Zur Eröffnung des Fernsehturms vor 70 Jahren gratulierte OB Arnulf Klett dem SDR zur „Schnapsidee“ mit Schnaps in Turmform. Wir blicken auf die Historie zurück. Eine Liebeserklärung.

Vor seiner Eröffnung hatte der Fernsehturm nicht nur Fans. Was der Süddeutsche Rundfunk (SDR) da plane, sei eine „Schnapsidee“, war in den 1950ern zu hören, ein „Schandmal“ entstehe hoch über dem Kessel, ein Fremdkörper in der schönen Waldlandschaft. Als am 5. Februar 1956 dennoch der offizielle Festakt zum Start stattfand, griff Oberbürgermeister Arnulf Klett die Kritik mit feiner Ironie auf: Er überreichte dem SDR-Intendanten Fritz Eberhard eine mit Schnaps gefüllte Flasche in Form des Fernsehturms – als Anerkennung für die gelungene „Schnapsidee“ des Turmbaus.

Die originelle Flasche ist bis heute erhalten und wird sicher verwahrt im Historischen Archiv des SWR. Für eine Radiosendung wird sie zum 70. Geburtstag noch einmal ausgeliehen: Designer O. A. Krimmel spricht bei SWR1 über das Objekt, das sinnbildlich für einen der größten Imagewandel der Stadt steht. Aus der angeblichen Schnapsidee wurde ein weltberühmtes Bauwerk – und aus Skepsis eine Liebe, die nun seit 70 Jahren hält und immer noch stärker zu werden scheint.

Vier Pils kosteten 4,80 D-Mark

Blicken wir auf eine Rechnung im Jahr 1957: Da war der Fernsehturm quasi noch ein Baby, gerade mal ein Jahr alt, aber doch schon 211 Meter groß. Die Eltern unseres Lesers Michael Vetter haben ihr Hochzeitsessen mit bester Aussicht genossen. Ein wichtiges Dokument aus seinem Familienalbum hat er unserem Geschichtsprojekt Stuttgart-Album geschickt.

„Ihr Verzehr“, steht da drauf. Nah an den Wolken, dies haben unzählige Paare seitdem erhofft, lässt sich das Glück noch besser einfangen. 82,39 D-Mark – so viel hat das Hochzeitsessen der Vetters für vier Personen damals gekostet. Als Hauptgericht gab’s Rumpsteak. Vier Pils kosteten 4,80 D-Mark.

Preissprung am Fernsehturm: Von 1,50 Mark zu 12,50 Euro Rechnung eines Hochzeitsessen auf dem Fernsehturm im Jahr 1957 Foto: Vetter

Auch die Eintrittskarten sind noch erhalten: Für die Fahrt im Aufzug zahlte ein Erwachsener 1,50 Mark. Seitdem haben die Preise echte Höhenflüge hingelegt – heute kostet der Aufstieg zur Plattform 12,50 Euro. In 69 Jahren ist der Preis damit um etwa 1530 Prozent gestiegen. Sind in dieser Zeit die Löhne ebenso gestiegen? Aber wer denkt schon an Geld, wenn es um Liebe geht?

Geliebter Fernsehturm! Seit sieben Jahrzehnten stehst du über uns, stiller Wächter der Stadt, und bist doch so lebendig in unseren Herzen. Vom ersten Sonnenaufgang bis zum letzten Glanzlicht am Abend begleitest du uns, mal stolz, mal verträumt, stets unverwechselbar. Selbst im größten Sturm bleibt deine Eleganz unerschütterlich. Stuttgart wäre ohne dich nicht dasselbe – du bist mehr als Beton und Stahl, du bist Heimat, Sehnsucht und ein Stück Ewigkeit.

Besucherzahlen am Fernsehturm: Von Rekorden zu Rückgängen

Im vergangenen Jahr hat SWR Media Services, die Betreiberin des Wahrzeichens, 281.531 Besucherinnen und Besucher gezählt. Damit liegen die Zahlen noch immer unter der Vor-Corona-Zeit, als 2019 exakt 343.278 Menschen im Aufzug nach oben fuhren. In der Pandemie brach die Zahl 2020 auf 83.554 ein, und von den goldenen Anfangsjahren können die heutigen Pächter nur träumen: 1957 waren es 930.549 Gäste auf der Plattform, also dreimal so viele wie heute.

