Die Sprache, in der die französische Gastdirigentin Lucie Leguay mit dem Ensemble Modern kommuniziert, ist international verständlich: Nach Art des Scat-Gesangs zeigt sie mit lautmalerischen Silben und perkussiver Zungenfertigkeit, wie sie sich Akzente und energetische Entwicklungen in der rhythmisch prägnanten Tonsprache des 2001 geborenen Leon Liang vorstellt. Gegenvorschläge aus dem Ensemble hallen in der gleichen Art zurück. Sie werden ausprobiert und gegebenenfalls gemeinschaftlich angenommen, um dann in dieser Form beim rund zweiwöchigen Festival „cresc…“ aufgeführt zu werden.
Zum achten Mal stellen Ensemble Modern, hr-Sinfonieorchester und hr-Bigband gemeinsam diese Biennale für aktuelle Musik auf die Beine. Sie bietet diesmal unter anderem 14 Uraufführungen unter dem großen Thema „Schwärmen“. „Inside the swarm“ können sich alle Besucher gleich zu Beginn mit zwei (Klang-) Installationen von Justine Emard bei freiem Eintritt in der KunstKulturKirche Allerheiligen fühlen. Die mit „lebendigen Organismen“ verglichenen Installationen werden im Beisein der Pariser Künstlerin am 4. Februar eröffnet und bleiben die ganze Festivalzeit bis zum 15. Februar in der Spielstätte am Nordrand des Frankfurter Zoos. Dort können sie jeden Abend, außer am 13. und 14. Februar, von 18 Uhr an bis 22.30 Uhr besucht werden.
Um in der Darmstädter Centralstation zum konzertanten Auftakt am 5. Februar einen Abend voll unvorhersehbarer Frische erleben zu lassen, hat sich die hr-Bigband mit dem achtköpfigen, ebenfalls improvisierenden Vokalensemble Trondheim Voices zusammengetan. Als Leiter stellt der amerikanische Jazz-Schlagzeuger und Komponist John Hollenbeck dazu eigene Stücke vor.
Jazz-Schlagzeuger und Komponist: John HollenbeckMercedes Jelinek
Das hr-Sinfonieorchester gestaltet zwei opulente Abende: Zum 6. Februar, an dem Sylvain Cambreling musikalische „Superorganismen“ von Miroslav Srnka, Conlon Nancarrow und Rebecca Saunders dirigieren wird, schwärmt es aus in die Bad Vilbeler Stadthalle VILCO. Tags darauf spielt es unter der Leitung von Brad Lubman im hr-Sendesaal die „Desert Music“ des Minimalisten Steve Reich und eine Uraufführung der in Litauen geborenen Komponistin Justė Janulytė.
Zeitgenössische „Winterreise“ von Ort zu Ort in Frankfurt-City
Zu einer gemeinsamen Winterreise durch die Frankfurter Innenstadt treffen sich am Sonntag, 8. Februar, Musiker und Zuhörer um 13:45 Uhr am Nebbienschen Gartenhaus in der Bockenheimer Anlage. Grundidee des ungewöhnlichen Wandelkonzerts ist es, Schuberts Liederzyklus „Winterreise“ in die Gegenwart zu holen und mit allen Sinnen erfahrbar zu machen: „Winterreise findet eigentlich ständig statt“, sagt der Tenor Julian Prégardien. „Immer ist jemand in unserem Bekanntenkreis auf Winterreise, ohne dass wir es merken.“
Prégardien hat mit Christian Fausch, dem künstlerischen Manager und Geschäftsführer des Ensemble Modern, die Idee entwickelt, das Ensemble Modern dazu sechs Kompositionsaufträge vergeben. Die Uraufführungen mit Prégardien und der Sopranistin Pia Davila erfolgen an zentralen Orten in Frankfurt, etwa in der Katharinenkirche und im Museum of Modern Electronic Music (MOMEM) an der Hauptwache. Angeführt durch Julian Prégardien und Pia Davila, bewegt sich der Zuhörer-Schwarm zu Fuß oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln von einem Aufführungsort zum anderen.
„Ein besonderes Gefühl von Gemeinschaft“
Jenseits von Konventionen will dieses Projekt Räume für eigene Erfahrungen öffnen: „Aus der eigenen Komfortzone herauszukommen, hat eine besondere Kraft, aber auch eine Verletzlichkeit“, sagt Prégardien. Wenn Menschen sich gemeinsam in ungewohnte Situationen begeben, entstehe „ein besonderes Gefühl von Gemeinschaft“.
Am Abend kann man diese Kompositionen in der geschützten Atmosphäre des Casals Forum in Kronberg noch einmal im Zusammenhang hören. Dort werden auch die eingangs erwähnten Miniaturen von Leon Liang uraufgeführt, die im nachmittäglichen Wanderkonzert keinen Raum mehr fanden: In sehr verschiedenen Tonsprachen vertont der australische Komponist Texte von „Menschen im Abseits“, etwa von Obdachlosen über Sinnsuche und Ausgrenzung, die der Sozialwissenschaftler Stefan Weiller in seinem Projekt „Deutsche Winterreise“ zusammengetragen hat.
Für das zweite Festival-Wochenende haben Hermann Kretzschmar und Uwe Dierksen vom Ensemble Modern unter dem Motto „beehive connection“ Musik aus drei Jahrhunderten zusammengetragen und daraus etwas Neues komponiert. Kammermusikgruppen aus allen beteiligten Klangkörpern stellen das Programm am 14. Februar von 20 bis 23.30 Uhr in der KunstKulturKirche Allerheiligen zwischen den Installationen von Justine Emard vor.
Unter dem Motto „swarm music“ hat sich die Internationale Ensemble Modern Akademie (IEMA) mit dem auf historischen Instrumenten spielenden Ensemble Continuum XXI zusammengetan, um im Frankfurter Mousonturm Alte und Neue Musik miteinander zu verbinden, etwa in „tria ex uno“, in der Georg Friedrich Haas sich auf den Renaissance-Komponisten Josquin Desprez bezieht.
Zum Abschluss des Festivals werden am 15. Februar von 18 Uhr an im Frankfurt LAB vier junge Komponisten, Hed Bahack, Caio de Azevedo, Eungjin Lee und Yixie Shen vorgestellt. Der Titel „sonic synergies“ verweist auf ihr Zusammenwirken mit Mitgliedern und Akademisten des Ensemble Modern, dem Komponisten Michael Jarrell und dem Dirigenten Toby Thatcher als ihren Mentoren im Nachwuchsförderprogramm „young_professionals“.
cresc… Biennale für aktuelle Musik, verschiedene Orte im Rhein-Main-Gebiet, 4. bis 15. Februar