
AUDIO: Schneekanone statt Pinsel: Aktionskünstlerin Stephanie Lüning (4 Min)
Stand: 03.02.2026 15:27 Uhr
Schneekanone statt Pinsel: Die gebürtige Schwerinerin Stephanie Lüning macht aus öffentlichen Orten riesige Kunstflächen – beispielsweise auf dem Platz vor dem Centre Pompidou oder am Lübecker Holstentor. Jetzt hat sie eine Skipiste in Österreich in ein buntes Farbenmeer verwandelt.
Eisiger Wind pfeift über die verschneite Piste in Flachau bei Salzburg. Mittendrin: Stephanie Lüning. Sie kramt aus ihrem VW-Bus bunte Kanister heraus und trägt sie den Berg hinauf. Was sie vorhat, verraten zunächst nur merkwürdige Utensilien. „Kanister brauchen wir. Schläuche brauchen wir, Adapter, alles mögliche. Die ganze Gartenausstattung“, erklärt sie.
Wenn die Action losgeht, lässt Stephanie Lüning los
Gartenausstattung im Hochgebirge? Die gebürtige Schwerinerin will heute im Rahmen der Kunstbiennale „Minus 20 Degrees“ ein Experiment wagen: eine Schneekanone mit farbigem Wasser befüllen, um bunten Schnee auf die weiße Piste zu schießen. Gelb, Rot, Blau – die Primärfarben sollen sich zu einem riesigen Gemälde vermischen. Eine Premiere – auch für die Künstlerin selbst. „Was ich so spannend finde, ist, dass ich eben nichts mehr unter Kontrolle habe“, sagt die Schwerinerin. Sie baue alles auf, präpariere es. Wenn dann die Action losgehe, dann lasse sie los. „Was dann kommt, das passiert.“

Vor dem Centre Pompidou in Paris versammelten sich Tausende Menschen bei der Schaumaktion von Stephanie Lüning.
Die Schwerinerin ist vor allem für spektakuläre Schaumaktionen bekannt. Am Centre Pompidou in Paris, in London oder am Lübecker Holstentor hat sie schon ganze Plätze mit farbigem Seifenschaum geflutet. Eine fröhlich-bunte Schaumparty. Ihre Kunst: immer vergänglich, immer im öffentlichen Raum. Auch das ist ein Aspekt, der die Künstlerin immer wieder begeistert: „In Paris beim Centre Pompidou. Da waren am Ende 100.000 Leute, die die Arbeit gesehen haben. Das ist total toll, weil die Arbeit sich dann nochmal vergrößert.“
Hochkonzentrierte Lebensmittelfarbe im Schnee

„Mecklenburgerin im Herzen“: Die Aktionskünstlerin Stephanie Lüning wurde 1978 in Schwerin geboren.
In großen Bottichen rührt Stephanie Lüning hochkonzentrierte Lebensmittelfarbe mit Wasser an. Alles biologisch abbaubar. Aber bei Temperaturen an die minus zehn Grad wie heute ist das nicht einfach. Wasser gefriert quasi sofort, wenn man es verschüttet. „Für mich ist das wie so eine riesige Leinwand und ich finde gut, vor dass ich irgendwann keine Kontrolle mehr habe über meine Arbeit, dass sich das alles verselbständigt.“
Dann wird die Farbe in Kanister gefüllt, Schläuche an eine Schneekanone angeschlossen. Das Prinzip: Die Schneekanone zerstäubt das farbige Wasser zu feinstem Nebel, der sich als bunter Schnee auf der Piste absetzt. Wie ein riesiger Pinsel, den die Künstlerin steuert. Ein Verteiler aus Gartenschläuchen soll die unterschiedlichen Farben aus den Kanistern mischen. „Das ist quasi wie eine Mischpalette. Hier vorne kommt dann die Mischfarbe raus“, erklärt die Künstlerin.
Spannung an der Farbkanone
Dann ist es soweit. Die Schneekanone wird gestartet. Der Motor dröhnt ohrenbetäubend. Doch zunächst: passiert nichts! Hat die Kälte die Technik lahmgelegt? Sekunden der Anspannung.: „Ich dreh‘ mal auf sechs“, ruft sie ihrer Assistentin Marlene zu. „Wieso passiert hier nichts? Ja! Ja jetzt!“, folgt kurze Zeit später. Da schießt schon bunter Schnee aus der Düse. Erst gelbe Fontänen, dann rot, dann blau.
Stephanie steuert die Kanone wie einen riesigen Pinsel: „Marlene, Rot zu!! Gelb auf – Jetzt mach mal Blau.“ Marlene steuert die mit Gartenschläuchen umfunktionierte Mischbatterie. Die Farben vermischen sich auf der Piste, setzen sich als bunter Belag auf dem weißen Schnee ab. Minutenlang regnet es bunten Schnee.
Vergängliche Kunst als wahrhaftige Erfahrung

Die Aktion fand innerhalb der Reihe „minus20degree“ statt.
Ein riesiges abstraktes Gemälde entsteht auf der Piste. Menschen kommen näher, Kinder rodeln durch die Farben, hinterlassen Spuren. Sie werden Teil des Kunstwerks. Genau das will die Künstlerin. „Ich kann mit Kunstwerken oder mit Werken, die dann still stehen, sich nicht mehr verändern, nichts anfangen. Vergängliche Arbeiten sind immer wahrhaftig und immer im Moment.“
Der Moment als Werk. Die Aktionskünstlerin hat die ganze Piste in einen bunten Regenbogen verwandelt. Vergängliche Kunst nennt Stephanie Lüning das. Was hier in der Kälte entsteht, ist morgen schon wieder verschwunden.

Die Schweriner Künstlerin Stephanie Lüning baut weltweit bunte Schaumburgen vor Wahrzeichen. In Lübeck sorgte Wind für Probleme.

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