreibt, findet Ingenieur Thomas Nußbaum keine Nachwuchskräfte. Wie passt das zusammen? Eine Spurensuche.
Von Anna Lea Jakobs und Sebastian Strauß
Als dritte Stärke sieht sie die Möglichkeit, auf einem Schatz an europäischen Daten aufzubauen. Zur Veranschaulichung nennt sie ein praktisches Beispiel: Kürzlich sei sie in der Ukraine gewesen. So schrecklich es dort auch gewesen sei, durch den Druck und den direkten Einsatz sei die Innovation etwa bei Drohnen enorm. Ähnlich ließe sich das auf andere Bereiche in Europa übertragen.
Es gibt überall Abhängigkeiten
Wenn Europa auf diese drei Stärken setzt, sieht Mutius gutes Potenzial für weniger Abhängigkeit. Nun ist Abhängigkeit aber eine ziemlich verzwickte Sache: Man kann sie nicht einfach von heute auf morgen loswerden. Auch bei Mutius‘ Software liegen viele Daten in amerikanischen Clouds. Ihre KI basiert zu Teilen auf amerikanischen Sprachmodellen. Und auch, um überhaupt Bewerber zu finden, ist Mutius auf Plattformen wie Instagram, Tiktok oder Linkedin angewiesen. Die kommen aus den USA oder China.
„Für alles auf der Welt gibt es irgendwelche Abhängigkeiten“, sagte Clemens Fuest, Präsident des ifo-Instituts, im Gespräch mit Mutius. „Wir müssen schauen, wo die Autonomität uns am wichtigsten ist, und dann eine Strategie entwickeln, womit wir anfangen.“
Womit also anfangen? Wenn es nach Mutius geht, wäre der wichtigste Schritt, weniger zu regulieren. Den AI-Act, der in der Europäischen Union die Nutzung von KI gesetzlich regelt, findet sie „wirklich nicht schön“. Die Datenschutzgrundverordnung bereite ebenfalls Hürden. Und auch den Kündigungsschutz würde sie gern auflockern, zumindest bei Besserverdienenden. Dann hätten es Start-ups leichter, wirklich groß zu werden – und kämen auch eher nach Europa.
Wirtschaftsnobelpreisträger Philippe Aghion
:„Wir sind zu bequem geworden“
Was kann Europa tun, um seinen Platz in der Welt zu verteidigen? Ein Gespräch mit dem Wirtschaftsnobelpreisträger Philippe Aghion über schöpferische Zerstörung, seinen Hausaufgaben-Helfer Karl Lagerfeld und weshalb Europa nicht vor Trump buckeln darf.
SZ PlusInterview von Alexander Mühlauer und Judith Wittwer
Tatsächlich, sagt Fuest, habe Europa früh die Risiken von KI in den Vordergrund gestellt. „Andere Länder sind etwas entspannter. Man könnte aber auch sagen: leichtsinniger.“ Trotzdem ist auch der Ökonom dafür, mal weniger Regulatorik zu wagen, zumindest als Experiment. Wie wäre es zum Beispiel, fragt er, einfach mal in Hessen den AI-Act aufzulockern? Vielleicht würde das gar nicht so viel schaden. „Aber das ist so gar nicht unsere Mentalität.“


