Kiel. Eine Zahl sagt bei dieser Geschichte vielleicht mehr als tausend Worte. Im vergangenen Jahr lebten laut Sozialbericht 58,6 Prozent der Kielerinnen und Kieler allein in einer Wohnung. Da kommt für viele ein neues Angebot von der Pfarrei Franz von Assisi und der Caritas vielleicht gerade recht. Ab sofort wird in Kiel ein günstiger Mittagstisch unter dem Motto „Gemeinsam statt einsam“ serviert.

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Draußen ist es am Starttag der Aktion klirrend kalt. Und dann streiken auch noch die Busfahrer. Aber die insgesamt sechs Helfer sind guten Mutes. „Wir haben schon seit Wochen überall in der Stadt Flyer verteilt und Plakate aufgehängt”, erzählt Anette Ruml (36) vom Caritasverband.

Ein neues Angebot für Alleinlebende in Kiel

„Die Idee entstand schon vor rund einem Jahr”, erzählt der Gemeindereferent der Pfarrei Franz von Assisi, Stefan Becker (62). Eigentlich sollte es mit dem Mittagstisch schon im Herbst losgehen. „Doch wir fanden nicht genügend freiwillige Helfer.“

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Das ist jetzt anders. Zwei Schüler von der Gutenbergschule werden künftig regelmäßig dabei sein. Und dann sorgte noch die Freiwilligenmesse im November im Rathaus in Kiel für Anmeldungen. So wurde auch Karin Heuer (66) auf die Aktion aufmerksam. „Ich bin vor eineinhalb Jahren in den Ruhestand gegangen“, erzählt sie. Jahrelang hatte sie als Schreibkraft bei der Kripo gearbeitet.

Unter dem Motto "Gemeinsam statt einsam" startet das Gemeindezentrum St. Nikolaus in der Rathausstraße einen Mittagstisch für Seniorinnen und Senioren an drei Tagen in der Woche. Das Organisationsteam mit (von links) Karin Heuer, Stefan Becker, Kerstin Domke, Anette Ruml, Abdul-Jabar Altams, Silke Eggemann und Sozialdezernent Gerwin Stöcken.

Langeweile habe sie jetzt zu Hause zwar absolut nicht. „Es fühlt sich wunderschön an – ein bisschen wie Pippi Langstrumpf.“ Aber man müsse sich auch mal selbst in den Hintern treten. „Sonst reißt das Nichtstun noch ein“, sagt Karin Heuer augenzwinkernd. So kam sie zum Ehrenamt bei der Mittagstisch-Aktion. „Ich kann gut mit Menschen und mag Menschen. Jetzt bin ich gespannt, was kommt.“

Freiwillige Helfer gesucht und gefunden

Auch Abdul-Jabar Altams (26) will im Ehrenamt aktiv sein. Der Mann aus Syrien besucht derzeit einen B2-Deutschkursus und will später studieren und IT-Spezialist werden. „Ich möchte anderen Menschen helfen, mich integrieren und besser Deutsch lernen“, sagt er über seine Beweggründe, hier heute zu stehen.

Es ist kurz vor 12 Uhr. Kerstin Domke (45) von der Caritas fährt mit dem Auto vor und bringt zwei große Styroporboxen mit dem Mittagessen. „Das lassen wir beim Kieler Anker in der Schaßstraße kochen“, erzählt Stefan Becker. Bei der Einrichtung der Diakonie Altholstein haben sie zunächst 15 Portionen bestellt. „Wir wissen ja nicht, wer heute alles kommt.“

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Ich freue mich, dass hier ein Ort entsteht, an dem sich Menschen versammeln können, die sonst alleine sind.

Gerwin Stöcken

Sozialdezernent

Als die Behälter endlich im Gemeindezentrum St. Nikolaus in der Rathausstraße 5 stehen, wächst bei allen die Vorfreude. Schnell misst die ehrenamtliche Helferin Silke Eggemann (72) noch die Temperatur des Essens – damit auch das Gesundheitsamt zufrieden ist.

"Gemeinsam statt einsam": Am ersten Tag gab es Hackbällchen mit Reis und Zaziki.

Dann warten die Hackfleischbällchen mit Reis und Zaziki auf die Gäste. Für drei Euro kann sich hier jeder künftig dreimal die Woche sattessen. Als Erstes kommt Sozialdezernent Gerwin Stöcken (SPD, 63) schnellen Schrittes hereingeschneit.

Wenn Einsamkeit unsere Gesellschaft prägt

„Ich freue mich, dass hier ein Ort entsteht, an dem sich Menschen versammeln können, die sonst alleine sind“, sagt er. Einsamkeit sei ein wachsendes Problem. Nicht nur bei älteren Menschen.

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Dann schauen alle gebannt zur Tür. Aber nichts passiert. An diesem frostigen, ersten Tag der Aktion findet noch niemand den Weg in die Rathausstraße. Dabei ist alles da. Ein warmer Raum, leckeres Essen, nette Helfer. Nur die Seniorinnen und Senioren fehlen.

„Das muss sich vermutlich erst noch herumsprechen“, sagt Kerstin Domke aufmunternd. Die anderen nicken. Entmutigen lassen sie sich auf keinen Fall. Nach solchen Anlaufschwierigkeiten kann es ja auch eigentlich nur besser werden.

Mittagstisch „Gemeinsam statt einsam“ für Seniorinnen und Senioren, montags, mittwochs und freitags von 12 bis 14 Uhr, Gemeindezentrum St. Nikolaus, Rathausstraße 5 in Kiel.

KN