Treffen der Familie Hugendubel 1967 auf dem Turm Foto: Hugendubel Queen Elizabeth II. und der grüne Rasen am Fernsehturm

Als sich die damals 39-jährige Queen im Mai 1965 auf dem Fernsehturm ins Goldene Buch einträgt, will man es ihr besonders schön machen. Um sich nicht mit dem spärlichen Graswuchs vor dem Wahrzeichen zu blamieren, hilft die Stadt mit grüner Sprayfarbe nach. God save the green!

Er ist Teil der Popkultur, Instagram-Star und Nostalgie zugleich. Die Liebe zum Fernsehturm ist ungebrochen. Im Internetportal unseres Stuttgart-Albums teilen Fans ihre Erinnerungen:

Thomas Weitzel: „Einmal mit einem Sack voller Papierhubschrauber oben gewesen und alle fliegen lassen – war wunderbar!“

Harald Frank: „Er ist der Fels in der Wolkenbrandung!“

Nadine Schneider: „Im Jahr 2000 durfte ich über die Treppe hochlaufen. Runter ging es mit dem Fahrstuhl – nach einem ziemlichen Drehwurm.“

Margarete Wangen: „War mit meinen Eltern oben, als er fertig war. Ich war sechs Jahre alt. Alles unvergessen.“

Thomas und Brigitte Müller feiern seit 23 Jahren jedes Jahr ihren Hochzeitstag auf der Turmplattform.

Vom belächelten Bauwerk zum Stolz Stuttgarts

Bei der Eröffnung am 5. Februar 1956 wurde die exakt 216,6 Meter hohe Schöpfung Leonhardts noch belächelt: „lange Bohnenstange mit Bienenkorb“ hieß es etwa. Doch schon bald hat die Stadt den eleganten Turm ins Herz geschlossen. Heute steht er auf der Vorschlagsliste Baden-Württembergs für das Weltkulturerbe.

Leonhardt wollte, dass Menschen auf seinen Turm dürfen, um die Stadt und die Landschaft zu bestaunen. Er vereinte Schornstein, Turm und griechische Säule zu einem Meisterwerk der Ingenieurskunst – mit entscheidender Mithilfe seiner Frau, die alle Entwürfe begutachtete. Stuttgart besitzt den weltweit ersten Fernsehturm in Stahlbetonbauweise. Er gilt als Ur-Modell für zahlreiche Nachfolgebauten.

Technikgeschichte trifft Nostalgie

Seit 1986 ist der Fernsehturm Kulturdenkmal. Die Fernsehantennen sind längst stillgelegt, die digitale Radiotechnik arbeitet auf dem benachbarten Fernmeldeturm. Heute müsste er eigentlich Radioturm heißen – doch der Stolz der Stadt behält seinen alten Namen. Er ist Orientierungspunkt, Heimatzeichen und Fotomotiv zugleich.

Nicht nur die Aussicht von oben begeistert: Fotograf Charles C. Urban hält das Farbenspiel der Stuttgarter Himmel fest, das der Fernsehturm dramatisch inszeniert. Sonnenstrahlen, Wolken und Lichtbrechung sorgen immer wieder für magische Momente.

Eine Stadt und ihre Liebe zum Turm

2013 musste der „Lange Lulatsch“ wegen Brandschutz vorübergehend schließen – ein Schock für viele Fans. Doch die Sperrung war nicht von Dauer. Heute blickt Stuttgart wieder auf sein Wahrzeichen, das aus Stahlbeton erste seiner Art weltweit, unverwechselbar und geliebt ist.

Und auch private Erinnerungen verbinden Generationen mit dem Turm: Nah an den Wolken, auf der Plattform, haben unzählige Paare ihr Glück gefeiert, Kinder die ersten Papierhubschrauber fliegen lassen oder Familien staunend auf die Stadt geblickt. Sieben Jahrzehnte, unzählige Erinnerungen, endlose Aussicht – und die Liebe der Stuttgarter ist ungebrochen.

Er gehört zu Stuttgart, zu uns allen. Er ist Teil der Stadt, Teil der Geschichten, Teil unserer Herzen. Happy Birthday, Großer!